Sonntag, 6. Dezember 2015

Generationen-Clash vom Allerfeinsten: "Gefühlt Mitte Zwanzig"

"Eye of the Tiger war früher schon scheiße!" Gilt zum Glück nicht für den Film. Jetzt im Handel! ©Universum Film
Der Trailer? Au weia. Der Titel? Gääähn. Der Plot? Och nä. Die Besetzung? Ben to the Stiller. Und trotzdem ist „Gefühlt Mitte Zwanzig“ ein toller Blick - aufs Altwerden, aufs Jungsein und aufs Immernochjungfühlen.

Josh (Ben Stiller) ist ein erfolgloser Dokumentarfilmer, der seit einigen Jahren schon an einem Film arbeitet – und ihn einfach nicht fertig bekommt. Vergeblich wartet er nun schon seit Langem auf Fördergelder, sein Cutter macht ihm Feuer hinterm Hintern, endlich zu bezahlen – und zuhause gibt’s auch nicht mehr ganz so viel Action. Frau Cornelia (Naomi Wattts) ist die Tochter eines erfolgreichen Doku-Filmers (Charles Grodin) und gleichzeitig dessen Produzentin. Im Bett knistert es schon lange nicht mehr, mit Apple-Geräten und Netflix ausgestattet und über Watt-Zahlen von Glühbirnen diskutierend legt man sich abends schlafen. Während die befreundeten Elternpaare sich um ihre Babys kümmern, sind Josh und Cornelia kinderlos. Sie genießen ihr Leben, doch irgendwie fehlt ihnen der gewisse Kick. Bis die Mit-Vierziger auf Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) treffen...

Und hier beginnt Regisseur Noah Baumbach – in der Presse als neuer Woody Allen gehandelt – die Stärken des Streifens auszuspielen. Auf intelligente und gleichzeitig hochgradig unterhaltsame Art. Einerseits sind da die beiden „Alten“, von Stiller und Watts sogar recht ordentlich interpretiert, die sich langsam aber sicher absondern von den Babykursen und von gemeinsamen Mittagessen mit gleichaltrigen Paaren, die sich Hüte kaufen, mit Darby zum Hip-Hop-Kurs und mit Jamie auf dem Rad über die Straße radeln. Plötzlich fühlen sich die beiden alten „Säcke“ wieder jung. Und das wirklich gut ausgearbeitete Buch lässt dabei gar nichts aus.
"Prost!" Amanda Seyfried zeigt Naomi Watts, wie es ist, nochmal wieder jung zu sein. ©Universum Film

Während die Generation 40+ nachts dreimal geweckt wird, weil die Babys Hunger haben, und sie abends nur schwer einen Termin wahrnehmen können, weil die Nanny ja auch Zeit haben muss, sind die jungen Mitzwanziger Vollblut-Hipster. Alte Schreibmaschinen, riesige Platten-Sammlung und selbst zusammengezimmerte Schreibtische. Fuck the system! Darby betreibt eine kleine Eis-Manufaktur, ihr Mann ist auch Dokumentarfilmer, in ihrer Wohnung halten sie ein Huhn, ist klar. Bald fahren sie gemeinsam mit Josh und Cornelia auf seltsame Rituale, die in Gruppen-Kotzen und Fremd-Küssen ausarten. Josh und Cornelia fühlen sich, zumindest vordergründig, wieder wohl. Und wieder jung.

Generationen-Clash vom Allerfeinsten. Wie ist das mit dem Altwerden? Wie will man selbst Altwerden? Kann man auch mit Mitte Vierzig noch unbeschwert Hüte tragen und plötzlich Wörter wie Chica sagen? Kann man da wieder jung sein? Und: Sind Hipster eigentlich wirklich gute Menschen? Das sind Fragen, die Baumbach mit seiner Komödie, die ohne Lächerlichkeiten und ohne sonderlich absurden Slap-Stick auskommt, unweigerlich aufkommen lässt. Sein Ensemble hat Bock, die Inszenierung hat Stil, der Witz ist tiefgründig. So sollten Komödien eigentlich immer aussehen.

Aber irgendwann muss dann auch Stillers Figur enttäuscht feststellen: Der Körper macht nicht mit beim „Zeit zurückdrehen“. Arthrose in den Knien und Bandscheibenvorfälle lassen sich nicht aufhalten – egal, wie cool man sich gibt. 

©Universum Film
„Du bist doch nur ein alter Mann mit Hut“, muss er sich anhören. Genauso wie "Eye of the Tiger" "Eye of the Tiger war früher schon scheiße", sagt Josh zu Jamie, als der auf natürlich viel zu großen Kopfhörern Survivors Klassiker hört. Wie recht er doch hat. Hipster sind eben auch nicht unfehlbar.

BEWERTUNG: 8,0/10
Titel: Gefühlt Mitte Zwanzig
FSK: ab 0
Laufzeit: ca. 98
Genre: Komödie
Erscheinungsjahr: USA 2015, auf DVD, VoD & Blu-Ray erhältlich
Regisseur: Noah Baumbach
Darsteller: u.a. Ben Stiller, Naomi Watts, Amanda Seyfried, Adam Driver

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