Sonntag, 18. Mai 2014

Hannah und Ihre Schwestern - Woody Allen - Retrospektive #9

© Twentieth Century Fox

For all my education, accomplishments and so-called wisdom, I can't fathom my own heart.“

Hannah und ihre zwei Schwestern Lee und Holly verbinden eine Menge Personen miteinander. Da wäre Elliot, der Mit Hannah verheiratet ist aber seit geraumer Zeit eine starke Zuneigung für Lee empfindet. Da ist Mickey, der mit Hannah verheiratet war und nun mit ihrer zweiten Schwester Holly sympathisiert. Da gibt es Frederick, dessen einziger Draht zur Außenwelt Lee ist. Der Maler hegt einen enormen Groll gegen die Gesellschaft. David, April, Paul, Norma. Alles Namen die in Verbindung stehen, doch wie? Wie entwickeln sich diese zahlreichen Verstrickungen? Wie reagieren Menschen auf gewisse Dinge? Welche Entscheidungen treffen Menschen, wenn diese von elementarer Wichtigkeit für die Zukunft sind?

HANNAH UND IHRE SCHWESTERN darf sich zweifelsohne über zahlreiche lobende Kritiken freuen. Unmengen an Lobeshymnen prasselten auf den Streifen ein, der 1986 das Licht der Welt erblickte. Drei Oscars von den Sieben Nominierungen konnte die romantische Komödie einheimsen. Die reifste Arbeit Allen´s soll man hier zu sehen bekommen, der komplexeste Film Allen´s wird hier angekündigt. All diese Fakten, Meinungen und Zahlen lassen in der Folge auf ein Meilenstein in der romantischen Komödie hoffen, wenn nicht sogar auf das Meisterwerk Allen´s. Doch all das kommt einem wie ziemlicher Blödsinn vor, wenn man nach der vergangenen Laufzeit die Credit´s über den Bildschirm flackern sieht.
HANNAH UND IHRE SCHWESTERN ist zwar doch noch ein gutes Stück davon entfernt um sich als Flop abtun lassen zu müssen, dennoch muss sich Allen hier einige Kritikpunkte gefallen lassen. Denn von Perfektion oder seinem eigenen Meisterwerk, der Krone seiner Filmographie, ist dieses Projekt doch einige Meter vorbei geschrammt. 

Nehmen wir einmal die Trägheit des Streifens als Beispiel. Die gesamte erste Hälfte des Filmes wirkt wie eine einzige Farce, führt man sich die anerkennenden Worte vor Augen, die über den Film verloren wurden. Allen´s Wortwitz, seine Situationskomik, ja selbst seine Schauspielleistung wirkt bei weitem nicht so agil, flexibel und letztlich komisch, wie wir es aus anderen Arbeiten von ihm gewohnt sind. Der Film trügt in dieser Hinsicht eindeutig, so scheint er sich doch recht eindeutig für den Weg der Tragik entschieden zu haben. Der Handlungsverlauf deutet recht früh in Richtung des Dramas, zwar durchaus begleitet von einigen Schmunzlern und Lachern, wie sie nur Allen glaubwürdig in solch dramaturgische Gefilde einzugliedern weiß, aber dennoch eher auf Konfrontation gepolt. Die Konsequenz fehlt mit fortgeschrittener Laufzeit jedoch. Der sich lang anbahnende Crash, die Explosion der Entscheidungen der Protagonisten, die sich für gewöhnlich in den finalen Szenen eines Filmes entlädt, fällt völlig flach. Auf der einen Seite sicherlich oftmals realistisch und authentisch. Ja, vielleicht sogar ungemein riskant. Auf der anderen Seite langatmig und enttäuschend, hat man die gesamte Laufzeit nicht genutzt um Highlights zu setzen, auch Höhepunkte welche erst im Nachhinein zu solchen werden sind schwer bis unmöglich aufzufinden.
Was HANNAH UND IHRE SCHWESTERN somit falsch macht, ist die Gruppendynamik, welche Allen zwar langsam aber dennoch sehr akkurat und mit viel Feingefühl ins Rollen gebracht hat, einfach so verpuffen zu lassen und anstelle dessen ein freudiges Gefühl gegen Schluss entwickeln will, was so völlig in die Hose geht.

© Twentieth Century Fox

Vorteil dieser Art der Inszenierung ist sicherlich, der bewahre Realismus. Genauso oft wie sich der Mensch von der Versuchung leiten lässt, hört dieser auch auf seinen Verstand. Nicht jede Zwickmühle eskaliert, nicht jeder Fehler wird offengelegt, nicht jeder Betrug entlarvt. Allen nimmt auf diese Tatsache Rücksicht, integriert diesen in seinen Streifen und führt sein Publikum so zumindest ein wenig an der Nase herum.
Die Bilder New Yorks, ein weiterer Liebesbeweis an seine Stadt, werden in diesem Projekt letztlich nur in seltenen Fallen so ausdrucksstark eingefangen wie beispielsweise in MANHATTAN. Auch hier lässt der Regisseur ein wenig Federn.
Die Schauspielerischen Leistungen sind natürlich unbestritten absolute Spitzenklasse. Allen voran Michael Caine und Woody Allen tragen diesen Aspekt sehr deutlich nach außen. Auch Mia Farrow weiß sehr zu gefallen. Letztlich führen alle Fäden auf irgendeine Weise zu ihrer Figur der Hannah, und dennoch spielt sie ganz unscheinbar und zurückhaltend. Kann so ein gewisses Mysterium um ihre Person kreieren und den Zuschauer damit zeitweise faszinieren.

HANNAH UND IHRE SCHWESTERN ist ein Projekt das man sich sehr gut ansehen kann. Die teilweise sehr langatmige erste Hälfte, wird von einer ordentlichen zweiten Hälfte ausgeglichen. Trotzdem bekommt der Zuschauer das Gefühl, dass HANNAH UND IHRE SCHWESTERN die gesamte Laufzeit über auf der Suche nach sich selbst ist. Es kommen viele Facetten zu Gesicht. Die Komödie, die Tragödie, das Drama. Kultur, Koks, Architektur, Landschaften. Der Film ist ein prallgefülltes Paket mit allerhand Zutaten und im Gegensatz zur typischen romantischen Komödie Allen´s, kann sich diese hier kein genaues Profil verschaffen. Sie bleibt zu flexibel und zu wenig geradlinig. Trotz der sehr gut ausgearbeiteten Charaktere, der genialen Verknüpfung der Beziehung dieser kann Woody Allen kein großes Finale erzeugen und hat hier zumindest für meine Begriffe mit der Inszenierung einen Griff ins Klo getätigt. Das kann er deutlich besser, wenngleich HANNAH UND IHRE SCHWESTERN insgesamt ein ordentlicher Film ist, der lediglich an der hohen Erwartungshaltung und seinem verschenkten Potential scheitert.



God, she's beautiful. She's got the prettiest eyes. She looks so sexy in that sweater. I just want to be alone with her and hold her and kiss her and tell her how much I love her and take care of her.“


Bewertung: 06/10



© Twentieth Century Fox

Genre: Komödie, Drama

Originaltitel: Hannah and her Sisters
Regisseur: Woody Allen
Darsteller: Woody Allen, Barbara Hershey, Carrie Fisher, Michael Caine, Mia Farrow, Dianne Wiest
Erscheinungsjahr: 1986
Produktionsland:  USA
Laufzeit: 103 Minuten 
Originalsprache: Englisch
Altersfreigabe: FSK 12

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