Montag, 10. Oktober 2016

DIE Kinoüberraschung "Swiss Army Man" - Fürze, Leid und Leben


AB 13. OKTOBER IM KINO! ©Capelight


Braucht es wirklich eine furzende Leiche um den Glauben an die Kraft des Kinos aufrechtzuerhalten? Braucht es einen Paul Dano, der auf Daniel Radcliffes von Flatulenzen geschütteltem Leichnam einem Jet Ski gleich durch die Wellen pflügt? Braucht es Furzwitze und Erektionen um den Zuschauer mit einer unerhörten Portion Menschlichkeit zu überschütten? Ja, ja und nochmals ja! „Swiss Army Man“ ist ein durchgeknallter, über die Stränge schlagender, kraftvoller und unheimlich liebenswerter Bastard von einem Film, der die Erinnerung an ein fades Kinojahr mit einem Wimpernschlag verblassen lässt.

Hinter all den unangenehmen Wahrheiten, die eine vor sich hin faulende Leiche so mit sich bringt, verbirgt sich ein humanistisches Kleinod von einem Film. Das ist dem schier unbändigen Ideenreichtum Dan Kwans und Daniel Scheinerts zu verdanken, die „Swiss Army Man“ zu einer Groteske in einem Liebesfilm in einem Survivalfilm machen. Nie weiß der Zuschauer wohin die Reise geht. Die Tortur des von Paul Dano genial verkörperten Kent ist in seinen besten Momenten die Essenz des Kinos. Ein Film über Freundschaft und Hass, Liebe und Einsamkeit und über den Willen als Mensch wahrgenommen zu werden, etwas zu bedeuten und sei es nur für den Zauber eines Augenblicks, für die Momentaufnahme einer Handykamera. Schönheit findet sich in „Swiss Army Man“ in den kleinen Momenten, in denen sich Kent der Lächerlichkeit Preis gibt, seine Seele dem Zuschauer offenlegt. Wer da nicht fühlt, hat nie gelebt.

©Capelight Pictures

„Swiss Army Man“ ist sperrig in seiner Ausgangslage, skurril in seiner Machart und doch durch und durch figurengetriebene Filmkunst, wie man sie selten sieht. Ein glorreicher, wilder, ungestümer, bisweilen befremdlich ekeliger und irritierend berührender Film, der länger nachwirkt als 90 Prozent all dessen, was derzeit im Kino zu finden ist. Denn im Kern behandelt „Swiss Army Man“ Themen, die uns alle angehen und die im Grunde recht simpel sind. Keiner von uns möchte für immer alleine sein. Wir alle wollen mehr oder weniger dazugehören und sei es bloß als Teil einer Randgruppe. Einen echten Freund finden, für die große Liebe kämpfen, auf das Herz hören, sein Leid teilen, aber auch die Freuden zusammen erleben – kurz: Mensch sein. Das mag einfach klingen, vielleicht sogar ganz und gar nicht besonders. Wenn wir alle aber ganz ehrlich sind, würde das schon ausreichen.

Fazit


Gut nur, dass es so nicht läuft. Dann wäre das Leben eine Spur eintöniger und die Filmwelt um ein Kleinod wie „Swiss Army Man“ ärmer. Das Leben hat seine Fehler, aber es ist die Kunst des Menschen, stets einen Silberstreif am Horizont zu sehen. Kein Film hat das in letzter Zeit besser veranschaulicht, als „Swiss Army Man“, ein Film mit einer furzenden Leiche im Mittelpunkt. Wer hätte das gedacht. Das Leben schreibt schon die seltsamsten Geschichten. 

©Capelight Pictures

BEWERTUNG: 8,5/10
Titel: Swiss Army Man
FSK: nicht bekannt
Laufzeit: 97 Minuten
Autor/Regisseur: Dan Kwant, Daniel Scheinert
Darsteller: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Richard Gross



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