Donnerstag, 5. Mai 2016

Physik, Maggi und ganz viel Schrott: Sympathische Ode an die Schrotthändler - "Schrotten!"

Jetzt im Kino!
Natürlich ist bei "Schrotten!" alles vorprogrammiert. Wenn in einer Komödie - vor allem in einer deutschen! - sich Geschwister nach langer Zeit wiedersehen, diese beiden so unterschiedlich sind wie Veganer und Putenfleisch, dann muss man nicht unbedingt großartiger Filmkenner zu sein, um zu wissen, wo der Hase her läuft. (was ein Satz!) Aber das stört an Max Zähles Langfilm-Debüt eher wenig bis gar nicht. "Schrotten!" verdient auch kein billiges "Titel passt zum Film"-Wortspiel, "Schrotten!" verdient eher großes Lob. Dafür, dass er im Handumdrehen ein bisschen Physik-Nachhilfeunterricht gibt und uns mal zeigt, was es hierzulande alles für merkwürdige Essgewohnheiten gibt. Und auch ein wenig dafür, uns mal so richtig in die Welt des Schrotthandels zu entführen.


"Ich bin hier schneller wieder weg, als ihr die die nächste Regenrinne verscherbeln könnt"


Mirko Talhammer wollte etwas anständiges aus seinem Leben machen. Hat nicht zu hundert Prozent geklappt, jetzt ist Mirko nämlich Versicherungsmakler und schwatzt unschuldigen Menschen Versicherungen auf, die sie gar nicht brauchen. Doch sein dubioses Geschäftsgebaren scheint ihm teuer stehen zu kommen, wie gerufen käme da eigentlich ein wenig Abwechslung. Und die kommt - aber nicht in der Form, in der er sich sie erhofft hätte. Talhammer wird, mehr oder weniger, gekidnappt von zwei ungepflegten Gestalten, als er wieder zu sich kommt, ist er dann dort, wo er eigentlich nie wieder sein wollte: Auf dem heimischen Schrottplatz. Sein Vater ist tot, eröffnet ihm sein Bruder Letscho (im Gegensatz zu Talhammer eher ein Praktiker). Mirko, der damals eiligen Schrittes fort stampfte vom Schrottplatz am A*sch der Welt, meint:"Ich bin hier schneller wieder weg, als ihr die nächste Regenrinne verscherbeln könnt." Wie er sich doch täuscht...

Denn wie oben bereits angedeutet: Wenn's irgendwo in einer deutschen Komödie zwei Brüder gibt - beide grundverschieden -, die sich nach langer Zeit wieder treffen und zuallererst die Köppe einschlagen, dann bleibt das meistens nicht immer so. Nun: Ohne zu weit ins Detail gehen zu wollen, Zähle - immerhin mit seinem Kurzfilm "Raju" mal für den Oscar nominiert gewesen - erfindet das Rad nicht neu. Im Gegenteil: Schnell verliebt sich der der Zuschauer in die schnöddelige Schrottplatz-Gemeinde, in ihre Marotten, in ihre Sprache (Lieblings-Satz von Letscho: "Ablenkungsmanöver, dies, das."). Wir lernen, dass man Maggi aufs Ei streuen kann - das schmeckt doch nie und nimmer, oder? - und wir wissen nun auch alle, wie die Formel für den Auflagendruck geht. P = F/A, Physik, achte Klasse. Wo bin ich damals bloß gewesen?
Familienversammlung zur Planung des ganz großen Coups: Ein Zug soll geklaut werden.


Einmal Schrotti...


Egal. Und ebenso schnell, wie Zähle den Zuschauer für seine Schrottis vereinnahmen lässt, so schnell stellt er auch heraus, wer denn das größte A*schloch auf dieser Erdhalbkugel im Schrottplatz-Universum der Talhammers ist: Schrott-Gigant Kercher, der schon alle Schrottplätze der Umgebung aufgekauft hat. Nur Letscho wehrte sich bislang noch erfolgreich dagegen. Doch es steht Spitz auf Knopf, alles droht zu scheitern, die gesamte Talhammer-Existenz steht auf der Kippe. Und jetzt kommt Mirko ins Spiel. Er soll dort aushelfen, wo den anderen ein paar Intelligenzpünktchen im Oberstübchen fehlen und dabei mithelfen, einen aberwitzigen Plan umzusetzen: Ein Zugraub. Tief in seinem Innersten findet er dann noch zu seinen Wurzeln zurück: "Einmal Schrotti, immer Schrotti!" - frei nach dem Motto: Lieber Tod als Sklave.

Zähles Film lebt zwar von seiner klaren Struktur, von seinen liebenswerten Charakteren, von diesem charmanten Einblick in die Welt der kleinen Ludolfs - Zähle hat für seinen Streifen lange recherchiert, das zahlt sich aus -, aber gleichzeitig fehlt es dem Werk dann eben an den notwendigen Ecken und Kanten. "Schrotten!" ist spaßig und kurzweilig, keine Frage, aber man wird das Gefühl nicht los: Das hätte auch noch flotter sein können. Gut ist hingegen die musikalische Untermalung - und um ein Lob fürs Ensemble kommt man ebenso nicht herum.
Ihn sollte man schon alleine wegen seiner Tracht nicht mögen: Jan-Gregor Kremp als Schrott-Gigant Kercher



...immer Schrotti


Jan-Gregor Kremp beispielsweise. Er ist einfach wie dafür prädestiniert, den aalglatten Bösewicht, sprich Kercher, zu mimen. Oder Frederick Lau, der hier wieder seine typische Rolle des kleinen unschuldigen Jammerlappen-Loosers einnimmt (Letscho). Auch wenn ich mir manchmal wünsche, er würde mal wieder etwas anderes spielen zur Abwechslung: Er kann das einfach. Lars Rudolph mischt mit, Alexander Scheer ist dabei. Ein toller Cast - doch der heimliche Star ist ein anderer: Der weithin unterschätzte Lucas Gregorowicz. Er spielt Mirko. Und ich kann's immer nur wieder betonen: Was dieser Mann anpackt, wo er mitspielt, da sind zumindest die Sequenzen mit ihm ein Hochgenuss. Und nein, Freunde, das ist jetzt nichtmal eine Übertreibung. Toller Typ.

Damit passt er hervorragend zu "Schrotten!". Ein feines Stück über Wurzeln, die man nicht vernachlässigen und vergessen sollte, und ein Bewegtbild über die Welt des Schrotts, der früher mal im Osten auf den Bäumen wuchs. Heißt es zumindest bei den Talhammers. 

Ist das alles die Komödie des Sommers? Wohl eher nicht. Aber die anderthalb Stunden sind in jedem Fall ein unterhaltsames Vergnügen. Am besten mit einer Dose eisgekühltem Whiskey-Cola - aus der Dose selbstredend. "70:40, 80:30 - ich hab's probiert, aber nie so lecker hinbekommen", zückt Letscho anerkennend mit den Schultern angesichts des Geschmacks seines hochklassigen, elitären Lieblings-Getränks. Eben ein richtiger Schrotti. Und für Mathematik gibt's ja noch Brüder.


BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Schrotten! im Kino
FSK; ab 6
Laufzeit: 95 Minuten
Genre: Komödie
Regisseur: Max Zähle
Cast: u.a. Lucas Gregorowicz, Frederick Lau, Jan-Gregor Kremp


Bilder:
 Port au Prince Pictures

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