Montag, 28. Dezember 2015

Haiopeis mit zwei Händen am Abzug: Ulrich Tukur unter Mordverdacht - "Tatort: Wer bin ich?"

©ARD
„Ihr Filmfuzzis, ihr Hobbypsychologen, ihr Haiopeis!“

Wolfram Koch, Martin Wuttke und Barbara Philipp sitzen auf dem Polizeipräsidium und müssen sich böse Worte von den beiden Kommissaren (die heimlichen Stars: Yorck Dippe, Sascha Nathan) anhören, die zu viel haben von den Möchtegern-Polizisten. Dabei haben die drei eigentlich ihre ganz eigenen Probleme.
Koch spielt schließlich Kommissar Brix im aktuellen Frankfurt-Tatort und er ist immer auf der Suche nach Verbesserung. Derzeit plagt ihn die Frage: Wie halte ich eigentlich die Waffe richtig? Mit beiden Händen? Mit einer? Wuttke hätte solche Probleme gerne. Nach seinem Wahnsinns-Abschied aus Leipzig ist er nämlich bedroht von der Privatinsolvenz. Er bekommt keine Rollen mehr, deswegen muss er sich nun mit Episodenhauptrollen begnügen, wie er einmal wunderbar betont. Und auch Philipp hat ein Problem: Sie will keine Soap-Angebote mehr bekommen, sie will endlich mal in einem Nazi-Filmchen mitspielen, um so richtig durchzustarten. Doch alle drei sind geplagt vom gleichen Dilemma – und das heißt Ulrich Tukur. 
Tukur (m.) hat ein Problem: Er ist mordverdächtig. Wie kommt er da bloß wieder raus? ©HR/Kai Von Kröcher


„Oh, scheiße!“

Der wacht verkatert in seinem Hotelzimmer auf und sein erster Gedanke ist nur: „Oh, scheiße!“ Abends zuvor war Bergfest. Die Hälfte der Drehzeit des neuen Tatorts ist vorbei, das heißt: Party für die Filmcrew. Und Tukur hat dabei zu tief ins Glas geschaut. Bis Mitternacht sei er bei der Party im Casino zugange gewesen, wird er später den beiden Ermittlern erzählen. Auf seinem Bett findet er seinen verknitterten Murot-Mantel und schon begibt er sich an den nächsten Drehort. Heute auf dem Stundenplan: Eine Leiche, die im Kofferraum gefunden wurde. Doch dann stürmt Jens Hochstätt (herrlich: Michael Rotschopf) seine Umkleide: Christoph, der Aufnahmeleitungs-Assi ist tot. Ein Unfall. Doch dann beginnen Mord-Ermittlungen – gegen Murot. Die Produktion muss gestoppt werden, was für alle Beteiligten ein großes Problem darstellt...

„Drehen wir jetzt weiter?“

Es ist schon eine kuriose Situation, die sich Regisseur und Autor Bastian Günther hier zurecht schustert: Ulrich Tukur spielt sich selbst, also eigentlich nicht, aber irgendwie dann doch wieder. Es ist ein Film-im-Film-Experiment, ein herrlich selbstironischer Blick hinter die Kulissen. Ein Tatort, über den viel geschrieben und der von vielen als Schwachsinn verschrien wurde und der die Gemüter erhitzte. Vor und nach der Ausstrahlung. Nachvollziehbar. Denn Günther präsentiert hier ein Szenario, das man Sonntagabends wohl noch nie gesehen hat und in diesem Ausmaß auch nie wieder sehen dürfte. Es ist dem HR hoch anzurechnen, dass er sich nach dem einmaligen „Im Schmerz geboren“ ein solches Experiment traut. „Wer bin ich?“ heißt das Stück, in dem es nicht um den Mord und den Täter und das Motiv geht, sondern darum, was das eigentlich für Menschen sind, die Tatorte herstellen. Deren einzige Sorge ist, wenn jemand stirbt, ob denn jetzt weiter gedreht werden würde.
"Tu' die Waffe weg, wir sind hier nicht in Münster!" ©HR/Kai Von Kröcher

