Samstag, 2. April 2016

"The Night Manager": Darf ich vorstellen, der neue James Bond | Staffel: 1

UK; US / 8 Episoden á 56 Minuten / FSK: 16 / Genre: Agententhriller / Bildrechte bei: BBC, AMC, AMAZON

Das stolze Budget von 30 Millionen Dollar garantiert noch keinen Hit. Bei „The Night Manager“ haben BBC und AMC aber klug investiert: Ein fantastischer Cast trifft auf beeindruckende Bilder. Die in Deutschland bei Amazon verfügbare Produktion ist ein neuer Standard für Agenten-Serien.

Eben noch haben Sie Nachtschichten in einem Luxus-Hotel abgearbeitet. Eine eher harmlose Tätigkeit, könnte man sagen. Plötzlich aber streckt Ihnen der mächtigste Waffenhändler der Welt die Hand entgegen, um sich in seinem Kreis zu begrüßen - einem Kreis der skrupellosen Kriminellen. Was ist da passiert? Es ist die Geschichte des Jonathan Pine (gespielt von Tom Hiddleston), der im Angesicht des Bösen - personifiziert von Hugh Laurie - beinahe gleichgültig reagiert. Einem Nacht-Manager, der unverhofft zum Agenten wird. Hiddleston vs. Laurie - der Agent und der Waffenhändler. „The Night Manager“ bietet eine der besten Fehden, die je in Serienform erzählt wurden. Und das obwohl der Knall erst in der letzten Episode zu hören ist.


Man merkt schnell wo die Oscar-prämierte Regisseurin Susanne Bier eigentlich her kommt. Sie ist es gewöhnt, schnell zur Sache zu kommen. Ein Kinofilm lässt nicht viel Zeit für die epische Breite mancher Fernsehserien. Und doch gelingt es Bier bei „The Night Manager“ wie auch in den meisten ihrer Filme, beim hohen Tempo die Charakterzeichnung nicht zu vergessen. Bier ist - wenn man sich einige ihrer Filme anschaut - etwa „Things We Lost In Fire“, „Nach der Hochzeit“ oder auch „In einer besseren Welt“  - eine Drama-Queen im fachlichen Sinne, die es immer wieder schafft, ein außerordentliches Figurenkonstrukt entstehen zu lassen, um die Geschichte dramatisch bis in die Haarspitzen in sich aufbäumen zu können.


In „The Night Manager“ bekommt sie mit Tom Hiddleston, Hugh Laurie und Olivia Coleman dafür gleich drei Hochkaräter an die Hand. Vorlage verwandelt, würde man im Fußball sagen. „Ich dachte mir, dass es interessant sein könnte, mit Material zu arbeiten, das epische Ausmaße hat. Episch in Bezug auf umfangreiche und detaillierte Entwicklung in der Handlung“, erzählte die Regisseurin im DWDL.de-Interview. Glücklicherweise ist es ihr basierend auf der Buchvorlage von John le Carré gelungen, das Mehr an Spielfläche auch wirklich zu nutzen statt zu strecken. Man hätte der Serie beinahe noch etwas mehr Zeit für ihre tollen Nebendarsteller gewünscht. So wird der ehebrechende Lord Sandy Langbourne (gespielt von Alistair Petrie) wie einige andere etwas unter Wert verkauft.


Dafür ist „The Night Manager“ allerdings eine sehr überzeugende Bewerbung von Tom Hiddleston für die Nachfolge von Daniel Craig als neuer James Bond. Er ist in Personalunion eine atemberaubende Kombination aus elegant und frech, modern und altmodisch - sozusagen die Verschmelzung aller bisher da gewesenen Bonds. Sie fragen sich jetzt vielleicht: Ist das nicht etwas zu flott geschrieben? Nach den acht Folgen des intrigenreichen Spionagespiels der von Amazon nach Deutschland geholten BBC-Produktion dürften diese Sorgen ausgeräumt sein. Besonders charmant sind jene Momente in denen Hiddleston aus jeder noch so prekären Lage mit einer gewissen Leichtigkeit herauskommt. Momente, in denen man einen Hauch von Schweiß auf seiner Stirn erahnt, ehe er diesen Eindruck in Milisekunden durch lässiges Herausreden vergessen lässt. Die Coolness eines Bond, James Bond, ist da.


Doch ein Held sticht erst hervor, wenn er sich an einem ebenbürtigen Gegner reiben kann. Hugh Laurie als ‚Lord of War‘ Dickie Roper kann ihm da Gott sei Dank Stirn bieten und lässt sowohl das alberne „Blackadder“ als auch "Dr. House" zurück. Mag seine Verkörperung eines sarkastischen Arztes auch allein durch die Vielzahl der Staffeln im US-Fernsehen weltweit einen sehr bleibenden Eindruck hinterlassen haben - erfreulicherweise hängt ihm diese Rolle bei „The Night Manager“ nicht nach - so wunderbar verkörpert er hier das Böse. Ein bisschen Slapstick-Humor aus alten Tagen blitzt zwischendurch allerdings doch mal auf - stets mit Charme allerdings.


Genau den versprüht Tom Hollander („Stolz und Vorurteil“) in seiner Rolle als Ropers betrunkene, rechte Hand Major Lance Corkoran nicht all zu sehr. Mit Elizabeth Debicki („Der große Gatsby“), die zwischen Selbsthass und Jetset festhängt, muss er deshalb das Rennen um den Titel der aufwühlendsten Figur der Geschichte ausmachen. Beide drehen die Atmosphäre trotz ihrem recht stereotypen Charakter in Richtungen, die sich unangenehm und doch aufregend anfühlen und vollenden die Adaption von John le Carrés Roman rollentechnisch einwandfrei. Le Carré ist allgemein ein Garant für packende Agentengeschichten. Als britischer Ex-Geheimdienstler verschnürt er seine Romane immer wieder so, dass sie für eine Verfilmung prädestiniert sind. 



Die Neuauflage von „Dame, König, As, Spion“ von 2011 dürfte Genrefans wegen seiner Aktualität noch am ehesten im Kopf sein. Sie war wohl auch ein Grund dafür, dass Susanne Bier so viel Potential in „The Night Manager“ mit seiner Geschichte über eines der menschenverachtendsten Geschäfte der Welt, dem Waffenhandel und seinen arglistigen Strippenziehern, sah. Eine skrupellose Branche, in der man sich zwar für Geld viel kaufen und z.B. mit dem drei Millionen Pfund teuren Speedboat zum Restaurant düsen, vor moralischer und strafrechtlicher Verfolgung aber nie sicher sein kann. Nicht schlecht, wenn selbst ein ehemaliger Nacht-Manager eines Luxushotels einem das Leben verdammt schwer machen kann.

8.0/10



„The Night Manager“ startete mit seiner ersten Staffel am 21.02.2016 auf BBC und ist seit dem 28.03 auch auf Amazon Prime in acht rund 45 Minuten langen Teilen zu sehen.

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