Montag, 9. Mai 2016

Ausdruck, Ausdruck, Ausdruck: Es gibt noch Hoffnung in Münster - "Tatort: Ein Fuß kommt selten allein"

©ARD
Ich habe nie einen Tanzkurs belegt. Nach der Sichtung von "Ein Fuß kommt selten allein" bin ich recht froh darüber. Die Welt des eleganten Hüftschwungs ist für mich Bewegungslegastheniker nämlich nicht nur aus sportlicher Hinsicht zu kompliziert, sondern auch viel zu gefährlich. Im Umfeld der Tanzgesportgemeinschaft Münster zumindest lebt sich's zumindest nahe am permanenten Dahinscheidens. Du verlierst Füße, du verlierst dein Leben - und alles nur für den Ausdruck, Ausdruck, Ausdruck. Und für den Aufstieg. In die erste Liga.

Tanzen sei "Freude, Leichtigkeit und Leidenschaft" behauptet Max von Pufendorf. Er spielt Andreas Roth im neuen Münster-Tatort. Und Roth ist Tanztrainer der TSG Münster. Diese hat einen Todesfall zu beklagen. Eine ehemalige Tänzerin moldawischer Herkunft ist gestorben. Doch Roth und Vereinspräsident Dr. Steul, auch bekannt als DER Orthopäde Münsters (macht das Beste aus seiner Rolle: Thomas Heinze), möchten darüber am Liebsten den Deckmantel des Schweigens hüllen. Schließlich könnte das ja den Aufstieg behindern. Doch DER Orthopäde Münsters hat die Rechnung ohne DEN Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (mal zur Abwechslung wieder motivierter als zuletzt: Jan-Josef Liefers) und Kommissar Thiel (beginnt auch am Haupt etwas grau anzusetzen: Axel Prahl) gemacht...
Heinze (l.) trinkt einen Sekt vielleicht, von Pufendorf (r.) nicht, Prahl (m. r.) und Liefers (m.l.) gucken blöd. ©WDR/Martin Menke

Innerlich habe ich mit dem Münster-Tatort bereits in der Vergangenheit abgeschlossen. Zu wenig neue Akzente, zu viel alte Albernheit, zu oft die gleichen vom Zufall geprägten Storys, die in Sachen Spannung irgendwo auf dem Level der Meisterschaft der Bayern herumeiern. "Ein Fuß kommt selten allein" (Arbeitstitel war übrigens "Fußpilz") von Regisseur Thomas Jauch versprach ebenfalls nicht besonders viel Abwechslung vom Münsteraner Einheitsbrei. Schließlich hat Jan Hinter das Buch beigesteuert - und damit das Dutzend voll gemacht -, was bedeutet: Das wird wieder Klamauk pur.

Doch man höre, staune und freue sich: Diese 90 Minuten sind endlich mal wieder fast gänzlich befreit vom Klamauk - mal abgesehen von der unnötigen Figur des gesamten Ensembles: Vaddern (Claus D. Clausnitzer) - und setzen auf den Wortwitz, der die Münster-Tatorte früher mal so auszeichnete. So ist's ein Film geworden, der sich den äußeren warmen Temperaturen anpasst: Erfrischend, kurzweilig, lange nicht überfordernd (die Story ist natürlich wieder zum Gänse töten).

Besonders deutlich wird das beim Schlussakkord: Es gibt eine Tanzeinlage in der Gerichtsmedizin mit anschließendem entlarvenden Video - mehr möchte ich nicht verraten -, bei dem man merkt, wie sehr Liefers, Prahl und Urspruch (spielt Alberich) unterhalten können. Wenn man sie nur machen lässt. Eine wirkliche köstliche Szene, auch vorher gilt das für einige Momente. Boerne darf sich derweil mit Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) auf dem Tanzparkett probieren. Mit mehr oder weniger viel Enthusiasmus. Eigentlich wollte die den Tanzkurs mit dem Staatsminister belegen, doch der verletzte sich beim Staubsaugen. Dumm (oder gut?) für den, gut (oder dumm?) für Boerne.

Sieht so Freude, Leichtigkeit und Leidenschaft aus? ©WDR/Martin Menke
Und wie es die kleine Welt in Münster halt nur mal so will: Als die beiden dort ihre ersten Tanzschritte einüben, kommt Thiel über die Türschwelle. Er hatte gerade im Wald die Überreste der moldawischen toten Tänzerin gefunden, just, als er mit Vaddern im Wald festhing. Also treffen sie sich alle gemeinsam in der Tanzsportgemeinschaft Münster. Man mag das klug konzipiert nennen - oder einfach wahnsinnig blöd zusammengeschustert. Ich entscheide mich eher für Letzteres.
Vaddern sammelt Pilze - und nervt. ©WDR/Martin Menke

Es wird wohl nie einen Fall aus der Quoten-Hochburg geben, wo einer der Hauptfiguren mal nicht persönlich irgendwie involviert ist. Das mag zum Konzept gehören. Doch irgendwann sollte man mit alten Konventionen mal aufbrechen, obendrein ist die Luft nach knapp 20 Minuten eh raus aus dem Fall, wo der Mörder auf der Bühne auftaucht. Nein, der Film verrät nicht, wer er ist - aber es ist einfach zu offensichtlich und die Vorahnung bewahrheitet sich schlussendlich natürlich. Spannung? Münster? Niemals. "Wir halten, was wir versprechen. Meistens...immer." Stimmt.

Doch sonst macht das Spaß.Während die Spurensuche sich da so herschleppt, gibt's noch Erdkunde ("Chisinau? Das ist die Hauptstadt von Moldawien!"), Fernsehtipps ("Wissen macht ah ist eine schöne Sendung"), nette Umschreibungen für Kettenraucher ("Hochleistungsqualmerin!") und Computer-Nachhilfe ("Udo? Ist ja nicht gerade ein sicheres Passwort.") sowie die Erkenntnis, dass man heute Club statt Disco sage.

©ARS
Und wieder rechnet Münster mit den Kritikern ab. Thiele zu Boerne:"Geht's vielleicht auch mit etwas weniger Klamauk?", der so:"Dann müssen Sie sich einen neuen Gerichtsmediziner suchen." Herrlich. Aber sollte er das? Vor diesen 90 Minuten hätte ich definitiv bejaht, aber jetzt? Schwierig.  Fakt ist:"Eine DNA-Studie dauert länger als ein Sonntagabendkrimi." Gottseidank kam der Abend diesmal ausnahmsweise nicht wie eine DNA-Studie vor. Es gibt noch Hoffnung für Münster!

BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Tatort: Ein Fuß kommt selten allein
Erstausstrahlung: 08.05.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Kaspar Heidelbach
Darsteller: Jan-Josef Liefers, Axel Prahl, Friederike Kempter, Mechthild Grossmann, Claus Dieter Clausnitzer, Christine Urspruch, Max von Pufendorf, Thomas Heinze u.v.m.

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