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Samstag, 10. August 2013

Audreys Gedanken zu... Requiem for a Dream


Der Schmerz einer Totenwache


Was wäre wenn...Aronofskys Requiem for a dream andersrum laufen würde? Zuerst Winter, Herbst und dann der Sommer.

Immer, wenn ich darüber nachdenke, warum Requiem for a Dream mich so sehr trifft und warum manche Leute den Film sogar so schmerzhaft finden, dass sie ihn nie wieder sehen wollen, fällt mir eigentlich nur ein Grund ein: Wegen dem Ende. Es sind nicht unbedingt die schnellen Bilder, die gehetzte Musik oder das Aussehen und die Geschichte der Protagonisten, es ist ganz alleine das Ende. Beim Tanz sagt man immer: Das Ende ist das Letzte, was dem Zuschauer in Erinnerung bleibt. Beeindruckt ihn das Ende nicht, ist alles, was du davor getanzt hast, bedeutungslos. Requiem for a Dream ist insofern nicht mehr als ein Tanz. Ein Tanz mit einem Traum. Der Traum vom Glück. Wenn ich mir Aronofskys Filmographie in diesem Kontext ansehe, fällt mir auf, dass er ein Meister des beeindruckenden Endes ist. Wenn ich jeden seiner Filme auf nur einen Eindruck beschränken müsste, wäre es immer das Ende. Die Bohrmaschine des Mathematikers. Die spirituelle Reise ins Weltall. Der springende Wrestler. Der sterbende Schwan. Und hier: Hoffnungslose, glücklose Menschen, zusammengekauert, ohne Ziel, ohne Sinn, die Totenwache für ihren Traum vom Glück.

Wenn die Kapitel andersrum gestellt wären, würde der gesamte Film seine Bedeutung verlieren und zu einem durchschnittlichen Drama mutieren, in dem Junkies ohne Hoffnung wieder Hoffnung schöpfen und glücklich werden. Der Film würde eine komplett andere Botschaft aussenden, wäre hoffnungsvoll und zuversichtlich. Es gäbe ein Happy End und der Zuschauer wäre kurz glücklich. Aber er wäre nicht beeindruckt. Denn wenn der Film sein beeindruckendes Ende verliert, wird er bedeutungslos und genau zu dem, was so einige ihm vorwerfen: ein Blender. Zum Glück widersetzt Aronofsky sich stetig dem Happy End, denn böse Enden sind beeindruckender, sehr viel beeindruckender. Und zwar weil sie realistisch sind. Es gibt kein Happy End im Leben, weil das Leben stetig weitergeht. Wenn am Filmende einer stirbt, gilt das als böses/trauriges Ende, also kann es im Leben nur böse/traurige Enden geben.

Klar, wir wollen uns in andere Welten entführen lassen, das Glück miterleben, mitfiebern, hoffen und so weiter. Das tun wir hier ja auch, nur in einer anderen Reihenfolge. Im Sommer kriegen wir den Aufstieg des Glücks gezeigt, der Zuschauer lächelt mit, ist voller Hoffnung und Lebensfreude. Im Herbst tritt das Leben ein, das Glück versiegt und der Zuschauer spürt die Bedrohung des Unglücks, hofft aber immer noch auf eine gute Wendung. Spätestens im Winter realisiert er dann, dass es diese gute Wendung nicht gibt, dass es sie vielleicht niemals geben wird. Alle Hoffnung ist weg, das Chaos regiert, was auch mit den rasanten, oft geschnittenen Bildern unterstrichen wird. Das Unglück bringt das Glück um. Der Traum vom Glück ist tot und alle halten Totenwache.

Ich denke in letzter Zeit so gerne über diesen Film nach. Er ist so besonders. Es ist so, dass man gar nicht unter die Oberfläche tauchen will, da die Oberfläche so schön und gleichzeitig schmerzhaft ist, dass man sich nur zu gerne damit begnügt. Doch unter dieser Oberfläche wird so viel gezeigt über die Träume, über das Glück, über das Leben und was wir ohne all das wären. Auch wenn Aronofsky seine Protagonisten immer mit ihren eigenen Träumen erwürgt, soll das auf keinen Fall der Abschreckung dienen, sondern eher der Motivation, seine eigenen Träume zu verwirklichen, sie zu leben. Denn ohne Träume wären wir sogar noch hoffnungsloser als die Charaktere von "Requiem for a Dream" am Ende, denn wir hätten noch nicht mal etwas zu betrauern, ja, wir würden noch nicht mal merken, dass wir innerlich tot sind, weil wir nie lebendig waren. 

Die Theorie mit der Moralkeule weise ich entschieden ab, weil die Drogen eigentlich nur als Mittel dienen, das Ziel jedoch wo ganz anders liegt abseits der Drogen. Es könnte genauso ein Bankier sein, der sich verspekuliert oder ein Liebespaar, dessen Liebe am Leben zerbricht. Aber nur mit Junkies kann Aronofsky diese Bilder erschaffen, nur mit dem körperlichen Zerfall wegen Drogen kann er auch den Zerfall eines Traumes bildlich dokumentieren und deshalb ist das Ganze absolut gerechtfertigt.

Der Grund, warum Requiem for a Dream so schmerzhaft und beeindruckend ist, ist, dass der Film ein einziger Tanz ist und dieser Tanz nur aus dem Ende besteht.

