Montag, 9. November 2015

Münsteraner Krimi-Verbrechen „Tatort – Schwanensee“: So schimmelig wie das Brot von Frank Thiel

©ARD
Frank Thiel ist ein Miesepeter. Okay, das ist jetzt keine Meldung, die überrascht. Aber im frischesten Münsteraner Krimi-Verbrechen namens „Schwanensee“ ist er schwerwiegend geschädigt. Er hatte zum Frühstück bloß ein Brot, das schimmelig schmeckte. Der Kommissar aus der Mordkommission in Münster erzählt Kollegin Krusenstern von seinem Leiden, klaut ihr kurzerhand das leckere Schlemmerbrötchen und wenig später regt er sich zusammen mit ihr auf, dass die Kantine im Präsidium geschlossen hat. Als Alternative wird den Bediensteten ein Bio-Laden angepriesen. Wohl bekomm's.

Der St. Pauli-Fan Thiel findet das gar nicht gut, schließlich gibt ihm der aktuelle Mordfall ebenfalls zu denken. Mona Lux ist tot. Aufgefunden wurde sie im Schwimmbad eines Therapiezentrums namens „Schwanensee“. Keiner kannte sie, „aber man kann ja nicht alle kennen – nichtmal in Münster.“ Findet Thiel. Also begeben sich er und seine Kollegin auf die Suche nach der Identität der Toten, nach dem Mörder – und nach allem, was sonst noch dazu gehört in Münster.
Eine Bootsfahrt, die ist lustig. Also meistens. Nur nicht in Münster. ©WDR/Willi Weber

Nur die Spannung, die lässt Regisseur André Erkau einmal mehr auf der Strecke liegen. Aber ist ja kein Problem, ist ja der Münsteraner Tatort. Hier geht’s nicht um Spannung, hier geht’s nicht um die Täter-Suche, hier geht’s bloß um den guten Gag. Dumm nur, dass man darauf stets lange warten kann. Auch diesmal überrascht der Münsteraner Tatort in keiner Millisekunde. Zugegeben, bis auf ein paar Ausnahmen ist die Klamauk-Rate übersichtlich, nur Einfallsreichtum sucht man in der Geschichte von Erkau, Thorsten Wettcke und Christoph vergeblich. 

Es gibt sie wieder, die Metzchen über Alberichs vertikalbegrenztes Blickfeld, Boerne und Thiels übliche Frotzeleien. Der Herr Professor hat nämlich eigentlich Urlaub, begibt sich in der Anfangs-Sequenz auf Trockenübung für seinen Tauchurlaub auf den Malediven – der Tiefpunkt des Abends - und ist sich im aktuellen Fall auch erst zu 99,9% sicher, dass Mona Lux sich selbst getötet hat. Kurz darauf weiß er hingegen: Zu 100,0% war's Mord. „Ein echter Boerne“ sei das, findet sein Kollege Thiel. Innerhalb von zwei Stunden seine Meinung zu ändern. Boerne begibt sich undercover und gegen Thiels Willen auf Ermittlungs-Mission in die Schwanensee-Einrichtung für psychisch Kranke. Und dort trifft er auf ein Klischee nach dem nächsten. Münster halt.
Mona Lux ist tot!!! ©WDR/Willi Weber

Dort laufen Leute rum, die alles und jeden beleidigen, auf Telenovelas stehen, an Autismus leiden und für viele miese Flachwitzchen-Szenen herhalten müssen. Gedacht ist das zwar als nette Pointen-Fabrik, das Leben in der Einrichtung, wo sie alle nur zu Besuch sind – freiwillig wohlgemerkt - , keiner sich als Patient sehen sollte und laut Prof. Weimar, dem Chef der Einrichtung, der Haupteingang nur nachts aus Versicherungsgründen abgeschlossen wird. Die Krankheiten der einzelnen Personen dienen als plumpe Aufhänger für die billigsten Gags, die aber immerhin von fähigen Darstellern verkörpert werden.

Robert Gwisdek zum Beispiel spielt mit, der Professor wird von Hanns Jörg Krumpholz gemimt und auch Nadja Zwanziger ist eine fähige Schauspielerin. Dieser Haufen von Episoden-Figuren entblößt die mangelnde Lust und eingerostete Leidenschaft des Standard-Ensembles. Während Axel Prahl Thiel wie zu (guten) alten Zeiten als Griesgram interpretiert, wirken Friederike Kempter als Krusenstern und besonders Jan Josef Liefers als Boerne diesmal seltsam unmotiviert. Vor allem der Letztgenannte versprüht diesmal kaum Boerne-Style, sondern müht sich sichtlich ab. Ist auch er vielleicht des Albernen ein wenig überdrüssig?

Ach, Thielchen...©WDR/Willi Weber
Gut möglich, denn während die Geschichte um die tote Therapieeinrichtungs-Besucherin sich irgendwann völlig langweilig und wenig inspiriert um irgendwelche dubiosen Steuer-Geschäftchen dreht, ist auch hier wieder wenig stimmig. Visuell weiß Erkau dann und wann zwar ein wenig zu überzeugen, aber größtenteils ist das eine weitere Mahlen nach Zahlen-Ausgabe der Tatort-Hauptstadt. Mit weniger Klamauk als sonst, aber trotzdem mit den üblichen, zwar ganz gut gemeinten, aber letztlich nicht vom Hocker hauenden Onelinern en Masse. Thiels Vaddern (Claus D. Clausnitzer) muss zwischendurch übrigens auch mal wieder für einen recht unkomischen Running Gag herhalten. 

Dann gibt’s irgendwann den Showdown auf dem Aasee, mit einem Schwanen-Tretboot. Man hofft und betet, Thiel und Boerne fallen ins Wasser, damit endlich Schluss ist oder endlich wieder ein gutes Buch mit wirklich großem Witz oder wahlweise mal mit Spannung zum Vorschein kommt. Ohne Klischees, ohne die beliebigen Sprüche von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann), ohne das, was man sowieso erwartet. Irgendwie läuft der Fall nicht rund“, erkennt sogar Thiel an einer Stelle. Und ein anderes Mal: „Was ist das denn schon wieder für eine Scheiße?“ 

©ARD
Vielleicht sollten sich alle Beteiligten noch einmal den besten Münsteraner Tatort aller Zeiten anschauen. „Wolfstunde“ hieß er, ausgestrahlt wurde er vor sieben Jahren, und er war der mit Abstand wenig komischte und packendste Krimi aus dem Münsterland. Sie können es ja schon, aber sie wollen es wohl einfach nicht mehr. Vielleicht auch, weil es die Fangemeinde nicht möchte. Damals wurde nach der Ausstrahlung gemeckert und gejammert. Das sei ja kein Münster-Tatort gewesen. Die Dreharbeiten für den nächsten haben derweil bereits begonnen. Arbeitstitel: „Fußpilz“. Hurra.

BEWERTUNG: 4,0/10
Titel: Tatort: Schwanensee
Erstausstrahlung: 08.11.2015
Genre: Krimi
Regisseur: André Erkau
Darsteller: u.a. Jan Josef Liefers, Axel Prahl, Robert Gwisdek

1 Kommentar:

  1. 'Wolfsstunde' war sehr krass und es hat einen gepackt (ich kann trotzdem gerne ohne Vergewaltigungsszenen leben). Diese gute Episode wird gefolgt von 'Sag nichts'. Mörderspiele fand ich auch klasse, vor allem wegen der Bäuerin und ungewöhnlich war Herrenabend. Was mich hauptsächlich ärgert ist das die Hauptfiguren in ihrer Charakterentwicklung stagnieren oder noch schlimmer zu Karikaturen werden. Andere mögen da mir nicht zustimmen, da doch der Fall im Mittelpunkt stehen soll, aber wenn die Figuren erst mal interessanter sind, dann kann man wenigstens ein schwaches Drehbuch verzeihen.
    Schöne Grüße :)

    AntwortenLöschen