Montag, 21. Dezember 2015

Nach der Schlaftablette ist vor der Schlaftablette: "Polizeiruf 110: Grenzgänger"

©ARD
Wenn es in diesen Zeiten noch Konstanten gibt, dann wäre das einmal die stetige Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn oder aber der (fast) unaufhaltbare Siegeszug der Bayern. Zu diesen prominenten Namen gesellt sich jetzt auch der Polizeiruf des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Kurzname RBB.

Brauste bis vor ein paar Monaten im brandenburgischen Nirgendwo noch Horst Krause als gleichnamiger Polizeiwachtmeister mit seinem Schäferhund Haduck und einem alten klapprigen Motorrad samt Beiwagen umher, so hat seine Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) nun einen neuen Kollegen. Auch der fährt auf zwei Rädern, ist jedoch noch weit von Krauses Renten-Alter entfernt.

Der großartige Lucas Gregorowicz spielt den polnischen Kriminalkommissar Adam Raczek, eine coole Sau vom Ermittler-Typus eigenbrötlerischer Draufgänger. Gleichzeitg aber auch irgendwie ein Charmebolzen und Teamplayer. Viel mehr erfährt man in der Premieren-Folge „Grenzgänger“ von ihm jedoch nicht. Man weiß nur: Lenski und Kollege Wolfgang Neumann (herrlich: Fritz Roth) gehören jetzt einer deutsch-polnischen Ermittler-Gruppe nahe Frankfurt (Oder) an. Warum? Entweder wurde das in Krauses Abschied erläutert – dann hat es der geneigte Zuschauer allerdings schon wieder vergessen, was nicht weiter verwundern würde – oder es ist jetzt einfach so. Einigen wir uns einfach mal auf Letzteres. Der RBB bleibt sich beim Raczek-Auftakt in jedem Fall treu. Ohne Tempo, ohne Esprit und ohne jegliche Spannung vegetiert der Krimi so vor sich hin. So wie beim Krause, nur eben jetzt ohne Beiwagen am Motorrad.
"Ich versuche, mich in einen Kaktus zu verwandeln." Noch Fragen? ©RBB/Conny Klein

Es könnte durchaus etwas entstehen im deutsch-polnischen Grenzgebiet und Gregorowicz hat immerhin für vier Folgen unterschrieben. Die Chemie zwischen den beiden talentierten Mimen stimmt, der Sonntagskrimi-Trend des sympathisch-verrückten Gerichtsmediziners (Tomek Nowicki) setzt sich ebenfalls fort und Neben-Figur Wolfgang bekommt möglicherweise mehr Screentime in Forme eines Running Gags. Er hat nämlich auch einen Platz gefunden im neuen Revier und muss ihn ausgerechnet mit einem ausgewachsenen Beagle namens Speedy teilen. „Ich will, dass der Zirkus ein Ende hat. Der Hund muss weg!“, verkündet er. Doch Speedy möchte nicht weg vom Platz unter Wolfgangs Schreibtisch. Der Hund, der gehört halt auch zum RBB-Polizeiruf. Leider aber genauso wie Fälle, die nichts an sich haben.

Lenski darf in „Grenzgänger“ per Zufall einen Schwerverletzten aufgabeln und ihn zum nächsten Krankenhaus fahren. Dort verstirbt Tomasz Nowak, ein Student, dessen letzte Bachelor-Arbeit vom Tschetschenien-Krieg handelte. Die Spur der Ermittler führt dann zu verschiedenen Stationen. In die Kanzlei Hans Vogel (Manfred Zapatka) und seines Juniors Tobias (Christoph Luser), in dessen Box-Club und zum Box-Trainer Wurm (Robert Gallinowski), sie führt zum tschetschenischen Asyssuchenden Ramsan Dimaev (Tamer Yigit) und zu seiner Frau Sazzit (Nilam Farooq). Aber auch Tomasz' Mutter (Danuta Stenka) und Schwester Elzbieta (Barbara Wysocka) geraten in den Fokus der Ermittlungen. Und der Polizei-Übersetzer Kisultesov (Husam Chadat) schreibt nicht nur Gedichte, sondern hat ebenfalls Dreck am Stecken...
Ich bin doch nur Boxer, sagt der Junior-Anwalt. Sein Trainer guckt misstrauisch. Der Kommissar auch. ©RBB/Conny Klein

Die Lösung des Falles? Interessiert jedoch irgendwann nur noch am Rande. Zu viele Personen erscheinen auf der Bildfläche, zu dröge verlaufen die Ermittlungen, die sich hauptsächlich in irgendwelchen Räumen abspielen, sodass auch nur der Hauch von Spannung aufkommen könnte. Geschweige denn, es wird aus dem Szenario der grenzüberschreitenden Ermittlungen Profit geschlagen. Das geschieht höchstens mal in Forme von ein paar Sprach-Barrieren.

Immerhin  kann der Gerichtsmediziner was! ©RBB/Conny Klein
Lenski hangelt sich von einer Befragung zur nächsten – auch hier ändert sich einfach nichts im Gegensatz zur Zusammenarbeit mit Krause – und darf dann Fragen stellen, die der Zuschauer sich auch stellt, die man aber in kein Drehbuch der Welt schreiben sollte. Die drei Autoren Claudia Boysen, Uwe Wilhelm und Jakob Ziemnicki taten es trotzdem. Kollege Raczek unternimmt einen eher wenig erfolgreichen Alleingang in eine leer stehende Halle irgendwo im Wald, wo sich der Tote aufgehalten haben sollte. Dort kriegt Raczek standesgemäß einen übergewischt und Lenski fragt sich, was der Tote in der Halle wollte. Das ist ungefähr so, als wenn ich am Rand eines Fußballspiels stände, bei dem die Heim-Mannschaft mit 6:1 führt und dann sage: „Man, ich glaube, das wird heute nicht mehr spannend.“

Ziemnicki führt auch Regie. Dabei vergisst er es leider, dem Fall eine Art Flow zu verpassen. Es plätschert und plätschert, die von Dirk Dresselhaus beigesteuerte Musik tut ihr Übriges und nervt beispiellos. Nein, in Brandenburg kann was entstehen, aber die Auftakt-Folge knüpft vorerst nahtlos an der Krause-Langeweile an. Und der neue starke Mann an Olgas Seite macht derweil seltsame Verrenkungen, die er mit dem Hinweis, er versuche, sich in einen Kaktus zu verwandeln, erklärt. Ahja.

©ARD
Sollte es etwa Methode haben von RBB, Krimi-Deutschland frühzeitig in den Schlaf siechen zu lassen? Man wird das Gefühl nicht los. Es wäre perfide, aber irgendwie auch in gewisser Weise konsequent. Nach der Schlaftablette ist vor der Schlaftablette. Zumindest beim Rundfunk Berlin-Brandenburg.

BEWERTUNG: 4,5/10
Titel:Polizeiruf: Grenzgänger
Erstausstrahlung: 20.12.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Jakob Ziemnicki
Darsteller: u.a. Maria Simon, Lucas Gregorowicz, Fritz Roth, Manfred Zapatka, Christoph Luser

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