Montag, 12. September 2016

Völlig losgelöst schwebt das Raumschiff: "Ascension"

Im Handel: Die Reise der Ascension!
"Gründlich durchgecheckt steht sie da..."

Na ja, eigentlich steht sie nicht mehr da. Die Ascension wurde zwar vor 51 Jahren mal kräftig durchgecheckt, aber seitdem sind die 600 Besatzungsmitglieder auf sich alleine gestellt. Um den Planeten Proxima zum Leben zu erwecken. Quasi ein Backup-Planet, falls es auf der Erde mal zum großen Knall kommt. Mehrere Generationen sind auf dem Raumschiff seitdem vertreten, sie leben unter Kunstlicht, gehen baden in künstlichem Wasser. Es gibt eine Krankenstation, es gibt eine Polizei, es gibt Sex, es gibt Alkohol, es gibt Affären. Ja, es gibt sogar Schweine auf diesem Raumschiff. Sowohl tierische als auch menschliche Schweine. Denn auch für Lorelei gilt: Gründlich durchgecheckt ist sie bloß noch für tot zu erklären. Jemand hat die junge Dame umgebracht. Mitten im All, nach 51-jährigem fröhlichen Miteinandersein auf dem Raumschiff gibt's plötzlich einen Mörder unter den Gestalten. Panik auf der Titani..äh, auf der Ascension!

"Effektivität bestimmt das Handeln..."

Angelehnt an das Orion-Projekt von John F. Kennedy erschufen Philip Levens und Adrian A. Cruz eine Welt, die zwar nicht an allen Ecken und Enden stimmig ist, aber von der inneren und äußeren Logik mal abgesehen, sich perfekt für eine gelungene, abendfüllende Serie eignet. Klappte, nun ja, mäßig. Eine Staffel sprang 2014 heraus, ausgestrahlt und produziert für Syfy. Weitere Folgen? Fehlanzeige. Lag vermutlich an der miesen Quote, ist aber jammerschade. Denn, wenn man sich die Serie zu Gemüte geführt hat, dann bemerkt man schnell: Da steckt einiges drin. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der üblichen Herangehensweise. 
Major Tom? Na ja, nicht ganz - eher Kapitän Denninger.

"Im Kontrollzentrum, da wird man panisch..."

Levens, der auch als ausführender Produzent in Erscheinung trat und für mehrere Folgen gleich auch die Grundlage schuf, erzählt die Story gemäß des Mottos: Die da unten, wir da oben. Und das gilt nicht nur für die Ascension. Dabei bedient er sich den üblichen Verstrickungen, die es zuhauf überall zu sehen gibt. Kapitän Denninger (Brian van Holt) hat seine Fühler auch zu jungem Gemüse an anderen Enden ausgestreckt, was seine Frau (Tricia Helfer) naturgemäß nicht toll findet. Es gibt weiteren Ärger, weil Denningers Polizeiboss (Brandon P. Bell) eigentlich einer von den unteren Decks ist, aber es sich oben gemütlich gemacht hat. 

Die unteren Decks: Das sind die Decks der verlassenen, armen Seelen. Leute, die dort dafür sorgen, dass die Leute ein paar Decks in Saus und Braus leben, forschen und speisen können. Da unten in den unteren Decks füttern sie Schweine, schweißen und suhlen sich in Schei*e. Und so weiter: Futterneid der da unten auf die da oben, die wiederum nichts Besseres zu tun haben, als sich gegenseitig anzufeinden. Weil der eine dem anderen seine Frau wegschnappt, dann gibt's da noch ein Kind namens Christa (Ellie O'Brien), das ebenfalls für Furore sorgt, weil sie seltsame Fähigkeiten besitzt. Es gibt Feste, es gibt Feten, es gibt quasi alles auf der Ascension, zwischendurch auch mal Alarm, weil sich mal wieder ein Sternenschauer ankündigt. Und jetzt gab's also einen Mord, der das zerstörte soziale Verhältnis unter den Raumschifflern aufdeckt. 

Da setzt Levens an. Ein Mord, auf einmal wird aus der Reisegesellschaft eine, die aufgeschreckt wirkt. Ausführlich und doch nicht zu lange führt er die Charaktere ein, offenbart deren (eher uninspirierten) Verbindungen miteinander. Man fragt sich unweigerlich: Wie wäre das wohl, 51 Jahre in einem Raumschiff durchs All zu geistern, auf der Suche nach einem Planeten, den man selbst wohl eh nicht mehr erleben und betreten wird, weil die Reise noch knappe 50 Jahre andauert. Würde man nicht sofort durchdrehen und sein Leben hinterfragen? Wahrscheinlich. Diesen Prozess durchlaufen unsere Raumschiffler auch. Und Levens lässt uns teil werden daran, ohne jedoch sich aufs Wesentliche zu beschränken. In jeder der sechs Folgen geschieht etwas, einen Durchhänger gibt's nie, an einer Stelle gibt's auch noch einen Big Bang, der kurzzeitig der Serie die Luft ausgehen zu lassen scheint, aber die Spannung und Suchtfaktor in Wirklichkeit nochmal um 180 Grad erhöht - und dann gibt's ja noch die da unten auf der Erde.
Unsere Reisegesellschaft.

"Unten trauern noch die Egoisten..."

Harris Enzmann (Gil Bellows) ist unten auf der Erde der Beauftragte seines Milliardenkonzerns, der die Reise der Ascension betreuen soll. Er ist ein Mann, der seit kleinauf dafür lebt, jeden der Mitfahrer kennt und dort unten auf der Erde dieses unter tiefster Geheimhaltung stattfindende Projekt sicher begleitet. Mit Leidenschaft und fast schon wahnsinniger Verrücktheit. Sein Vater erschuf die Ascension, er führt dessen Denkmal weiter. Gegen alle Widerstände - bis dort oben halt der Mond geschieht. Und bis auf der Ascension sich die merkwürdigen Vorfälle häufen...

Fazit: 

Die da unten, die die da oben beobachten, auf Schritt und Tritt. Und dann die da ganz oben, die trotzdem ganz unten sind, aber nach oben wollen. Und dann die da ganz oben, die ganz oben sind, sich aber benehmen, als seien sie von ganz unten. Hach. Levens Serie hätte definitiv eine zweite Staffel verdient gehabt. Wunderbar einfach, wunderbar übersichtlich ist "Ascension" gestrickt. Sicher: Für den ganz großen Wurf ist das alles zu sehr aus der Grabbelkiste, aber alleine dieses Grundszenario birgt eine Menge Potenzial. Und so macht "Ascension" einfach Spaß und ist sich auch für manch eine Überraschung nicht zu schade. 

Alle Bilder: © Syfy 

BEWERTUNG: 7,0/10
Titel: Ascension
zu haben auf...: BluRay und DVD
Genre: Science Fiction
Regisseur: diverse
Darsteller: u.a. Brian van Holt, Tricia Helfer, Brandon P. Bell

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