Montag, 8. August 2016

Damals, als die Deutschen kamen: "9. April - Angriff auf Dänemark"


Der eine will Krämer werden, der andere heiraten - doch dann kamen die Deutschen nach Dänemark...ab 19.8. im Handel!
Der eine will Krämer werden, der andere heiraten - doch dann kommen die Deutschen. Über Nacht. Und die jungen, unerfahrenen Soldaten, gerade volljährig, müssen plötzlich zu den großen Waffen greifen. Abends von ihrem Leutnant in voller Kampfmontur ins Bett geschickt, heißt es um 4:15 Uhr: Aufgestanden, ab in den Krieg. Aus der Routineübung wird tödlicher Ernst. Sie ausgestattet mit Fahrrädern, die Deutschen motorisiert mit Panzern. Ein Himmelfahrtskommando.

Dänemark sah sich zu Zeiten des 2. Weltkriegs lange Zeit als frommer Nachbar der großen Übermacht des deutschen Reichs an der anderen Seite der Grenze. 'Bloß nicht provozieren' lautete die Devise, auch, als es hieß, die Deutschen würden mobil machen und Truppen zusammenziehen. 'Die greifen wohl nicht an', das war die fromme Hoffnung. Doch in der Nacht zum 9. April 1940 war es soweit - und die Wehrmacht fiel über den eher übersichtlich gut ausgerüsteten Nachbarn her.
Verspricht seinen Soldaten, sie nach Hause zu bringen: Leutnant Sand. Kein beneidensweter Mensch.


Natürlich ein guter Stoff für einen Kinohit. In Dänemark wurde er zu einem. Zurecht, denn "9. April Angriff auf Dänemark" macht einiges richtig und nur wenig falsch. Gefühl hat nahezu jedes Land Europas mittlerweile seinen Beitrag zum Kriegsgeschehen in den heimischen Gefilden geleistet. Die Finnendie Polen, ja, gar das kleine Estland. Der dänische Regisseur Roni Ezra hat's jetzt also für seine Heimat getan. Und das hat er verdammt gut gemacht, denn sein Streifen ist anders als die vielen anderen Filme der Gattung "Damals, als die Deutschen kamen". Hier will man nicht nach wenigen Minuten ausschalten, hier will man dranbleiben und wissen, ob Leutnant Sand (Pilou Asbaek, Lucy) sein Versprechen wahr machen kann. Seinem angehenden Bräutigam verspricht er:"Dann bringen wir dich mal nach Hause!" Keine so leichte Aufgabe.

Erst lässt er seine Jungs kaputte Fahrradschläuche reparieren. In unter anderthalb Minuten sollen sie's schaffen. Könnte ich nicht, seine Soldaten müssen es können. Denn wenig später befinden sich auf einer Mission, die - das ist schnell klar - aussichtslos ist. Die Deutschen kommen, Kopenhagen lässt nichts von sich hören, die angekündigte Verstärkung kommt nicht. Also dann: Auf die Räder, an die Gewehre, fertig, los. Schnell haben die jungen Männer und bei ihr Boss die Gewissheit: Das wird doch alles nichts. Und warum tun wir das überhaupt? Sie flüchten, über Bauernhöfe, über Orte, an denen der Feind Flugblätter abwirft und der Bevölkerung und der Armee empfiehlt, sich zu ergeben - auf Norwegisch. Das stärkt nicht gerade die Motivation.
Wenn aus Übung plötzlich Krieg wird...

Auch in Ezras Film gibt's Verluste in den Reihen der Protagonisten, natürlich, aber er gibt dem Feind kein Gesicht. Die Deutschen werden hier nicht dämonisiert, es gibt sie zwar, man sieht aber nur ihre Panzer - stattdessen sieht man die junge Truppe vom Leutnant in vielen Close-Ups. Gesichter werden eingefangen, aus nächster Nähe. Immer wieder. Viel gesprochen wird nicht, Ezra lässt die Mienen sprechen. Sein Kameramann Philippe Kress serviert dazu wuchtige Bilder. Im Hintergrund die untergehende Sonne, von gebührender Distanz sieht man das weite Land und die Soldaten-Crew als schwarze Schatten dort entlang radeln. Beeindruckend.

Das Buch von Tobias Lindholm (Die Jagd) lässt die Soldaten weinen, es gibt Zeitzeugen-Interviews, die nachdenklich stimmen, es gibt gute Akteure, auch bekannte wie Lars Mikkelsen (House of Cards). Die Soldaten haben keine Namen, sie werden meistens nur mit Nummern gerufen. Ein paar von vielen - die für viele der armen Geschöpfe damals stand. Der 90-Minüter verzichtet auf die übliche Heroisierung und Standard-"Da die Arschlöcher, hier wir"-Erzählung, stattdessen besinnt er sich darauf, zu zeigen, wie es damals war, als die Deutschen über Nacht kamen und aus der Übung plötzlich Ernst wurde, was das für Menschen waren, die auf einmal ihren Allerwertesten hinhalten mussten - um am Ende doch nur festzustellen, wie unnötig das Ganze war.

Eine Quintessenz, die nicht neu ist, sicherlich. Aber so intensiv verpackt, so stark inszeniert, so brutal ehrlich und authentisch - das sieht man selten. Und so tut sie gleich doppelt weh.

BEWERTUNG: 9,0/10
Titel: 9. April - Angriff auf Dänemark (2016), jetzt auf DVD, BluRay & Co. erhältlich ab 19.8.
FSK; ab 16
Laufzeit: 93 Minuten
Genre: Kriegsfilm, Drama
Regisseur: Roni Ezra
Darsteller: Pilou Asbaek, Lars Mikkelsen uvm.

Fotos: Pandastorm Pictures

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