Dienstag, 6. August 2013

Ein kleiner Gedankengang zu...Horror(filmen)



Ich war gestern noch spontan im Kino um mir den, laut den allgemeinen Aussagen, besten Horrorfilme der letzten Zeit anzuschauen: The Conjuring. Im Endeffekt wird da nichts gezeigt, was man nicht kennt - Familie zieht in ein altes, zwangsversteigertes Haus ein und plötzlich geschehen seltsame Dinge. Türen knallen, Stimmen flüstern. Das volle Programm. Ich persönlich habe bei solchen Filmen eine Heidenangst. Warum frage ich mich aber. Warum geht es mir so, und anderen wieder nicht? Wieso kann ich mir dafür die härtesten Gore-Filme anschauen, ohne dass ich mit der Wimper zucken muss? Wenn wir auf das Argument mit den Urängsten zurückgehen, wäre ein blutrünstiger Killer doch ein viel besserer Grund in Angst zu geraten, als 'Windstöße' die die Fenster zu hauen.

Natürlich ist es das Ding, dass der Mensch Angst vor dem Ungewissen hat, das ist ja der Dreh- und Angelpunkt solcher Filme. Alles ist dunkel, die Kids schlafen, bedrohliche Musik ertönt und plötzlich werden sie von etwas unsichtbarem am Bein gezogen. Für mich Horror. Ebenso wie wenn man dann daraufhin unter dem Bett nachschauen muss. Als Zuschauer weiss man ganz genau, dass jetzt irgendetwas kommt. Man ist sich sicher. Eigentlich bereit. Und dennoch verkriecht man sich hinter seiner Decke und wartet die Szene ab. Ich finde es interessant, dass es so ist. Und das es bei anderen Menschen wiederum nicht so ist. Also wäre entweder das Argument mit der Urangst außer Gefecht gesetzt, oder die anderen einfach abgestumpft. Wobei ich auch abgestumpft wäre, da ich Gore, Splatter und sonstige Horrorfilme zum belächeln finde. 

Faszinierender ist für mich aber noch die Wirkung nach dem Film. Man hat sich jetzt einen wirklich guten Horrorstreifen angeschaut, man saß da und hatte ernsthaft einige Zuckungsanfälle. Wie kann man dann einfach nach Hause gehen, so, als ob nichts war? Klar, einige können da gut abgrenzen, doch ich finde es immer wieder amüsant mich dabei selbst zu beobachten: Man kommt nachts nach Hause, in der Wohnung ist sonst niemand und alles ist dunkel -> Da wird erstmal in jedem Zimmer das Licht angemacht. Rein provisorisch natürlich. Nichtmal 10 Minuten später ist das auch schon wieder vorbei und man kann durch den pechschwarzen Flur zum Bad gehen. Bis einem natürlich wieder einfällt was man grade für einen Film gesehen hat und das im Spiegel gerne mal Kreaturen auftauchen. Also ich vermeide den Blick in den Spiegel dann gerne mal. 

Als Kind war es sowieso immer ein Erlebnis. Man hat sich nachts heimlich einen Film angeschaut, dem Mama bestimmt nicht zugestimmt hätte und genoss es. Einfach aus dem Blickwinkel, dass man es ja eigentlich gar nicht durfte. Im Nachhinein bereute es wohl jeder von uns. Man musste zwischendurch oder danach mal ins Bad und hasste sich für die Entscheidung, den Film geschaut zu haben. Ich persönlich habe zum Bad und zurück Bestleistungen in Sachen Sprints hingelegt. Als man dann aber wieder im Bett war, ging der eigentliche Horror los. Kopfkino vom feinsten. Schlaf? Pah! Man achtete penibel darauf, dass die Beine ja bloß unter der Decke sind (das schreckliche Gefühl, wenn sie es nicht sind, habe ich heute noch) und um Gottes Willen nicht über dem Bettrand hängen (Betten bei denen man untendrunter schauen kann, sind das pure Böse). Überall waren gedanklich Monster zu sehen. Und sobald man einmal angefangen hat, kommt man da nicht mehr so schnell raus. Man sieht plötzlich Sachen im Dunkeln die wohl gar nicht da sind (sicherlich..) und kriegt kleine Panikanfälle. Ich bin ja immer noch der Meinung, in meinen Kindheitstagen mal eine Hexe vor meinem Fenster fliegen gesehen zu haben. Die wirklich einzige Einbildung, die ich mir absolut nicht eingestehen möchte. 

Man liegt also da, bereits schweißgebadet und hasst sich weiterhin. Eine Nacht ohne Schlaf, nur wegen einem Film. Super. Doch wenn man dann mal eingeschlafen ist, einfach weil man schon viel zu schwach geworden ist, um über Monster nachzudenken, geht der Horror in das nächste Level über. Albträume. Man war nirgends mehr sicher vor diesen Filmen! Und diese Träume kennt wohl jeder, wo man einfach die schlimmsten Sachen antrifft, die sich im eigenem Unterbewusstsein angesammelt haben und man ihnen nicht entfliehen kann - rennen funktioniert dann eh nicht, genauso wie schreien und schlagen. Sowieso sind Kinder und Träume so eine Sache, man kann oft gar nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden. Aber das Thema wäre jetzt schon wieder ein anderes.

Genau wegen solchen Erinnerungen liebe ich das Genre dennoch. Eigentlich paradox, denn schöne Erfahrungen waren es nicht wirklich. Aber im Endeffekt ist das ja sowieso alles gar nicht real. Oder doch?

“Believe only half of what you see and nothing that you hear.”