Montag, 30. Mai 2016

Die Menschenfeindin und der App-Benutzer: Wäschereien sind was für Spießer "Polizeiruf 110: Endstation"



©ARD
Es ist für Verdächtige im ARD-Sonntagskrimi nie ein gutes Zeichen, wenn ein Kommissar während des Verhörs auf den Knopf des Aufnahmegeräts drückt. Erfahrene Zuschauer wissen: Jetzt wird's ungemütlich. Matthias Matschke demonstriert das in seinem Polizeiruf-Debüt ebenfalls. Er spielt in der Magdeburger Ausgabe Kommissar Dirk Köhler. Der ist neu dabei, ersetzt den von Sylvester Groth gespielten Ermittler Drexler und ist definitiv eine Bereicherung, wie er vor allem in dieser einen ominösen Verhör-Szene unter Beweis stellt, in der er völlig austickt. Das Problem: Hauptkommissarin Brasch (Claudia Michelsen) ist noch immer da....


Die hat offensichtlich weiterhin ein Problem mit Menschen. Mit Drexler geriet sie bereits aneinander, die Chemie passte nie. Auch mit ihrem gerade frisch aus dem Knast entlassenen, auf die schiefe (rechte) Bahn geratenen Sohn (Vincent Redetzki) pflegt sie nicht gerade ein freundschaftliches Verhältnis. Und jetzt hat sie also einen neuen Partner, den begrüßt sie lapidar mit einem bloßen "Tach" und beschwert sich beim Chef Lemp (Felix Vörtler) direkt über den neuen Kollegen.

Kein Wunder, dass Kriminalobermeister Mautz (Steve Windolf) keine Lust mehr hat auf den Laden ("Ich hab keinen Bock mehr auf die Scheiße") und seine Sachen packt. Auch wenn sich Brasch' Verhältnis zum Neuen gegen Ende der Ausgabe "Endstation" etwas entspannt, so wirft ihre Figur einen dicken, schweren Schatten über einen ansonsten wirklich gelungenen Fall.

Brasch (Michelsen, l.) und Köhler (Matschke, r.)  ©MDR/Christine Schroeder

Der wurde von Matthias Tiefenbacher inszeniert und versprüht mehr den Hauch eines Familiendramas als den eines Krimis. Macht aber nix, denn das Schicksal der Kinder im Hause der Schilchows geht dennoch ziemlich an und unter die Haut. Die Schilchows, das sind das Wäscherei-Besitzer-Ehepaar Hanno (Ronald Kukulies) und Lara (Paula Dombrowski), und sie sind soziale Menschen. Eine Tochter, Bella (Janina Fautz), haben sie selbst gezeugt, drei weitere Kinder haben sie bei sich aufgenommen. Pflegefamily nennt man dieses Konstrukt im Fachjargon.

Die burschikose Nadine (Luzie Ahrens), den pubertierenden/jungen Erwachsenen Sascha (Nino Böhlau) und der jüngste. Marko heißt dieser, der fällt mitten auf der Straße tot um. Wurde wohl körperlich misshandelt, wie sich herausstellt. Außerdem trug er eine viel zu teure Uhr. Was war da los? Und ist die Familie Schilchow vielleicht doch gar nicht die Bilderbuch-Pflegefamilie, wie sie sich nach außen hin vorgibt?
Sieht so eine glückliche Familie aus? ©MDR/Christine Schroeder
Tiefenbacher geht der Sache behutsam auf der Spur, das Buch von Stefan Rogall konzentriert sich insbesondere auf die Beziehungen innerhalb der Familie. Alle drei lebenden Kinder haben so ihre Laster zu tragen. Nadine ist auffällig unauffällig, Bella ist genervt von den Geschwistern und, so wird's angedeutet, liiert mit Sascha. Der wiederum will alles, nur hat er keinen Bock auf das "Spießer-Dasein als Wäscherei-Besitzer." Lieber wolle er sich erschießen, eröffnete er Hanno. Und wenn die drogenabhängige leibliche Erzeugerin auf der Bildfläche erscheint, da wird er auch mal handgreiflich.

Nein, für den Schilchow-Nachwuchs ist das Zusammenleben nicht gerade vergnüglich. Und Hanno und seine Ehegattin müssen irgendwann bemerken, dass sie die Kontrolle verlieren - oder vielleicht nie welche hatten? Es ist schon ein trauriges, tief erschütterndes Bild, das der recht kurzweilige Polizeiruf hier abgibt. Die Schilchow-Darsteller - von jung bis alt! - machen ihre Sache hervorragend, die Inszenierung setzt den Fokus auf das Leiden der fünf. Während der 90 Minuten kann man - durchaus zurecht - einwerfen, dass hier einen Tacken zu viel gelitten wird und es jedem einen Ticken zu mies geht.  Doch das Gute an "Endstation" ist: Erschlagen wird man von dem Elend der Patchwork-Familie nicht.

©ARD
Da geht einem die Menschenfeindin Brasch mit ihrer stets mürrischen, viel zu einzelgängerischen Art deutlich mehr gegen den Strich. Doch Köhler gibt Hoffnung. Er hat sich die App "Schleichwege Magdeburg" heruntergeladen, berichtet er stolz. Die funktioniere prächtig. Vielleicht findet er für die Kollegin dann auch noch eine App, die sie sozial verträglicher und umgänglicher macht. Schön wär's. Und nötig auch.

BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Polizeiruf: Endstation
Erstausstrahlung: 29.05.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Matthias Tiefenbacher
Darsteller: u.a. Claudia Michelsen, Matthias Matschke,


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