Montag, 16. November 2015

Berliner Nächte, die sind lang: "Tatort: Ätzend"


©ARD

Berliner Nächste sind bekanntlich lang. Das wusssten schon die Gebrüder Blattschuss mit ihrem Klassiker „Kreuzberger Nächte“. Umgemünzt auf den zweiten Fall von Nina Rubin (einmal mehr Klassenbeste des Abends: Meret Becker) und Kollege Karow (darf drei Gesichtsausdrücke und Haut zeigen: Mark Waschke), kann man getrost sagen: Sie fangen zwar wirklich langsam an, aber dann, aber dann...

Der Fall wurde von Autor und Rubin/Karow-Erschaffer Stephan Wagner auf den Namen „Ätzend“ getauft. Wagner hätte kaum einen treffenderen Titel wählen können. Ätzend ist so vieles. Zum Beispiel die große, über allem thronende, horizontal erzählte Geschichte über den Mord an Karows ehemaligen Partner Maihack und dessen Verstrickungen. Bruchstückhahft geht’s nach und nach weiter in diesem Fall, am Ende gibt’s, ähnlich wie in der Premiere „ DasMuli“, einen Cliffhanger, der sich gewaschen hat. Ätzend, dass es Monate dauern wird, bis diese Geschichte weiter erzählt wird. Denn langsam kristallisiert sich heraus, dass dieser vordergründig so draufgängerische Kommissar Karow doch so manch Geheimnis mit sich bringt, was umhauen könnte. Einmal hüpft er in „Ätzend“ nachts zusammen mit einem Mann ins Bettchen. Ist er nach Patrick Abozen in Köln der zweite offen schwule Tatort-Akteur?

Ist Karow schwul? ©RBB/Volker Roloff
Aufklärung in der kommenden Ausgabe aus der Hauptstadt gibt’s womöglich dann wieder mithilfe einer Rückblende auf das, was bisher war. So fängt auch der Streifen, inszeniert vom guten Dror Zahavi (zuletzt „Kollaps“), an. In Schwarz-Weiß gibt es einen kurzen Hinweis aufs erste Aufeinandertreffen der Mutter außer Dienst Rubin, die sich mit den irrlaufenden Gefühlen ihres Ex und speziellen Wünschen ihrer Kinder rumplagen muss, und eben Karow. Rubin verbringt jetzt ihre Nächte mit ihrem Ex im Auto und bringt das Gehäuse zum Wackeln. Der Ex (Aleksandar Tesla) mag die Zärtlichkeiten seiner Frau zwar noch, aber verzeihen kann er ihr noch immer nicht. Nachts, im Auto, dafür reicht sie ihm – für mehr eben nicht.

Doch zurück zum Beginn, dieser Rückblende, die leider mehr Verwirrung stiftet als sonst was. Was gut gemeint war, wird Nicht-Zuschauern von „Das Muli“ kaum weiter bringen. Sicher gibt’s auch hier wieder einen Fall der Woche, der ohne Vorkenntnisse gelöst werden kann, aber der spielt eine eher untergeordnete Rolle. Auf einer Baustelle wird ein Toter gefunden, anhand seines Herzschrittmachers kommen die Ermittler einer Flüchtlings-Familie auf die Spur. Die hochschwangere Layla (Elmira Rafizadeh), ihr Mann Saed (Husam Chadat) und Sohnemann Arash (Julius Ipekkaya) sind nur dank eines geschickten Tricks weiterhin in Deutschland. Der Tote war irgendwie der Bruder von Saed. Und man hatte Identitäten getauscht, um in unserem Land weiter leben zu können. Die Lösung, freilich, hat aber mit einem Mann zutun, der nur eine Nebenrolle spielt. Vorgetragen wird sie in wenigen Minuten, ziemlich überhastet und eher aus dem Ärmel gezogen. Wirklich ätzend, aber diesmal auch im negativen Sinne.

