Montag, 30. November 2015

Der Psychopath und ich: Fesselndes Doppel-Comeback in "Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes"

©ARD
„Ich hasse deinen Beruf. Wie du aussiehst, wenn du abends nach Hause kommst. Der ganze menschliche Dreck ist noch in mir drin. Das geht doch nicht mehr ganz raus. Egal, was wir machen.“ Frieda Jung (Maren Eggert) hatte eigentlich schon 2010 Feierabend im Tatort und mit einem Polizisten wollte sie auch nicht anbändeln. Sie hat nämlich nichts mehr übrig für den Job mit den ganzen menschlichen Abgründen. Doch für einen Ausnahme-Tatort kommt auch sie selbstverständlich zurück. Drehbuch-Autor Sascha Arango schrieb ihr kurzerhand fürs Ein-Folgen-Comeback eine Beziehung und Bald-Ehe mit Kommissar Borowski (Axel Milberg) ins Buch. Sie sind schon auf Wohnungssuche, die Heirat soll im kleinen Rahmen gehalten werden. Alles ist angerichtet. Doch dann erscheint auch Kai Korthals plötzlich wieder auf der Bildfläche

Korthals ist einer der größten Psychopathen des Tatorts der letzten Jahre, womöglich sogar der größte. Lars Eidinger spielt diesen Mann, der sich bereits in der Folge „Borowski und der stille Gast“ 2012 in den Wohnungen fremder Frauen einniste, sich es dort bequem machte und an deren Zahnbürsten ausprobierte, mal wieder am Rande des Wahnsinns. Oder besser gesagt: Viel mehr Wahnsinn kann man einer Figur gar nicht verleihen. Der theatererfahrene Eidinger lebt diese Figur. Sein Korthals hat in den letzten Jahren so einiges erlebt. Er floh vor Borowski, doch lebte ein normales Leben weiter, wurde Vater und hatte sogar eine Frau. Die wurde jetzt aber vollkommen verwirrt im Kieler Umland gefunden. Die Spur führt prompt zu Korthals. Es entwickelt sich ein 90-minütiger Adrenalinkick, bei dem es der Psychopath auf Borowski und seine Frieda abgesehen hat.
Lebt denn der alte Korthals noch? Ja, er lebt noch, er lebt noch, jaaaa, er lebt noch, er lebt noch, stirbt vielleicht...©NDR/Philip Peschlow

Natürlich kann man jetzt meckern: Warum genau muss ausgerechnet jetzt zur Korthals-Rückkehr, zum wohl ersten Sequel der Tatort-Historie, Frieda Jung auf einmal mit Kommissar Borowski ein Liebesverhältnis beginnen? Warum wurde das nicht schon in den vergangenen Folgen gezeigt oder wenigstens angedeutet? Bösartige Zungen können behaupten: Der Dramaturgie wegen. Kann man schon so interpretieren. Ist auch kein unbedingt kreativer Einfall von Grimme-Preisträger Arango. Frieda kommt nämlich im Laufe der Folge in die Fänge von Korthals. Es beginnt ein Duell: Mann gegen Mann, Borowski gegen Korthals, Milberg gegen Eidinger. Superbe Unterhaltung. Regisseurin Claudia Garde (zuletzt arbeitete sie mit Arango ziemlich erfolgreich für „Niedere Instinkte“ zusammen“) hat gar kein Problem, aus den Gegegebenheiten ein großen Tatort zu inszenieren.

Der Tatort macht nicht eins-zu-eins das nach, was im Vorgänger geschah. Er hangelt sich nicht dran entlang, sondern erzählt eine eigene Geschichte, entwickelt eine Eigendynamik, baut den Korthals-Plot weiter aus. Dass sich das an der oben beschriebenen Frieda aufhängt? Geschenkt. Zu sehr fesselt die Story, zu sehr zieht der Kampf von Klaus Borowski um das Leben seiner Angebeteten in seinen Bann. Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) sagt über Korthals: „Solche Augen vergisst man nicht.“ Sie hatte beim ersten Fall mit ihm auch so ihre Albtraum-Momente. Borowski denkt sich das derweil gleiche, verpasst ihm aus Frust und Angst eine Kopfnuss, nimmt Narben im Gesicht in Kauf, quittiert zwischenzeitlich seinen Dienst. So verzweifelt hat man Kommissar Klaus Borowski noch nie gesehen.
Auch Frieds Jung (Maren Eggert, m.) lebt noch. Und sie liebt ihren Klaus (Milberg,.r.) ©NDR/Philip Peschlow

Eidinger ist hingegen einfach nur ein Mann, der eigentlich gar nicht so sein will. „Sie glauben, ich bin ein Schwein? Sie glauben, Sie sind besser als ich? Sie sind nicht besser, Sie haben es nur besser.“ Er beteuert immer wieder, er sei kein schlechter Mensch. Und doch: Er ist, das muss man zweifelsohne so resümieren, zumindest kein guter. Garde schafft es, das Buch von Arango in einem solchen Licht erscheinen zu lassen, wie er es (vermutlich) vorhatte. Sie durchleuchtet die Ab- und Beweggründe von Menschen wie Korthals gebührend, aber gleichzeitig offenbart sie auch gelungen, wie sehr, wie schnell aus einem liebenden Menschen ein Tier, regelrecht ein wildgewordener Stier werden kann, wenn man an das Liebste geht, was dieser Mensch besitzt.

©ARD
Es ist ein Duell wie im wilden Westen. Wer verliert, der stirbt. Es ist das ewige Aufeinandertreffen von gut und böse. Der menschliche Dreck gegen die Liebe. Korthals, der Verrückte, Borowski, der Verzweifelte, und Frieda, die Verängstigte, drehen dabei durch. Am Ende verabschiedet sie sich von ihrem Geliebten mit den Worten: „Mach's gut und verjag' alle Gespenster.“ Das wird ein beschwerlicher Weg.

BEWERTUNG: 9,5/10
Titel: Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes
Erstausstrahlung: 29.11.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Claudia Garde
Darsteller: Axel Milberg, Sibel Kekilli, Lars Eidinger, Maren Eggert, Thomas Kügel

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