Montag, 2. November 2015

Der Mörder ist nicht immer Barnaby Metschurat: Obdachlosen-Tatort "Cote d'Azur" vom Bodensee

©ARD
Nach sieben Minuten, um genau 20:22 Uhr, erschien Barnaby Metschurat zum ersten Mal auf der Bildfläche. Da hatte ich persönlich schon abgeschlossen mit „Cote d'Azur“, dem neuen Bodensee-Tatort. Er musste einfach der Täter sein, er spielt im Tatort von Regisseur Ed Herzog den Kinderarzt, der am Tatort die Aufgabe des Rechtsmediziners übernimmt. Im Schilf liegt Vanessa Koch (Mandy Rudski), erschlagen mit einer Axt. Der Mörder hatte der Notruf-Stelle eine SMS mit dem Hinweis, sie sei tot und man solle sich um ihr Baby kümmern, hinterlassen. In ihrem Namen.

Kommissar Perlmann (wie immer gut in Form: Sebastian Bezzel) ist vor Kollegin Blum (Eva Mattes) am Fundort der Leiche, vom Baby aber keine Spur. Doch Blum findet das stark unterkühlte Kind, Perlmann macht sich daher Vorwürfe und bekommt Stress mit der Kollegin. Perlmann gehe ihr auf den Sack, sagt Blum. Und der Mörder? Na klar, muss Metschurat sein. Ist ja immer so. Der große Unbekannte, der nur beiläufig am Rand eine Mini-Rolle spielt. Immer so? Nein, diesmal nicht.
Ist nicht immer der Mörder: Barnaby Metschurat (l.) ©SWR/Johannes Krieg

Das hervorragend ausgereifte Buch von Autor Wolfgang Stauch beinhaltet keine atypische Lösung und ist mehr Millieustudie als Kriminalfilm – und daher so richtig gelungen. Hinter Cote d'Azur verbirgt sich nämlich nicht eine Dokumentation über die französische Landschaft an der Mittelmeerküste, sondern der Einblick ins Leben vom draufgängerischen Punk Lucky (Kai Peter Malina), dem vom rechten Weg abgekommenen gewalttätigen Ex-Polizisten Hagen Bötzow (Andreas Lust), dem frustrierten Ex-Selbstständigen (Krimi-Stammgast: Peter Schneider), dem mit dem Leben abgeschlossenen Bill (ganz groß: Frank Fink) und der Drogensüchtigen Franziska (Friederike Linke). Sie alle haben ihr Obdach aus den unterschiedlichsten Beweggründen verloren und bilden in der Hütte am Fluss eine Art WG.

Es sind stark geschriebene Charaktere, die toll verkörpert werden. Herzog legt den Fokus auf diese Truppe, auf deren Leben zwischen Müllcontainern und dem Betteln auf dem Konstanzer Weihnachtsmarkt – ja, der Tatort spielt eher unfreiwilligerweise zur Adventszeit, die Ausstrahlung war ursprünglich für Mitte Dezember vorgesehen -, wo sie als Weihnachtsmänner verkleidet für Orang-Utans sammeln. Jedenfalls vorgeben, das zu tun. Das lässt sich gut mit ansehen und geht teilweise unter die Haut. Bill erzählt Perlmann beispielsweise, dass er früher mal vom Pferd gefallen sei und deswegen jetzt nicht mehr alle sieben Sinne beisammen hätte. Eine wirklich ruhige, Mitgefühl weckende Szene. Andere wiederum sind aus voller Überzeugung auf der Straße. Und alle beanspruchen für sich das Recht, anständig behandelt zu werden.
Bill (Frank Fink) erzählt Blum (Mattes, l.) und Perlmann (Bezzel, r.) aus seinem Leben. ©WSR/Johannes Krieg

Es sammeln sich so starke Momente, wie sie im Fluss baden gehen und dann Duftspray aus dem Bad als Deo benutzen. Das tun sie, weil sie Vanessas Baby im Krankenhaus besuchen möchten. Dort liegt es und die Tote hat allen berichtet, dass jeder von ihnen der Vater sei. Aber der erste Versuch scheitert an der Krankenschwester, man stinke und wer stinke, der sei nicht sauber und habe nichts in einer Klinik zu suchen. „Das ist der Duft der Freiheit“, entgegnet Lucky.

Es ist eine liebenswerte Gang, die Cote d'Azur-Jungs. Vanessa ist dort ein und aus gegangen, hatte aber teure Kleidung im Schrank. Das lag an ihrem Umgang mit dem Konstanzer Hit-Giganten Evers (herrlich überzeichnet: Markus Hering), der auch der Erzeuger gewesen sein könnte. Herzog überzeichnet dessen Leben mit einer Villa voller wilder Girls, die nur sein Geld wollen. Seine Zigaretten zündet er sich nicht selbst an, und manche seiner Fan-Girlies treffen leichter den Ausgang als Töne. Es sind zwei besondere Kontraste, die hier aufeinander treffen – hier die Welt des Erfolgs, dort die Welt des Misserfolgs. Und mittendrin Bezzel als Perlmann, der irgendwo in diesen beiden Welten den Mörder finden muss.
©SWR/Johannes Krieg

Dabei spielt er Mattes an die Wand. Deren Figur setzt in einer etwas unnötigen „Hilfs-Mission“ Franziska in der Gefängnis-Zelle erst auf kaltem Entzug, um sie dann in einer Entzugsklinik unterzubringen. Klappt nicht, ist auch entbehrlich. Da beobachtet man lieber ihren Kollegen, der sich auf einem nicht immer nachvollziehbaren Kriegsfuß mit ihr befindet und sich rührend ums Baby kümmert und diesem Geschichten vorliest. Nett auch der kleine Running Gag auf der Parkbank von Franziskas Dealer vom Dienst. „Ich bin der Kai von der Polizei“, sagt er bei jeder Begegnung, kettet den Dealer dort fest, um Infos zu erpressen. Getreu dem Motto: Support your local Dealer! Perlmann ist zwar des Öfteren in seiner Laufzeit ziemlich missmutig-sympathisch gewesen, so überzeugend wie hier war er jedoch selten.

Nach 90 Minuten, um 21:45 Uhr, erschien der Abspann. Blum und Perlmann haben zu dem Zeitpunkt auch ihren 25. Fall gelöst. Noch zweimal sind sie jetzt zu sehen, dann ist Schluss am Bodensee, im Schilf und drumherum. Nachfolge ungewiss. Vielleicht ja Barnaby Metschurat? Denn nicht immer ist er der Mörder.
©WSR/Johannes Krieg
BEWERTUNG: 8,0/10
Titel: Tatort: Cote d'Azur
Erstausstrahlung: 01.11.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Ed Herzog
Darsteller: u.a. Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Peter Schneider, Andreas Lust, Frank Fink

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