Dienstag, 9. Februar 2016

„Wir sind hier nicht bei der Caritas“ - Casting-Tatort „Sternschnuppe“ aus Wien

©Ard
Ich habe Dieter Bohlen gegoogelt, kein Scherz. Früher habe ich sein DSDS übrigens wirklich geliebt - jetzt weiß ich nicht einmal mehr, dass es das überhaupt noch gibt. Spätestens seit der peinlichen Parkplatzshow hat sich die Castingshow selbst überlebt. Doch jetzt habe ich den Produzenten von Andrea Berg wirklich gegoogelt. Denn im Ösi-Tatort „Sternschnuppe“ (Regie: Michi Riebl, Buch: Uli Brée) wird ein Musikmanager aufgefunden, der im fiktiven österreichischen DSDS-Pendant „Sing your Song“ in der Jury saß.

Udo Hausberger lebte in einem wirklich außerordentlichen Anwesen, pflegte dabei nicht nur einen engen Kontakt zu seiner Gattin Angelika (Aglaia Szyszkowitz), sondern genauso zu den Kandidaten der Musikshow. Sie sollten es ihm besorgen, er gab ihnen im Gegenzug gute Kritiken. So geht’s eben ab im Privatfernsehen, wo nichts echt ist. „Wir sind hier nicht bei der Caritas“, sagt dann auch alsbald die zuständige Redakteurin von Kanal 7, als die Kommissare Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sie konsultieren. Bei einer seiner beliebtesten bizarren Sexpraktiken segnete Hausberger („Gegen ihn ist Bohlen ein Ministrant!“) das Zeitliche. Und die Liste der Verdächtigen ist lang...
"Hat der sich selbst entsorgt beim Liebesspiel?" ©ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg
Die Liste der Klischees leider ebenso. Denn Autor Brée lässt hier einen Batzen an Figuren auf uns los und erzählt eine Story, die nicht wirklich zusammenzucken lässt vor Überraschungseffekten. Das Privatfernsehen sei eine ganz böse Insitution, dort sei alles gefaked. Die Geschichten von Kandidaten werden emotional aufgepimpt, auf wildfremden Gräbern klebt man kurzerhand Fake-Schilder, um einen Einspielfilm zu produzieren. In ist, was traurig ist.

Das ist alles Schnee von gestern. Das Drehbuch kredenzt hier eine muntere Klischee-Sammlung, die aber glücklicherweise mit dem gewissen Touch Ironie dargeboten wird. Da ist die Gattin, die natürlich vordegründig das Sexleben des Mannes tolerierte, zu ihrem eigenen Nichtsnutz von Toyboy (Michael Steinocher) aber letztlich keine besondere Zuneigung empfindet. Da gibt’s die um ihren Song gebrachte suizidgefährdete Ex-Siegerin Vera Sailer (Sabrina Rupp), die sich nun im Kinder-Bälleparadies ihren Lebensunterhalt verdienen muss. „Nur weil ich einmal was unterschrieben habe. Jede Putzfrau verdient mehr, hat aber weniger Spaß.“ Ihr gehört später einer der vielen übertriebenen und mächtig überzogenen Momente dieses Abends.

Es gibt aber auch das komplette Gegenteil im illustren Figuren-Spektrum des Uli Brées. Da ist die Mutter Samy Graf (Ruth Brauer-Kvam), die wie jede Ösi-Musikgröße endete: Als Kellner. Oder eben mit Sozialhilfe. Jetzt singt sie sich abends an Bars mit ihrer Band die Kehle aus Leidenschaft aus dem Hals, eine Rockerbraut, die den ganzen Casting-Zirkus wegen ihres eigenen Misserfolgs verabscheut. Die soll man gut finden, ist klar. Doch: Ihr talentierter Sohn Aris (Rafael Haider) steht jetzt vorm großen Finale. Da mischt sie also doch wieder mit als seine Beraterin.
Bibi und der Toyboy.©ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Es würde echt alles weh tun, was hier aufgetischt wird an Klischees und stümperhaftem Inhalt. Es würde. Allerdings nimmt Riebl das eigene Buch nicht so ernst – im Gegenteil: Gleich in den ersten zehn Minuten steht man wahlweise vor einem aktuen Lachkrampf oder vor einem Herzinfarkt wegen purem Fremdschämens. Lauter alberne Oneliner werden Bibi und ihrem Kollegen Moritz in den Mund gelegt. Direkt in der ersten Szene kommen sie nach einem kurzen Disput zu dem Schluss, dass sie – die Ex-Alkoholikerin – doch wieder mehr saufen solle und er weniger singen. Nur kurz darauf, nach einem Besuch bei einem Sex-Therapeuten (mit Künstlernamen!), lässt sie tief blicken in ihrer Partnerwahl. Autos sagen nämlich viel über den Sexpartner aus. Daher fährt Bibi alsbald mit einer aufgepimpten Karre durch die Gegend – die aber nie anspringt, ein leider etwas mühsamer Running Gag -, und er mit einem klassischen Durchschnitts-VW.

Der Sextherapeut denkt übrigens, dass dieses wirklich tolle und sympathische Ermittler-Gespann gut zusammenpasse. Ob man es nichtmal gemeinsam probieren wolle? An anderer Stelle hören wir, dass Monogamie übrigens nicht mehr zeitgemäßg sei und Pornos deprimieren trotz ihrer Happy Ends. Ja, es gibt einiges zu verdauen für die Lachmuskeln. Vieles ist flacher als das Münsterland, aber irgendwie zieht sich dieser sarkastische Unterton durch den ganzen Film. Und das hoch pathetische Ende, das auf dem ersten Blick etwas übertrieben wirkt, ist beim genaueren Hinsehen vielleicht auch als Anspielung auf den ganzen Privatfernsehen-Casting-Quatsch gemeint. Am Ende heißt es hier passenderweise: „Hör auf!“

Überhaupt: Nicht nur solche Momente sind stimmig in „Sternschnuppe“. Auch die Montage ist teilweise nicht von schlechten Eltern. So gibt’s an einer Stelle einen aufgemotzten, der Wahrheit kaum entsprechenden Einspieler von Aris zu sehen; dieser Part vermixt sich mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines wirklich dramatischen realen Moments an anderer Stelle. Hervorragend gemacht.

©ARD
Ach ja: Ob Bohlen jetzt Ministrant gewesen ist, konnte ich nicht herausfinden. Aber einer seiner nächsten Finalshows findet passenderweise im Kloster statt. Ob diese Info jetzt euer Leben bereichert, überlasse ich euch aber lieber selbst. 

BEWERTUNG: 6,0/10
Titel: Tatort: Sternschnuptte
Erstausstrahlung: 07.02.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Michi Riebl
Darsteller: u.a. Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser

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