„Tu' die Waffe weg, das stand so nicht im Drehbuch!“

Das fragt sich Philipp, die eigentlich Wächter spielt, Murots Assistentin. Sie hat Angst und eben nicht so viele Rollen und einen solchen Ruf wie Tukur. Der versteht die Welt nicht mehr: Vom vorherigen Abend weiß er nichts mehr und Hochstätt ist bereits auf der Suche nach seinem Nachfolger. Heino Ferch? Matze Schweighöfer? Beide stünden in der Pipeline, hört Tukur diesen sagen. Und das alles nur wegen seines guten Vertrags. „Was hast du für einen Vertrag?“, fragt ihn Philipp, statt ihm zuzuhören und beizustehen. Kollege Koch sagt zwar immer, er solle sich melden, doch größtenteils ist auch dieser ein Egoist. Schauspieler halt. Und Wuttke will nur Geld vom Ulli. Beide – Koch und Wutti, Wuttke – sollen in einem gemeinsamen Tatort zusammen mit Kochs Kollegin Margarita Broich eine Szene spielen, Koch peppt das Ganze auf. Dem Regisseur gefällt das überhaupt nicht: „Tu' die Waffe weg, das stand so nicht im Drehbuch, wir sind hier nicht in Münster!“ 

Das ist schon wunderbar, was Koch und Co hier abliefern. Ihren eigenen Berufsstand einfach mal durch den eigenen Kakao ziehen, die ganze Maschinerie auf links drehen. Das macht Spaß und wird von Kameramann Michael Kotschi penibel gefilmt. Mal harrt die Kamera sekundenlang auf Tukurs Beinen, bis er sich aufs Bett setzt, mal wird ein Ei beim Frühstück von oben gefilmt – klingt gar nicht geil, wirkt aber. Der unaufgeregte Schnitt von Stefan Blau tut sein Übriges. Das hier will handwerklich gar nicht besonders glänzen, sondern setzt voll auf den Inhalt.

Es ist die pure Selbstreflexion. Ein Kommissar-Darsteller, der plötzlich selbst in den Verdacht gerät, jemanden ums Eck gebracht zu haben. Am Ende trifft Tukur – so viel sei verraten – noch auf seine eigene Figur. Es ist der Schlussspurt eines furiosen Films mit vielen tollen Kleinigkeiten. Justus Von Dohnanyi (selbst schonmal Regisseur bei einem Murot-Tatort) mimt den Regisseur des aktuellen Murot-Tatorts und er fährt voll auf die bayrische Woche in der HR-Kantine ab. Einmal schlüpft Tukur zusammen mit Koch in echte Polizei-Westen, um sich Überwachungskamera-Aufzeichnungen anzuschauen. Der Name dort drauf: Dautel – der des echten Produktionsleiters. Es gibt Interview- und Promo-Sequenzen von Koch und Broich für ihren neuen Tatort , bei denen man aus dem Gelächter nicht mehr raus kommt. Weil Broich Koch so gar nicht mag und weil dieser so tut, als sei er supercool. Charmant wird hier der hiesige Fernsehbetrieb entlarvt.
Da schaut er blöd, der Tukur. Oder ist er doch Murot? Und überhaupt...©HR/Kai Von Kröcher

„Ein geiler PR-Gag!“

Und Hochstätt hat derweil ständig Angst um seine Position. Er habe doch Familie, beteuert er, als Murot ihn zum Fluchthelfer ummudeln will. Aber irgendwie sei das Ganze doch auch ein guter PR-Gag, ein Tatort-Kommissar, der selbst unter Verdacht steht. Er lacht, Murot dagegen steht auf und geht. Doch er wird wieder kommen, allerdings erst 2017. Wer er dann ist? Murot oder Tukur, Verdächtiger oder Ermittler? 

©ARD
Egal. Hauptsache, es wird wieder so gut. Jörg Himstedt wird das Kind schon schaukeln. Der ist zuständiger Tatort-Regisseur beim Hessischen Rundfunk. Der filmische Jens Hochstätt ist sein Abbild. Auch wenn man öffentlich-rechtlichen Redaktion immer nachsagt, sie seien verstaubt und konservativ, ohne Mut und Mumm. Für ihn und seine Kollegin Liane Jessen gilt das ganz sicher nicht. Nur die Frage nach der Waffe, die können auch die beiden vermutlich nicht abschließend beantworten.

BEWERTUNG: 10/10
Titel: Tatort: Wer bin ich?
Erstausstrahlung: 27.12.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Bastian Günther
Darsteller: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Martin Wuttke, Wolfram Koch, Margarita Broich, Justus von Dohnanyi u.v.m.

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