Samstag, 20. Februar 2016

Soko Hintertupfingen war gestern: "Gottlos - Warum Menschen töten"

©RTL II
Vor ein paar Jahren wäre ich der perfekte Teilnehmer für eine Studie zum Thema „Fernsehkonsum“ gewesen – und möglicherweise, je nach Sichtweise, auch ein Fall für den Psychiater in Sachen Sucht. Denn ich habe alles mitgenommen.

Montags, 18:50 Uhr, fischte ich gerne im Trüben und verpasste kaum eine Folge vom „Großstadtrevier“, abends hing ich den ZDF-Montagskrimi dran. Und so ging das die ganze Woche weiter. „Soko Köln“, „Rosenheim Cops“, „Küstenwache“, „Der Kriminalist“, „Der Staatsanwalt“, „Soko Leipzig“, „Ein Fall für zwei“, ZDF-Samstagskrimis, Tatort am Sonntag...ich verbrachte quasi jeden Tag damit, Kommissaren bei ihren Mord-Ermittlungen über die Schulter zu schauen.

Dem Tatort bin ich bekanntlich treu geblieben, den Rest schaue ich höchstens mal, wenn ich mit 40 Fieber nicht mehr dazu in der Lage bin, die Fernbedienung zu bedienen. Mich haben die öffentlich-rechtlichen Fragestunden nach dem Alibi, nach dem Motiv und der Erkenntnis des berühmten stumpfen Gegenstands als Tatwaffe einfach verloren. Ich bin des ganzen Krimi-Wahns schlicht überdrüssig geworden. Es gibt Schöneres im Leben – auch im Fernsehen. Thomas Stiller hat ebenfalls keine Lust mehr darauf.
©RTL II/Conrad Film/Bavaria Fernsehproduktion

Mit Krimi könne man ihn mittlerweile jagen, ließ der Filmemacher und Grimme-Preisträger im Vorfeld der Premiere seiner neuen RTL II-Miniserie „Gottlos – Warum Menschen töten“ verlauten. Saubermann-Kommissare, die bis 21:45 Uhr die Welt in Ordnung bringen? Nein, das will er nicht mehr. Und bei RTL II wollen sie scheinbar urplötzlich auch wieder Fernsehen mit Niveau zeigen. Anders ist die Kooperation mit Stiller nicht zu erklären.

Frei von den Zwängen der öffentlich-rechtlichen Strukturen ließ man Stiller und seinem Produzenten Marc Conrad freie Hand, ließ sie schalten und walten. Das Konzept der dreiteiligen Miniserie, deren einzelne Episoden allesamt nach den 45 Minuten (netto) innerlich abgeschlossen sind, ist einfach: Es beginnt nicht mit dem Mord, wie sonst, sondern es endet mit der Tat.

In „Gottlos“ geht’s darum – Überraschung bei dem Titel-Zusatz -, die Hintergründe zu erläutern, warum Menschen eigentlich ihren Mitmenschen das Lebenslicht auspusten. Marc Liesendahls hervorragende Kameraarbeit und die feine Charakterzeichnungen von Thomas Stiller lassen in der Auftaktfolge „Sex, Drugs & Rock'n Roll“ auch erahnen, was eigentlich so möglich ist – wenn man die Kreativen mal machen lässt und kein totgerittenes Pferd nochmal durch die Manege zieht.
©RTL II/Conrad Film/ Bavaria Fernsehproduktion/ Julia von Viettinghoff

Rohe und schonungslose Fernsehkost ist dieser Auftakt, der nicht gänzlich ohne jegliche Klischees auskommt. Lisa (Sylta Fee Wegmann) lebt mit dem Rocker Frank (Antonio Wannek) zusammen, der sie gerne mal windelweich prügelt. „Im Bett ist es schon geil mit ihm“, erklärt sie, die auch keinen Bock auf Blümchensex hat. Sie hat eine Tochter, die natürlich nicht mehr bei der Arbeitslosen lebt, und sie nimmt Drogen und säuft wie ein Loch, ein paar Joints inklusive. Es ist eine Spirale der Gewalt, in der es nach Kotze und Aschenbecher riecht, aber aus der sie einfach nicht rauskommt. Und man weiß: Einer der beiden muss am Ende daran glauben...

Und das ist eine der großen Stärken von „Gottlos“. Dramaturgisch ist es offensichtlich, dass jemand stirbt. Doch das nimmt der Serie kaum die Spannung. Man weiß nicht, wer stirbt, darum geht’s jedoch hier sowieso bloß am Rande. Viel interessanter ist es, wie sich der menschliche Konflikt der beiden Hauptfiguren bis zum Äußersten weiter entwickelt. Ein tiefer Blick in die menschliche Psyche. Aufregendes Fernsehen.

©Conrad Film
Ganz sicher: Revolutionieren wird „Gottlos“ die deutsche Fernsehlandschaft keinesfalls. Aber es ist eben nicht die x-te Auflage „Soko Hintertupfingen“. Alleine für diese Erkenntnis kann man auch mal RTL II einschalten.

BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Gottlos
Erstausstrahlung: 15.02.2016/22.02.2016
Genre: Krimi, Drama, Thriller
Regisseur: Thomas Stiller



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen