Montag, 11. Januar 2016

Kai, der Polizist: "Tatort: Rebecca"

©Ard
„Werktage sind schön.“ Rebecca steht dort, mitten in der Stadt, schaut in den Himmel und ist überwältigt. Sie kennt das alles nicht. Den Himmel, die Menschen, die anderen jungen Mädchen, die ohne Erzieher herum laufen. „Haben die alle keinen Erzieher?“, fragt sie in einer Mischung aus purer Verstörung und verdutzter Überraschung. Kai Perlmann, Kommissar aus Konstanz, steht neben ihr und erklärt ihr, dass jeder Mensch ein Einzelstück sei. Sie, die jungen Dinger am anderen Ende der Straße, alle. Da kommt eine Familie dahergelaufen, ein kleines Mädchen mit dabei. Rebecca hält inne, streichelt dem jungen Mädel über die Wangen, einmal sanft über den Kopf. Rebecca ist glücklich.

Denn Rebecca hat einiges erlebt. Ein Martyrium, das seinesgleichen sucht. Sie wurde festgehalten von Olaf Reuter, jahrelang schon. Mit zwei Jahren wurde sie ihrer drogensüchtigen Mutter entrissen, jetzt ist sie 17. Olaf Reuter war ihr Erzieher, quasi der neue Vater. Er hielt sie im Keller seines Hauses gefangen, erzog sie so, dass Rebecca nur mit ihm kommuniziert und mit niemandem sonst. Sie musste gehorchen, sonst gab's drastische Strafen. Also gehorchte sie. Doch jetzt ist Reuter tot, verbrannt. Und Rebecca wird neben ihm aufgefunden. Sie kennt weder ihren Namen noch ist sie in irgendeiner Form vernehmungsfähig. Mit anderen Menschen reden? Unmöglich. Nur mit Perlmann geht das. Er sei der neue Erzieher, stellt sie fest. Also spielt Perlmann den Psychologen – und der vorletzte Bodensee-Tatort mit kaum für möglich gehaltenen Emotionen...
Einer von den vielen emotionalen Momenten: Rebecca wirft sich Perlmann zu Füßen.©SWR/Patrick Pfeiffer

Dass Gro Swantje Kohlhof eine Wucht ist und die perfekte Besetzung für sonderbare Charaktere, das ist spätestens seit dem wunderbaren Bremer Tatort „Die Wiederkehr“ klar. Darin spielte sie eine Ausreißerin, machte ihren Job unvergleichlich stark. Doch: Gemessen an ihrer Leistung in „Rebecca“ (Regie: Umut Dag, Buch: Marco Wiersch) war das damals gar nichts. Es könnte unfreiwillig komisch anmuten, wenn sich eine Dame auf den Boden wirft und dem von einem Sebastian Bezzel in Hochform gemimten Kommissar - so wie schon im tollen Vorgänger - vor die Füße wirft. Kohlhof spielt diese Rebecca, die erst neben der Leiche aufwacht, anschließend verstört in der Ecke ihrer neuen Behausung zusammengepfercht herum liegt, sich dann nach und nach außen öffnet, gerade so, dass man nicht losprusten muss vor Lachen, sondern vor emotionaler Spannung sich mehr und mehr ebenfalls zusammenpfercht – und zwar unter die Decke. Eine Leistung, die ich für meinen Teil zumindest in letzter Zeit nirgends ansatzweise so überzeugend gesehen habe.

„Rebecca“ funktioniert weniger als Ermittler-Krimi. Wer jetzt Rebecca festgehalten hat? Ob's Mittäter gab und ob neben Rebecca noch ein weiteres Opfer festgehalten wurde? Und falls ja, wo diese nun ist? Das sind Fragen, die auftauchen. Rebecca verrät's nicht, darf sie nicht. Also begibt sich Kommissarin Blum (Eva Mattes) auf Spurensuche, auf Hausdurchsuchungen bei Geschäftspartnern von Reuter (fies: Serge Falck) und in einige Verhörszenen. Da neben diesem nur wenige Figuren auf der Bildfläche erscheinen – beispielsweise Reuters Vater (wie immer der charmante Unsympath: Klaus Manchen) oder Rebeccas Erzeugerin (gut wie immer: Sandra Borgmann) – entpuppt sich der Kriminalfilm-Aspekt als eher lahmarschig und weniger aufregend. Zu vorhersehbar ist die Auflösung irgendwann. Doch der Film setzt seine Akzente lieber an anderen Stellen – und das macht er richtig so.

