Freitag, 5. Februar 2016

Familie als sicherer Hafen? - Nicht in "Colonia Dignidad"!

AB 18. FEBRUAR IM KINO! ©20th Century Fox



Wie fühlt es sich an, wenn dein gesamtes Leben eine Lüge ist? Wenn Familie und Freunde dich verraten, dir nicht die Wahrheit erzählen und du in eine Glaubensgemeinschaft geboren wirst, ohne zu wissen, was in der Welt um dich herum passiert? Deine Identität richtet sich nach der höchsten Instanz, deinem Anführer. Ohne ihn bist du nichts, wirst niemals etwas sein. Wie fühlt sich das an? Wahrscheinlich ist das eine Frage, für deren Antwort den Betroffenen der Colonia Dignidad selbst die Worte fehlen. Eine deutsche Sekte in Chile, die, abgeschottet von der Welt, ihr eigenes Land bestellte, ihren eigenen Regeln folgte. Paul Schäfer, das Oberhaupt der Kolonie, baute einen Kult auf, der jetzt – Jahre nach dessen Offenlegung – immer noch für Schaudern sorgt.

Die Leidensgeschichten, insbesondere der dort lebenden Kinder, gehen an die Substanz. Der sexuelle Missbrauch durch Schäfer, die aufgezwungene Frauenarbeit, der Zwang Psychopharmaka zu schlucken, um ja nicht aufmüpfig zu werden. Nebenbei unterstützte Schäfer das Terrorregime von Pinochet, ließ zahlreiche Gefangene in der Kolonie foltern und ermorden. Aber natürlich – niemand wusste davon. Keiner hatte eine Ahnung von den Misshandlungen der Kinder, Väter sitzen Jahre später mit ihren – inzwischen erwachsenen – Kindern am Tisch, die Vorwürfe finden sich in deren Augen, weniger in deren Aussagen. Die Peiniger von einst leben Seite an Seite mit den ehemaligen Kindern. Die Kolonie existiert noch heute, ist jetzt allerdings ein Urlaubsziel.

©20th Century Fox
„Colonia Dignidad“ – der neue Film von Oscarpreisträger Florian Gallenberger – hat eine ungeheure Verantwortung. Er muss zum einen die Schrecken der Opfer würdigen, darf allerdings nicht zu sehr in das Segment Unterhaltungsfilm fallen. Dafür erlangte er Zugang zu bislang unveröffentlichtem Material, durfte vor Ort recherchieren. Zusammen mit Autor Torsten Wenzel arbeitete er jahrelang an seinem Film. Das Ergebnis fällt zwiespältig aus. Dank einer prominenten Besetzung mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen, ist „Colonia Dignidad“ zumindest internationales Interesse gewiss. Die Geschehnisse in der Kolonie dürfen nicht in Vergessenheit geraten, die Gräuel müssen festgehalten werden.

Gallenberger macht zunächst vieles richtig. Die Grundkenntnisse rund um Pinochets Machtergreifung werden durch die fiktiven Figuren Lena und Daniel wirkungsvoll gezeigt. Sobald sich die Geschichte der Sekte zuwendet, klebt der Zuschauer am Bildschirm. Die Leiden der Opfer schmerzen beinahe körperlich, der Psycho-Terror macht sprachlos. Schonungslos und realistisch blickt Gallenberger in die Abgründe des Menschlichen, Michael Nyqvist (Millienium-Trilogie) als Sektenführer sorgt für Gänsehautmomente. Sein Schäfer ist ein undurchschaubarer Mann, jemand, der sanft sein kann, nur um im nächsten Moment zuzuschlagen.


Leider hält „Colonia Dignidad“ diese Linie nicht aufrecht. Mit fortschreitender Laufzeit entwickelt sich der Film zu einem schnöden Hollywoodthriller. Die anfangs schockierenden Ereignisse werden dem simplen Thrill geopfert, was in einem komplett unpassenden und irritierenden Showdown mündet. Das wird den Menschen, die noch heute darunter leiden, nicht gerecht. Die eigentliche Tragik dahinter, die Schicksale derer, die nie das Leben außerhalb der Sekte kannten, bleibt auf der Strecke. „Colonia Dignidad“ bleibt somit hinter seinen Möglichkeiten zurück, auch wenn er dem unwissenden Zuschauer einen ersten Einblick in die Thematik gewährt.  

©20th Century Fox
BEWERTUNG: 06/10

Titel: Colonia Dignidad
FSK: ab 16 freigegeben
Laufzeit: 110 Minuten
Genre: Drama, Thriller
Erscheinungsjahr: 2016
Autoren: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
Regisseur: Florian Gallenberger
Darsteller: Emma Watson, Daniel Brühl, Michae Nyqvist, Vickie Krieps, August Zirner, Martin Wuttke, Jeanne Werner







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