Montag, 18. Januar 2016

Verkehrte Welt: Matthias Brandt darf endlich brillieren - "Polizeiruf 110: Und vergib uns unsere Schuld"

©ARD
Mehr als zwei Wochen und insgesamt vier Sonntagskrimis ist das Jahr 2016 nun schon alt. Und es könnte ein wirklich außerordentlich gutes Krimi-Jahr werden. Als wir alle am Neujahrsabend mit dem letzten Rest-Alkohol intus vor der Glotze hingen und bei Til Schweigers neuestem Streich vor uns hin vegetierten, da hätte ich keinen Pfifferling auf diese Aussage gesetzt. Doch zwei Tage drauf waren sowohl Kater als auch die letzten Schweiger-Schmerzen verdaut.

Sein zweiter Teil überraschte positiv, in der vergangenen Woche stolzierten Eva Blum und Kai Perlmann zum vorletzten Mal über die Mattscheibe – und machten ihre Sache ebenfalls erheblich besser als gedacht. Während Schweigers Machwerk „Fegefeuer“ eher in die Kategorie Actionfilm einzuordnen war, ging der Blum-Tatort „Rebecca“ in die Richtung Psychodrama. Jetzt reiht sich auch Matthias Brandt in die Reihe der positiven Erscheinungen dieses noch recht jungen Krimi-Jahres ein.

Sein neuster Polizeiruf als Hanns von Meuffels ist nämlich sein bislang bester. Mit Abstand. „Und vergib uns unsere Schuld“ heißt der Film passenderweise. Darin entschuldigt sich Brandt zwar nicht für die bisherigen Polizeirufe – auch wenn das nötig wäre -, aber er bekommt endlich mal ein Buch, das er verdient. Regie führt Kino-Regisseur Marco Kreuzpaintner („Sommersturm“) und das macht dieser wirklich gut. Ohne irgendwelche  künstlerischen Möchtegern-Spielereien, setzt er stattdessen auf eine feine Bildkomposition und eine atmosphärisch dichte Inszenierung. Dabei profitiert er von einem Buch, das sich ebenfalls entfernt vom 0815-Whodunit, aber es eindrucksvoll schafft, große Themen wie Reue, Vergebung und Schuld intelligent umzusetzen.
Das erlebt Von Meuffels (Brandt, l.) auch nicht alle Tage: Jens Baumann (Markovics) will unbedingt hinter Gitter gebracht werden. ©Wiedemann & Berg

Der vermeintliche Mädchenmörder Tim Haffling (Sebastian Griegel) der 16-jährigen Miriam wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, bringt sich nach zehn Jahren in seiner Zelle um. Von Meuffels hatte ihn damals ins Kittchen gebracht, aber alles deutete auf Haffling als Täter hin. Just nach seinem Suizid erscheint jedoch Jens Baumann (großartig: Karl Markovics) im Präsidium und behauptet: Er war's, er hat Miriam umgebracht. Von Meuffels tut ihn als Trittbrettfahrer ab. Damals habe schließlich alles seine Richtigkeit gehabt. Zu voreilig, wie sich herausstellt, denn: Baumann hat Täterwissen und ist ziemlich drauf bedacht, schuldig gesprochen zu werden. Hat Von Meuffels damals doch Mist gebaut?

Verkehrte Welt: Eigentlich kennen wir solche Szenarien nur umgekehrt. Leute behaupten beharrlich ihre Unschuld, doch die Kommissare müssen in den hiesigen Krimis stets die Schuld beweisen. Das Buch der Grimme Preisträger Alex Buresch und Matthias Pacht hingegen dreht den Spieß um. Und gibt eigentlich nur hier Anlass zur Kritik: So ganz deutlich wird nie, warum Baumann gerade jetzt schuldig gesprochen werden möchte. Nach dem Selbstmord des angeblichen Täters wäre er so sehr von Schuld zerfressen, dass er es nicht mehr aushalte. Zu hundert Prozent nachvollziehbar wirkt das irgendwie aber nicht. Dennoch: Markovics' Darstellung ist durchdringend und die Sätze, die er sagen darf, sind einfach tiefgründig. „Das Eingestehen der eigenen Schuld ist der erste Schritt zur Vergebung“ heißt es, ein ander Mal „Wer gibt mir die Strafe, die ich verdiene?“
"Wer gibt mir die Schuld, die ich verdiene?" ©Wiedemann & Berg

Während Baumann also nicht mehr kann und unbedingt für seine Tat von damals einstehen möchte, sehen wir einen von Meuffels, der immer mehr verzweifelt. „Wenn einer einen Fehler gemacht hat, dann warst das du, Hanns“, lässt ihn sein Vorgesetzter wissen. Doch von Meuffels will den Fehler von früher wieder gut machen, wird mit schweren Vorwürfen von Miriams Eltern und von Hafflings Mutter konfrontriert. Er lässt Parkplätze aufreißen, wo Baumann Miriam vergraben haben möchte; er lässt sich dafür nachts bei größtmöglichem Unwetter nass regnen, nur um einen Beschluss zu bekommen. Brandt darf endlich mal seine Künste zeigen, endlich mal sein großes Talent unter Beweis stellen. Sein Interpretation des verzweifelten Von Meuffels – das ist eine 1A-Leistung.

Endlich darf Brandt zeigen, was er kann! ©Wiedemann & Berg
Endlich, will man sagen. Denn bislang hatte er darunter gelitten, dass seine Filme zu sehr auf sich selbst achteten und weniger auf den Inhalt. Mal waren es strunzlangweilige Abende, mal durchgeknallte (Möchtegern-)Kunstwerke. Bei Kreuzpaintner ist das hingegen anders. Sein Kameramann Philipp Haberlandt sucht sich stets tolle Motive und interessante Farbgebungen. Kreuzpaintner arbeitet mit fein arrangierten und mit Obacht ins große Ganze gepackte Rückblenden zur Zeit, als sich der Mord abspielte. Hier stimmt vieles, und es wirkt nie zum Selbstzweck, sondern schlichtweg großartig.

Wer hatte jetzt Schuld? Von Meuffels, weil er den falschen ins Gefängnis und damit zum Selbstmord trieb? Baumann, weil er so lange schwieg? Oder vielleicht doch Miriams Eltern? Damals, als Miriam starb, war Fußball-WM in Deutschland. Hochsommer. Miriam vergnügte sich mit Baumann auf dem See, während alle Welt auf dem nahe gelegenden Campingplatz Fußball schaute. „Aber Papa war nicht da, der hat Fußball geguckt“, schmettert Baumann ihm im nächtlichen Vier Augen-Gespräch entgegen. Der Vater reagiert mit einem Schlag mit dem Golfschläger.

©ARD
Das tut weh beim Zuschauen. Und es ist Kreuzpaintner und seinem Ensemble zu verdanken, dass das alles nachhallt. Nicht, weil der Film so mies war. Sondern, weil der zehnte Polizeiruf mit Brandt endlich sein volles Potenzial ausschöpft. Das Krimi-Jahr 2016 bleibt sich treu: Auch diesmal gibt’s wenig klassischen Krimi, aber dafür umso mehr gutes Fernsehen. Bravo! 

BEWERTUNG: 8,5/10
Titel: Polizeiruf: Und vergib uns unsere Schuld
Erstausstrahlung: 17.01.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Marco Kreuzpaintner
Darsteller: u.a. Matthias Brandt, Karl Markovics

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