Viel interessanter ist da das Schicksal der Flüchtlingsfamilie. Als Layla ihr Kind gebährt, möchte sie unter keinen Umständen ins Krankenhaus. Der Sohn hat eine Liebste namens Ira (Stephanie Amarell), deren Eltern ihn aber nicht Willkommen heißen. „Das sind bestimmt religiöse Fanatiker“, meint die Mutter beispielsweise, sperrt Arash im Zimmer ein und ruft die Polizei, als er bei Ira übernachten möchte. Er flüchtet in den Boxclub von – oh, du kleines Tatort-Universum – Rubins Vater (Tilo Prückner). Dort verbringt er später auch eine Nacht mit seiner Liebsten. Und Vater Saed schweigt derweil beharrlich in den Polizei-Verhören, um die Familie zu retten. Das Ende, wieder in Schwarz-Weiß gehalten, lässt nachdenklich zurück und offenbart: Bringt nichts. In Deutschland ist anscheinend kein Platz für jedermann – seien sie noch so integriert und gebildet. Karow findet's nicht weiter schlimm, sei ja nicht mehr ihre Baustelle, Rubin fällt vom Glauben ab und fragt sich, warum denn der eine ein illegaler Mensch ist und der andere nicht. Eine wahrhaft ätzende Erkenntnis.
Nanu, wo kommt der denn her? ©RBB/Volker Roloff

Gedanken, die gestellt werden, gerade derzeit auch gestellt werden müssen, die aber Wagners Buch und Zahavis Inszenierung nur beiläufig thematisieren, ohne aus der Thematik eine erdrückende Sozialstudie zu produzieren, aber in dem Umfang und der Form, dass es mitreißt. Das Ende, die vielen kleinen Momente, die reichen aus, viel wichtiger ist Karows Geschichte.

Damit das funktioniert und die kleinen Stolpersteine des Falles nicht weiter ins Gewicht fallen, ist ähnlich wie in anders gelagerten Tatort-Standorten aber auch das Team hinter dem Team wichtig. In Berlin sind das Tim Kalkhof als Mark Steinke, der in der ersten Folge noch mit Rubin schlief, Carolyn Grenzkow, die Anna Feil mimt. Feil ist die Praktikantin, die für den Kaffee sorgte und für die erheiterndsten Momente sorgte, und auch diesmal wieder ihre Augenblicke hat. Auch sie hat nachts – während Kollegin, Kollege und Verdächtige sich anderweitig vergnügen – einiges zu tun, sitzt bis morgens um halb fünf im Büro. Karow erwacht auf der Terrasse nach seinem Schäferstündchen, die Kamera hält in einem tristen, ausladenden Blau-Ton drauf.

Überhaupt: Die Kamera. Die Optik, stets kühl und distanziert, darf nicht mehr so viel von der Stadt zeigen, aber sie hüllt sie thematisch passend mal hell und erfrischend ein, mal in Grau und Grau. Gero Steffen, der Mann hinter der Linse, leistete ganze Arbeit. Genauso wie das gesamte Ensemble.

Karow und Rubin, bei beiden war ich skeptisch, denn auch ihr Verhältnis war gestört – wie bei so vielen der neuen Gesichter im Krimi-Land. Aber in diesem Fall ist das keine einfach Abneigung, sondern eher eine Abhängigkeit. Karow braucht Rubin, um seine Unschuld zu beweisen. Er fleht und bettelt sie an, sich um seinen Fall zu kümmern – woran sie sowieso schon lange sitzt. Und ihm zu helfen.

©ARD
Er braucht sie, aber brauchen wir die beiden? Definitiv, da bin ich mir jetzt sicher. Auf weitere lange Berliner Nächte. Mögen sie auch noch so ätzend sein. 

BEWERTUNG: 08/10
Titel: Tatort: Ätzend
Erstausstrahlung: 15.11.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Dror Zahavi
Darsteller: Mark Waschke, Meret Becker, Carolyn Grenzkow, Elmira Rafizadeh, Husam Chadat u.v.m.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen