Montag, 26. September 2016

Karl-Friedrich, der Unsterbliche:"Tatort: Feierstunde" aus Münster

©ARD
Großzügig, selbstlos und bescheiden. Diese drei Adjektive will Professor Boerne (Jan Josef Liefers) nun auf sich vereinen. Dürfte für den hochdekorierten Meister der Selbstbeweihräucherung kein einfacher Weg werden. Vielleicht hat ihn aber auch Peter Jordans Gastauftritt als Prof. Harald Götz auf den Pfad der Tugend gebracht. Götz arbeitet quasi Tür an Tür mit Boerne, Beachtung geschenkt hat ihm Karl-Friedrich selbstverständlich aber nicht. Bisher. Jetzt aber nahm sich Götz' Ehegattin eine Pumpgun und richtete diese kurzerhand gegen ihr eigenes Gesicht. Man muss jetzt nicht unbedingt Balistiker sein, um schlusszufolgern: Das hat sie nicht überlebt.


Dieser eher eigenwillige Suizid ruft Kommissar Thiel (Axel Prahl) auf den Plan. Das kann niemals Selbstmord gewesen sein, sagt der. Auch das keine tollkühne, sondern bloß eine naheliegende Diagnose des Falles. War aber wohl Suizid, sagt Boerne hingegen. Thiel glaubt das nicht, erst recht, als sich - verdammt schnell, aber nun gut: Münster-Tatort... - herausstellt, dass Götz die Pumpgun im Darknet besorgte und sich in psychologischer Behandlung bei Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer) befand. Die wusste viel mehr, als sie Thiel bei teils sehr eigenartigen Verhören verrät.

Die beiden sitzen bei Rotwein zusammen, Thiel in leitender Funktion, Adam in der als Mischung aus Verdächtiger und Zeugin. Und alles nur, weil sie ihm keinen Einblick in die Krankenakte von Götz gewähren möchte. Schweigepflicht und so. Problematisch: Ganz zu Beginn des Falles sitzt Götz bei Adam auf dem Behandlungssofa. Und dort offenbart er Abgründe: "Ich mach es wirklich, diesmal bring ich ihn um! Vor allen Leuten schieße ich ihm in sein selbstgerechtes Herz. Ich will ihn krepieren sehen." Puuuh. Dann macht der das wirklich. Er schnappt sich die Waffe, stürmt einen Saal, in dem Boerne gerade eine Rede schwingt. Und piff, paff, puff - tot ist der. Jedenfalls in den Gedanken von Götz...
Der Pate? Na ja, nicht ganz.©WDR/Wolfgang Ennenbach

Den vielen Gelegenheits-Zuschauer, die extra zum Münster-Tatort einschalten, rutschte vermutlich am Sonntag gleich zu Beginn das Herz in die Hose. Boerne? Tot? Von einem Irren abgeknallt? Einfach so? Das kann doch gar nicht sein. Na ja, ist's auch nicht. "Boerne ist unsterblich", diagnostiziert Thiel im Laufe der aktuellen, mal wieder rekordverdächtigen Ausgabe "Feierstunde". Es ist der 30. Fall des Münsterschen Blödel-Duos. Und es ist ein besserer Fall als die vielen zuletzt. Er ist ernster, er setzt weniger auf Klamauk und Albernheit, mehr setzt er aufs Pferd namens Spannung. Joar, ist gelungen. Mehr oder weniger. Der Fall ist dennoch eine Oase für Logikloch-Sucher. Die werden fündig. Nicht nur einmal. Leider. Und auch sonst lebt der Fall von vielem - aber nicht vom Schicksal des Karl-Friedrich Boerne. Pardon, ich korrigiere: Des unsterblichen Karl-Friedrich.

Denn, dass der diesen Abend überleben wird, obwohl er nicht nur einmal während der 90 Minuten für tot erklärt wird, das ist klar, auch wenn sich Regisseur Lars Jessen die größte Mühe gibt, ein spannendes Kammerspiel zu inszenieren. Was also ist geschehen: Götz' Frau stirbt, Götz hat eine Pumpgun, Götz hat noch mehr Waffen, allesamt im Darknet besorgt, Götz hat einen an der Waffel - und Götz hat keinen beruflichen Erfolg. Er wollte die ALS-Krankheit seiner Frau besiegen, im Labor dafür forschen. Ohne Erfolg. Stattdessen bekommt Boerne ausgeschriebene Fördergelder für Mumienprojekte.
"Sie schreiben auch noch Kondolenzbücher für die Erdbebenopfer von Nepal, oder?" ©WDR/Wolfgang Ennenbach

Ungerechte Welt, denkt sich Götz. Also stürmt er die Feierstunde Boernes anlässlich dessen Forschungs-Millionen in einer abgelegenen Gaststätte, gibt sich dort zuerst als Kellner aus (Münster-Tatort...), serviert dann vergiftete Häppchen, um nachher alle in seiner Gewalt zu haben. Irgendwann denken alle festgenommenen: Wir werden sterben. An Tollwut. So scheint es. Denn Götz hat die Häppchen wohl mit Tollwut kontaminiert. Alberich (Christine Urspruch) kümmert sich rührend um ihren Boss Boerne, alle anderen - hauptsächlich unsympathische Kollegen Boernes - um sich selbst. Und draußen ist Thiel auf der Pirsch, den Seuchenschutz und das SEK im Anschlag.

©WDR/Wolfgang Ennenbach
Und dann? Dann wird's prickelnd. Zumindest anfänglich. Kameramann Rodja Kükenthal sorgt für den Schlaf raubende Bilder, als er den Geiselnehmer in Großaufnahme beim höhnischen Lachen zeigt. Doch, dass dieser Boerne nicht wirklich stirbt, das ist halt wirklich wenig überraschend. Auch wenn oft der Anschein erweckt wird. Genauso wenig wie die Erkenntis, dass auch Psychologin Adam kein Unschuldslamm sein kann. Götz' Motiv kommt ebenfalls kaum heraus, Thiels Vaddern (Claus D. Clausnitzer) muss obendrein wieder herhalten für einen billigen Running Gag, dafür dürfen Assistentin Nadeschda (Friederike Kempter) und Mechthild Großmann als Staatsanwältin endlich wieder auftrumpfen. Auch Liefers und Prahl sind so richtig in Hochform. Albern wird's nur selten, stattdessen oft recht unlogisch ,doch: Die Luft ist nach einer Stunde trotz der netten Grundidee - Kammerspiele gehen halt fast immer - dann irgendwie raus.

Fazit:


Was schade ist. Doch der Jubiläumsfall (Buch: Elke Schuch) ist sowieso mehr einer übers Leben und Sterben. Und über Menschlichkeit. Genau dort hätte er die nötige Würze gefunden. Götz beispielsweise fordert irgendwann: Wer KF tötet, der soll frei sein. Drei seiner Spezies und "Freunde" vom Golfplatz und aus der Sauna sind zwiegespalten: Tun wir's? Insulin wäre in Reichweite. Oder aber Thiel - der sich mit Rücken plagen muss (ohne Gag geht's halt nicht in Münster...) - : Ist der mittlerweile zu abgebrüht für Morde? Ob er überhaupt noch was spüre, fragt ihn seine Staatsanwältin zwischendurch. Alberich schreibt unterdessen irgendwann zu Beginn des Falles einen Kondolenzbrief für Götz. Boerne lässt das kalt:"Schreiben Sie auch noch Kondolenzbücher für die Erdbebenopfer von Nepal?" Zumindest in dieser Hinsicht ist Karl-Friedrich bereits großzügig. Und sterben wird er wohl ebenso wenig. Aber ist das jetzt selbstlos oder bescheiden?

©ARD

BEWERTUNG: 7/10
Titel:Tatort: Feierstunde
Erstausstrahlung: 25.09.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Lars Jessen
Darsteller: u.a. Jan Josef Liefers, Axel Prahl, Christine Urspruch, Friederike Kempter, Peter Jordan





1 Kommentar:

  1. Nach der Gagenforderung wäre hier die Gelegenheit gewesen KF B sterben zu lassen. Schade verpasst

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