Montag, 16. November 2015

Ungeschönt und ohne Pathos: Finnisches Kriegs-Epos "Winterkrieg"

Die Finnen ziehen jetzt auch im Heimkino in den Kampf. Sogar im Director's Cut! ©2015 Pandastorm Pictures GmbH
Im Winter des Jahres 1989 befahl Stalin den Angriff auf Finnland. Das kleine skandinavische Land sah sich daraufhin einem übermächtigen Feind gegenüber. Auch die Brüder Martti und Paavo müssen in den Krieg ziehen. Es ist ein bitterkalter Winter, und die finnische Armee ist eher spärlich ausgerüstet. Das einzige, was die beiden Brüder und ihre Kameraden am Leben hält, ist der Kameradschaftsgeist. Es ist ein Feldzug in den eigentlich klaren Tod, es ist eine Schlacht, die man nicht gewinnen kann. Selbst gebastelte Molotow-Cocktails treffen auf russische Panzer, dass die finnischen Soldaten da keine Chance haben, ist klar. Dass man darüber einen Film drehen muss, ebenso. Regisseur Pekka Parikka tat das bereits im Jahr 1989, jetzt ist der Streifen namens „Winterkrieg“ auch im deutschen Handel erhältlich. Im originalen Bildseitenformat, in einer völlig neuen Abtastung. Es ist opulentes Kriegs-Epos, das man durchaus mal gesehen haben sollte.
Da brennt der Ivan...©2015 Pandastorm Pictures GmbH

Die Weiten des Krieges werden hier durch eine für damalige Verhältnisse wirklich hervorragende Kamera eingefangen, opulente Bilder, die die Grauen des Krieges ungeschönt widerspiegeln. Authentisch, blutig und wirklich mitreißend. Der Film schafft es, die Qualen und die aussichtslosen der hoffnungslos unterlegenen Finnen unverblümt in Szene zu setzen. Handwerklich bombastisch und inhaltlich glücklicherweise kein bisschen klischeebelastet.

Es hätte durchaus die Gefahr bestanden, die gegnerische Seite als Tyrannen darzustellen. Dieser Gefahr gibt sich Parikka aber nicht hin. Er erzählt die Geschichte aus der Sicht der Finnen. Die Dramaturgie ist dabei klug und intelligent. Martti verspricht, auf seinen jüngeren Bruder aufzupassen. Und ihr Regiment ist wild entschlossen: Das einzige Land, was die Russen bekommen, soll das Land zum Leichen verscharren werden. Wie sich täuschen. Die erste Hälfte des Director's Cut – Dauer: über drei Stunden – zeigt nur das lange Warten, bis was passiert. Man hilft der Bevölkerung, vor deren Flucht letztmals die Felder zu bestellen, sie höhlen Schützengräben aus, absolvieren Übungen im Wald. Vorbereitung, das Warten auf den großen Knall. Irgendwann geht’s aber auf ihre Nerven. „Es soll endlich los gehen“, da sind sie sich alle einig. Und dann geht’s auch los.
Martti soll auf seinen Bruder aufpassen. ©2015 Pandastorm Pictures GmbH

Denn wenn der Film das ganze an den Nerven zehrende Warten zur Genüge gezeigt und die Charaktere und ihre Wesenszüge ausgeleuchtet hat, da kommt der Feind. Die Finnen sterben weg wie die Fliegen, Stellungen müssen gehalten werden bis zum letzten Mann – koste es, was es wolle. Unzählige Gefechte demonstriert der Film, es werden Unmengen an Patronenhülsen verschossen, viele Charaktere kommen und gehen. Es ist Krieg, es ist kalt und zu Weihnachten gibt’s nichtmals einen Priester. Immerhin kriegt der Finnische Tross Essen und Kippen, aber er bekommt auch immer wieder dumme, sinnlose Befehle. Krieg ist sinnlos, vor allem im Winter, vor allem als schlecht ausgerüstete Truppe gegen einen Feind, der numerisch klar überlegen dir nicht den Hauch einer Chance gibt.

Sicher: Nach dem gefühlt zweihundertvierundsiebzigsten Kriegsfilm ist man auch bei „Winterkrieg“ leicht abgestumpft. Sonderlich hebt sich der Streifen nicht von diversen anderen Genre-Werken ab. Wir haben schon viele Kriegsgeschichten aus vielen Ländern serviert bekommen. Es gab schon so viele Gefechte, so viele Soldaten, die ihr Leben auf der Mattscheibe ließen. Aber der finnische Beitrag war zu seiner Zeit ein wirkliches Meisterwerk – und ist es auch heute noch.

Mit großem Aufwand und ohne jeglichen Pathos kommt er daher und zeigt einfach nur: Das war damals nicht so schön, im Schützengraben mitten im Winter irgendwo im skandinavischen Niemandsland zu hocken und auf seinen sicheren Tod zu warten. Irgendwann lässt die Aufmerksamkeit zwar spürbar nach und man guckt nur noch zu, denkt dabei: „Ach, noch ein Gefecht.“ Aber das verzeiht man dem Film. Denn eines schafft das Werk eindrucksvoll: Aufklärung. Darüber, dass es auch abseits von Deutschland und Co grausames, blutiges Kriegstreiben gab. Und dass sich die Gräuel aus dem Winter des Jahres 1939 nie wiederholen sollten. 

©2015 Pandastorm Pictures GmbH

BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Winterkrieg
FSK: ab 16
Laufzeit: ca. 120 Minuten, Director's Cut ca. 190 Minuten
Genre: Kriegsfilm
Erscheinungsjahr: Finnland 1989, erstmalig im Original-Bildseitenformat jetzt im Handel
Regisseur: Pekka Parikka
Darsteller: u.a. Taneli Mäkelä, Vessa Vierikko

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