Montag, 4. April 2016

Puzzlen in Pappbechern: Silberhochzeit in München - "Tatort: Mia san jetzt da wo's weh tut"

©ARD
„Haben wir irgendwas übersehen?“ „Na, ich mein, irgendwas kann ja immer sein.“ Der Fall schien sonnenklar. Eine tote Prostituierte namens Aurelia aus Rumänien, ihr Cousin, der schnell als Mörder identifiziert wurde, Indizien, bei denen alles, aber wirklich alles gegen ihn sprach. Alles? Nein, Ivo Batic (Miroslav Nemec) hat seine Bedenken. Berechtigterweise.

Denn ausgerechnet zum 25-jährigen Dienstjubiläum der beiden Tatort-Haudegen Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl) in München müssen sie nun eigene Ermittlungs-Schlampereien ausbügeln und entfachen so eine Spirale aus Mord und Totschlag. Mittendrin: Max von der Groeben als Wäscherei-Fahrer Benny, Mercedes Müller (die heißt übrigens wirklich so) als Aurelias Berufskollegin Mia und Robert Palfrader (großartig!) als Unterwelt-Größe Harry Schneider.

„Nutten kommen, Nutten gehen“, sagt der, als er von seinem Kumpel Batic und Leitmayr befragt wird. Aurelia, zu dem Zeitpunkt bereits fünf Monate aus dem Leben geschieden, und Mia arbeiteten für ihn. Oder sollten es jedenfalls tun. Die spurlos verschwundene Mia sei jetzt bestimmt woanders, erläutert er. Um kurz danach seine beiden Männer fürs Grobe (Andreas Lust & Till Wonka) auf die Spur von Mia anzusetzen. Denn Mia, Schneider und Markus Zöller (Vincent zur Linden), Sprössling einer wohlhabenden Familie, verbindet ein böses Geheimnis...
Auf die nächsten 25 Jahre! (hoffentlich) ©BR/Roxy Film/ Regina Recht

Klinkenputzen mit Kalli


Es ist schon nicht ganz so einfach, der Geschichte (Buch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann, Regie: Färberböck) zu folgen. Der Streifen springt umher zwischen den einzelnen Schauplätzen und Story-Bausteinen. Mal sieht er den verzweifelten Kommissaren dabei zu, wie sie irgendwann erkennen müssen: Die (Schneider und seine Unterwelt-Crew) spielen ein böses Spiel zur Vertuschung ihrer eigenen Taten mit ihnen und „präsentieren uns hier einen fertigen Mörder nach dem andern“. Also heißt es für Batic, Leitmayr und Kollege Kalli (wie immer erfrischend: Ferdinand Hofer): Klinkenputzen und im Trübschen fischen.

Benny und Mia haben ein Problem namens...©BR/Roxy Film/Regina Recht
Schneider und seine Freunde fühlen sich sicher, haben ja schließlich gute Anwälte im Rücken, und erledigen Drecksarbeit. Dem reichen Schnösel Markus geht derweil die Düse und er dürfte sich alsbald fragen, wo um alles in der Welt denn hier hineingeraten ist. Und dann ist ja noch Benny, der sich Mia annimmt und vor Harrys Handlangern flüchten muss. Auch er ist irgendwo reingeraten, was dann doch eine Spur zu heavy für ihn ist. Und Mia? Ja, die tut einem bloß Leid.

Erst spät setzen sich die einzelnen Puzzle-Teile so recht zusammen. Auch wenn der Zuschauer immer mehr weiß als Batic & Leitmayr, die ihr Dienst-Jubiläum mit Espresso aus Papp-Bechern zelebrieren (müssen): Für den sperrigen Fall „Mia san jetzt wo's weh tut“ braucht es einen klaren Kopf. Und kein Wunder, dass während der Ausstrahlung gut eine Millionen Fans genug hatten und die Glotze abschalteten. Die verpassten jedoch so einiges.

25 Jahre - immer noch tight


...Harry Schneider. ©BR/Roxy Film/Regina Recht
Denn neben den bravurös ausgearbeiteten Charatkeren und der anspruchsvollen Story gibt’s unheimlich viel zu genießen. Das beginnt beim Ensemble. Wenn Batic Schneider die Freundschaft kündigt, dann sieht man einen wildgewordenen Stier. In jeder Pore seines Gesichts platziert Nemec eine Wut, die sich gewaschen hat. Eine Energieleistung sondergleichen. Aber auch Palfraders Interpretation vom fiesen Bordellbesitzer ist eine Wucht. Genauso wie der Beweis, dass von der Groeben so viel mehr kann als nur „Fack Ju Goethe“.

Ebenso weiß Färberböck, wie man ein Jubiläum zielsicher inszeniert. Der Soundtrack von Richard Ruzicka bedient sich bei der wohl brutalsten und sprachlos machendsten Szene mit einem feiner Streicher-Einsatz und später mit sorgfältig ausgewählter Pop-Musik. Die Kamera von Alexander Fischerkoesen sorgt für spannende Close-Ups und spielt wunderschön mit der Optik, der Schnitt von Susanne Hartmann präsentiert so manches Mal einige Aha-Momente. 

©ARD
Oder um es mit den Worten der Fantastischen Vier zu sagen: „25 Years, Silberhochzeit, immer noch tight“. 

BEWERTUNG: 9,0/10
Titel: Tatort: Mia san jetzt da wo's weh tut
Erstausstrahlung: 03.04.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Max Färberböck
Darsteller: u.a. Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Ferdinand Hofer, Max von der Groeben, Mercedes Müller, Robert Palfrader

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