Dienstag, 27. Oktober 2015

Was, wenn deine Mama nicht deine Mama ist? - "Ich seh Ich seh"




AUF DVD IM HANDEL ©Koch Media


Denkt man an Österreich als Filmland, fällt den meisten sofort der Name Michael Haneke ein. Ein Tausendsassa, der zwischen den Genres wechselt wie kein Zweiter und international anerkannt ist. Doch neben Haneke hat Österreich noch weitaus mehr zu bieten. Erst letztes Jahr belebten sie den Western mit „Das finstere Tal“ auf berauschende Art und Weise zum Leben. Jetzt steht mit „Ich seh Ich seh“ das nächste aufsehenerregende Projekt vor dem Heimkinostart. Das Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala wandelt auf den Spuren von Hanekes „Funny Games“ und lässt das Grauen über eine kleine Familie einbrechen. 

Von Beginn an schlägt der Film in den Bann. Die erlesenen Bilder fangen die Stimmung perfekt ein und spiegeln die Gemütszustände der Zwillinge Lukas und Elias wieder. Zu Beginn springen sie durch lichtdurchflutete Wälder und Kornfelder, sind ganz Kind, ungerührt und frei. Doch die Dunkelheit umfängt sie, bis sie undurchdringlich wird und die eigentliche Geschichte beginnt. Sobald die Brüder mit ihrer Mutter im Haus leben, schlägt die Atmosphäre schlagartig um. Kühle und Tristesse bestimmen das Geschehen, die Unsicherheit der Kinder, aber auch die Wutausbrüche der Mutter, mehren sich. 
 
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Zwar ist „Ich seh Ich seh“ selten wirklich überraschend, doch zieht er sein Ding kompromisslos durch. Der aufkeimende Konflikt zwischen Kind und Mutter greift tiefer und tiefer, bis es kein Zurück mehr gibt. Traumata werden geblockt als wäre nichts gewesen, das Weiterleben ist nur durch Lüge und Illusion möglich. Die Filmemacher behandeln Themen wie Verlust und Verdrängung aufrichtig und kleiden ihr Drama in das Gewand eines Horrorthrillers. Das ist im Grunde vorhersehbar, jedoch äußerst elegant gefilmt und inszeniert. 

Ironischerweise krankt der Film an einer entscheidenden Stelle an einer Prise Unglaubwürdigkeit und läuft in Gefahr sein durchdachtes Konzept der Lächerlichkeit preis zu geben. Denn hier begeht er einen Fehler, der anderen Horrorfilmen sonst das Genick brechen würde: Das Verhalten der agierenden Figuren wirkt (in diesem Moment) unfreiwillig komisch und höchst fragwürdig. Hat „Ich seh Ich seh“ diese schicksalhafte Szene hinter sich gebracht, weiß der Film bis zum Ende jedoch zu schocken und zu fesseln. 
 
Österreich mausert sich immer weiter zu einem Geheimtipp, wenn es um aufregende Genreware geht. Ob Western, Krimi oder Horror – Deutschland kann sich ruhig eine Scheibe Wagemut abschneiden.


©Koch Media

 BEWERTUNG: 07/10
Titel: Ich seh Ich seh
FSK: ab 16 freigegeben
Laufzeit: 99 Minuten
Genre: Horror, Thriller
Erscheinungsjahr: 2015
Regisseure/Autoren: Veronika Franz und Severin Fiala
Darsteller: Susanne Wuest, Lukas & Elias Schwarz, Hans Escher, Elfriede Schatz, Karl Purker, Georg Deliovsky, Christan Steindl, Christian Schatz



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