Montag, 25. April 2016

Erdbeben-Alarm im Lachmuskel-Kanal: "Tatort: Der treue Roy"

© ARD
Da sind se wieder: Kira Dorn (wie immer hervorragend: Nora Tschirner) und ihr Freund und Kollege in Personalunion Lessing (Christian Ulmen). Und diesmal haben sie gleich an mehreren Baustellen zu kämpfen. Einmal privat, denn Lessing will aus ihrer Mausefalle namens Wohnung endlich raus. Und - wer kennt das nicht - Wohnungssuche gehört jetzt nicht gerade zu  den schönsten Beschäftigungen im Leben. Aber das steht im dritten Fall des einst als Event-Tatort gestarteten Weimarer (oder Weimaraner?) Tatort-Teams glücklicherweise nicht im Vordergrund. Ja, eigentlich spielt das Thema im Laufe der 90 Minuten gar keine Rolle.

Vielmehr bekommen wir und die beiden Ermittler es mit Personen zu tun, die, nun ja, alle ein paar Schräubchen locker im Hirn haben. Es geht schon am Tatort los. In einem Stahlwerk findet die Frühschicht einen Toten, in grüner "Schlacke". Selbstmord? Niemals, denn auf der Liste der einen Millionen Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen, steht das ganz sicher nicht drauf. Findet zumindest Lessing. Und was meint der neue Kriminaltechniker Johann Ganser? Der wird gespielt vom großartigen Matthias Matschke und hat überhaupt keine Lust. "Ist das eine Arschkrampe", sagt Kurt Stich (ebenfalls stark: Thorsten Merten), Lessing und Dorns Vorgesetzter. Lessing hat die Erklärung:"Ist bestimmt kein Morgenmensch." Sucht euch was aus.
Die vier von der Tankst...äh, vom Stahlwerk: Merten, Matschke, Ulmen, Tschirner. (v.l.) © MDR/Anke Neugebauer


An dem Tatort ("So muss es in Pompeji gewesen sein", Ganser) ist also jemand gestorben. Der Schichtleiter (Sebastian Kowski) kann's nicht gewesen sein, der hat nämlich "Rücken". Vielleicht war's ja die Schwester der Toten? Der hieß Roy Weischlitz (Florian Lukas), sie heißt Siegrid (habe ich jemals erwähnt, wie toll sie ist: Fritzi Haberlandt) - und sie ist mächtig verwirrt, als die beiden Polizisten bei ihr auf der Matte stehen. "Wollen Sie seinen Führerschein einziehen?", fragt sie daher. Denn Roy kann nicht sterben, geht gar nicht. Der ist unsterblich, lernen wir, hat sogar mal eine Sprengung überstanden und überlebt, wird seither gemeinhin als der Mann aus Stahl bezeichnet. Doch dann stellt Ganser fest: Es war doch Mord - und Lessing und Dorn bekommen es alsbald mit noch mehr illustren Verdächtigen zutun...

Murmel Clausen und Andreas Pflüger schrieben bereits den irren Iwan und auch die fette Hoppe. Jetzt also war der treue Roy an der Reihe. Während man beim Auftakt-Fall zur Weihnachtszeit 2013 noch aus dem Lachen nicht mehr herauskam, war der Nachfolger wieder unterhaltsam, aber hatte abgebaut. Ich fragte: Muss das wirklich sein, noch ein Tatort, der mehr auf Witz als auf eine logische Story mit mächtig Spannung setzt? Meine Skepsis ist gewichen, denn wie hat die SZ es so schön formuliert: Während anderswo die Situationen um den Witz herum gebaut werden, geschieht er in Weimar - einfach so, aus der Situation heraus. Das ist dann kein Klamauk, sondern einfach groß - und diesmal auch echt wieder so richtig unterhaltsam.
Man beachte: Die Blume. Ja auch das Szenenbild hat beste Arbeit geleistet. Und eine Kaffeemaschine in Pink!!! © MDR/Anke Neugebauer


Unangestrengt witzig nennt es die SZ, das passt. Clausen und Pflüger schreiben hier ein paar lustige, teilweise zwar auch echt flache Szenen ins Buch, erdenken sich die beklopptesten Figuren, die es in der Vergangenheit gegeben hat. Einbeinige Friedhofsgräber mit Spitzanmen "Flamingo" (Thomas Wodianka), Zuhälter (bescheuerter geht's nimmer: Sebastian Hülk), die sich in Schränken verstecken ("Wer sitzt da im Schrank?" "Frank" "Krank"), oder auch Prosituierte (Nadine Boske), die sich Vanessa Fink oder auch Irina schimpfen. Die Liste könnte man ewig weiter führen ebenso die humorigen Highlights. Das ist zwar durchaus manchmal albern, aber stets köstlich.

Und wenn dann später gewisse Hauptpersonen - na, na, na, wer kommt drauf? - plötzlich doch auftauchen, gebrochen Denglisch sprechen ("Iam in einer Stunde by you" - das ist dann wirklich echt urkomisch!) und mit Kugeln im Kopf durch die Gegend schlürfen. Ja, dann ist endgültig Erdbeben im Epizentrum der Lach-Adern. Wem das inhaltlich alles aber doch einen Ticken zu over the top ist, der kann sich an der Regie von Gregor Schnitzler ergötzen, an den schönen Farben und feinen Bildern, an der klasse Inszenierung. Einmal zum Beispiel geht Dorn sich schön machen im Beauty-Salon, es dauert, dann schreitet sie heraus, sieht aus wie eine absolute Barbie-Puppe und unterlegt wird das Ganze mit interessanter Pop-Mucke. Eine der besten Szenen des aktuellen Tatort-Jahrgangs. Über das tolle Ensemble braucht man eh kein Wort extra zu verlieren.

Clausen und Pflüger bringen übrigens noch so viel mehr herein in diesen Tatort. Irre Hobbys (Das Sammeln von Zinnfiguren oder Kakteen), Lottogewinne, die nicht glücklich machen, oder Schweine, die La Paloma pfeifen. Auch eine Vogelspinne findet noch ihren verdienten Platz.

© ARD
Weimar solle der ruhige Außenposten von Jena sein, heißt es an einer Stelle. Das wäre mit "Der treue Roy" widerlegt. Eindrucksvoll. Beim "Irren Iwan" habe ich noch gefragt, ob es noch einen Tatort wie den aus Münster bräuchte. Nach diesem Abend bin ich mir sicher: Weimar ist so viel besser als Münster. 

BEWERTUNG: 9,5/10
Titel: Tatort: Der treue Roy
Erstausstrahlung: 24.04.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Gregor Schnitzler
Darsteller: u.a. Christian Ulmen, Nora Tschirner, Thorsten Merten, Fritzi Haberlandt, Florian Lukas

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