"Sag mal, wie viele Mädchen hattest du schon?" ©SWR/Patrick Pfeiffer

Der 26. Konstanzer Tatort ist nicht nur ein hochklassiges Ensemble-Stück, sondern vor allem eine feine Charakter-Studie – wahlweise kann man das Gesehene auch sicher als Psychodrama erster Güte klassieren. Perlmann wollte eigentlich nur zusammen mit Blum bei Prof. Schattenberg (je älter, desto besser: Imogen Kogge) vorstellig werden. Dort haust Rebecca nämlich irgendwo am Bodensee auf einem einsamen Bauernhof, ist in Behandlung und redet mit niemandem. Wasser schüttet sie sich über den Kopf, dann ziehen die Kommissare von dannen, aber Rebecca sieht in Perlmann ihren neuen Olaf Reuter. Daraus ergibt sich folgendes Szenario: Perlmann bleibt für eine Woche auf dem Hof, um Rebecca zum Reden zu bringen und jegliche Fragen Blums damit zu beantworten. Schattenberg, rabiate Raucherin, von sich und ihrer Kunst sehr überzeugt, beobachtet ihn mit Argusaugen und auch er verzweifelt anfangs. „Auf sowas wurde ich nicht vorbereitet in der Polizeischule!“, muss er irgendwann eingestehen.

Doch irgendwann hat er sich an Rebecca gewöhnt, sie sich an Kai, dem Polizisten. Da stehen sie nun, machen Ausflüge, gehen Tauben fangen am Bodensee. Sie: „Sag mal, wie viele Mädchen hattest du schon?“ Er guckt sie verblüfft an. Jetzt wirkt's wirklich komisch. Aber auch, weil es so soll. Ansonsten reißt das Schicksal mit, man drückt die Daumen und hofft innerlich, dass sie Fuß fasst in dieser für sie so fremden Welt. Und später hat auch Mattes noch ihre Momente, wenn sie mal mehr als die reine Fragenstellerin spielen darf. Perlmann beginnt, Rebecca ins Herz zu schließlich. Eine Freundschaft entsteht. Dags Regie überzeugt und findet die richtige Tonalität. Zu Beginn wird minutenlang gar nichts gesagt, man sieht nur Rebecca am Rumspielen mit Benzin. Und am Ende, da steht Perlmann zusammen mit ihr vor einer Scheune. Draußen die wunderschöne Nacht. „Ich vermisse dich, Perlmann“, sagt sie. Sie umarmen sich. Der Abspann erscheint.

Wir werden ihn auch vermissen, wenn er nach dem letzten Fall nicht mehr wieder kommt, wenn sein persönlich letzter Abspann beginnt. Auch weil Marco Wiersch das Buch seines vorletzten Abenteuers mit dem richtigen Feingefühl versieht, weil der gesamte Cast dieses wunderbar umsetzt. Das Ganze ist zwar wenig Tatort, aber schlichtweg richtig gutes, emotional fesselndes Stück Bewegtbild. 

©ARD
Wie bereits in Leipzig schreiten die Konstanzer damit auf die Zielgerade, mit nunmehr zwei Granaten-Filmen in Folge. Und aller guten Dinge sind ja bekanntlich erst drei. Die Messlatte liegt jedenfalls hoch!

BEWERTUNG: 9,0/10
Titel: Tatort: Rebecca
Erstausstrahlung: 10.01.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Umut Dag
Darsteller: u.a. Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Gro Swantje Kohlhof, Sandra Borgmann, Imogen Kogge, Klaus Manchen, Serge Falck


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen