Freitag, 16. August 2013

Tarnation - Werde Zeuge Caouettes´ Genialität


 This little light of mine, I'm gonna let it shine.“

Es gibt sie doch noch. Diese seltenen, unfassbar seltenen Augenblicke in denen man das Bild aufflackern sieht und nach wenigen Sekunden merkt, das ist was Einzigartiges. Etwas wahrlich einzigartiges. Ein vollkommenes Unikat. Ein von der Vergangenheit gebeutelter Mann, ein Mann von der Zeit gezeichnet, ein Regisseur, eine Vision, ein Film.

Jonathan Caouette hatte diese Visionen, diese Träume schon immer. Er war in ihnen gefangen, er wollte in ihnen gefangen sein, er lebte sie. Ein Mann der seine Träume lebt, beachtlich. Einer dieser Träume war TARNATION. Ein Film über sein Leben, alle Dinge die ihn geprägt haben, die ihn zu dem gemacht haben was er ist.
Mit 200 Euro und einem I Mac verwirklicht er diesen Traum. Verrückt und ebenso genial denn die Wirkung, welche der Streifen auf den Zuschauer ausübt, ist eine wahnsinnig intensive.

Jeder Mensch hat seine Probleme, mal sind sie mehr mal weniger traurig, doch beschäftigen tun sie uns alle. In Tarnation zeigt uns Caouette eine einschüchternde, erschütternde und wahre Geschichte. Teilweise unmenschlich, hasserfüllt und dennoch so einfühlsam. Ein beachtenswerter und beeindruckender Mensch, der sich hinter der Kamera befindet. Seine Probleme sind außergewöhnlich, sie sind schwerwiegend und traurig. Abstoßung und Bewunderung treffen so häufig aufeinander wie nie zuvor.


TARNATION erzählt seine Geschichte auf sehr unterschiedliche Weise. Einmal werden verschiedene Polaroids und Fotos gezeigt, einmal wird die Geschichte in Schriftform weitererzählt, ein anderes Mal hält uns der Anrufbeantworter auf dem Laufenden, Mal sind es Telefonate. Der Film ist unberechenbar, unvorhersehbar und völlig eigen. Häufig bleibt der Zuschauer im Unklaren mit was er jetzt eigentlich konfrontiert wird. Eine Reizüberflutung an Bildern, Eindrücken, Gesichtern und Menschen gepaart mit einer ebenso passenden wie gefühlvollen Musikauswahl, sorgen für einen Mix aus Fassungslosigkeit und Verblüffung. Jonathan Caouette arbeitet manipulativ und in höchstem Maße effektiv. Er weiß welche Wirkung welches Puzzleteil seines Traums auf den Zuschauer hat, er weiß es ganz genau. Schonungslos und Kompromisslos setzt er dieses Wissen ein und lässt ein Kunstwerk auf den Zuschauer los, dessen Wirkung er hoffnungslos ausgesetzt ist.


TARNATION zeigt die Suche eines Menschen nach sich selbst. Der Film zeigt die Verarbeitung der Vergangenheit, der Film zeigt Liebe wie sie noch nie zu sehen war. Ehrlich, aufrichtig und für jeden ersichtlich prasselt der Gefühlscocktail auf die Linse ein. Es ist ein Streifen in dem der Zuschauer als Sieger hervorgeht. Der Zuschauer sieht, hört und liest grauenvolle Dinge, empfindet Ekel, Mitleid und ist überfordert, doch was am Ende bleibt ist Liebe und Aufrichtigkeit. Was am Ende bleibt ist ein fulminantes und außergewöhnliches Regie-Debüt, was am Ende bleibt ist der visuell in Stein gemeißelte Traum eines Menschen, der eben die Dinge anpackt und in die Tat umsetzt, die er sich so sehr wünscht. TARNATION ist nicht nur sehenswert, sondern Pflicht für jeden Filmliebhaber, der etwas sehen möchte, dass es in dieser Form noch nie gab. TARNATION hinterlässt Spuren und wirkt nach, der Zuschauer schämt sich für seine läppischen Problemchen. Vielleicht ist TARNATION deshalb so wertvoll, weil der Film einem zeigt wie viel Glück man doch eigentlich hat.



 „It is still a beautiful world.“


Bewertung: 08/10


Genre: Drama, Doku
Originaltitel: Tarnation
Regisseur: Jonathan Caouette 
Darsteller: Jonathan, Renee, Adolph
Erscheinungsjahr: 2003
Produktionsland: USA
Laufzeit: 88 Minuten
Originalsprache: Englisch
Altersfreigabe: FSK 12

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