Montag, 19. Oktober 2015

Der neue Schimanski: „Tatort: Kollaps“

©ARD
Alte Männer waschen sich, Scheidungen machen glücklich, Stereoide verursachen schrumpelige Genitalien und der Hauptkommissar möchte ab jetzt ein guter Türke sein.
Es fabert wieder in Dortmund. Jörg Hartmann brilliert sich einmal mehr durch ein gutes Buch von Jürgen Werner. „Tatort: Kollaps“ heißt das schmucke Ding.

Emma ist tot. Die Sechsjährige stirbt, während ihre Mutter Claudia Siebert (Alexandra Finder) mit dem Ohr am Smartphone hängt und ihrem Kind keine Aufmerksamkeit schenkt. Auf dem Spielplatz kam sie mit Koks in Berührung. „Eine Überdosis mit sechs? Willkommen in der Nordstadt“, meint dann auch Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) höhnisch. Bönisch selbst hat privat einige Sorgen: Sie ist frisch geschieden, ihr Mann hat sie nämlich jetzt endlich verlassen und sogar schon die Schlösser ausgetauscht. Was ihren Chef auf die Idee bringt, mit ihr zusammenzuziehen. „Da kann ich mich ja gleich erschießen“, entgegnet sie. Es ist nur einer von vielen, kaum aufzählbaren Highlight des abermals außerordentlichen 90-Minüters.
"Überdosis mit 6? Willkommen in der Nordstadt!" ©WDR/Thomas Kost

Die Verdächtigen sind schnell ausfindig gemacht, zwei Senegalesen verdienen sich mit ein paar Drogengeschäften ihren Lebensunterhalt. Als eine von den beiden ermordet wird, gerät ihr Bruder Jamal (hervorragend: Warsama Guled) in den Fokus der Ermittler, aber ebenso in den Blickfang einer Art Bürgerwehr – angeführt von Sönke Möhring als Kindesvater und Werner Wölbern als Dieter Lahnstein, enger Freund vom Kindesvater. „Ein gesellschaftlicher Tsunami“ rolle auf uns zu, sagt Letzterer. Der Fall behandelt (mal wieder), ganz tagesaktuell, die Ängste von „normalen“ Bürgern vor Menschen von außerhalb Deutschlands. Nicht weiter tiefergehend, aber dafür im Vorbeigehen und mit der ordentlichen Portion Spannung. Langweilig ist „Kollaps“ nie. Und vor allem zum Ende hin auch emotional so richtig mitreißend. Ein trauriger stimmendes Schlussbild gab's im Tatort ewig nicht.

Faber sorgt sich derweil, wie es sich für ihn gehört, um die Probleme der kleinen Männer. Er nimmt sich Jamal an und beauftragt den Drogenbaron Abakay (glattgebügelt gut: Adrian Can), ihn ausfindig zu machen, bevor es die Mörder tun. Das klappt. Faber und Abakay trafen bereits in einem der früheren Fälle aufeinander, Werner schafft es einfach immer wieder, die Geschichten des Dortmunder Tatort an jedem Ende ordentlich weiterzuerzählen. Aufgegriffene Handlungsfäden verlieren sich hier nicht im Selbstzweck für den Fall, sondern werden stringent weitererzählt.
Faber (Hartmann, r.) möchte jetzt ein guter Türke sein! ©WDR/Thomas Kost

Abakay fragt beispielsweise den stets ihn auf einen Tee zu Besuch kommenden Faber, ob er in ihn verliebt sei. „Nur, wenn Sie beschnitten sind!“, antwortet der Kommissar. Bönisch verbringt, wie eigentlich in jeder Folge, aus Frust ihre Nächte an Dortmunder Hotelbars. Faber – einmal als Stalker, einmal als Amokläufer bezeichnet – verfolgt sie. Kommissar Kossik (Stefan Konarske) muss mit ansehen, wie Kollegin Dalay (Aylin Tezel), seine Ex, mit einem viel älteren Mann schläft. Außerdem legt er sich tatsächlich mit Faber an und verpasst ihm so eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Ja, in Dortmund läuft's einfach nicht rund und die Stimmung verharrt auf einem Tiefpunkt. Doch anders als beispielsweise in Rostock beim dortigen Polizeiruf nerven die Dortmunder Spirenzchen kaum. Sie fügen sich ein in ein großes Ganzes, das jedes Mal aufs Neue klug konzipierte Episoden zu erzählen weiß. 

Der auch etwas vorhersehbare Fall gibt gerade aufgrund der starken Ensemble-Leistungen etwas her. Bloß die Tatsache, dass Werner Wölbern bereits in der letzten Woche zu sehen war in einer ähnlich angelegten Rolle im Tatort von Möhrings Bruder Wotan kratzt ein wenig am Rest. Dafür kann der Fall aber nun wirklich nichts.  

©ARD
Am Ende pöbelt Faber dann noch im Park. „Ich kann das Koks empfehlen – heute im Sonderangebot.“ Der neue Horst Schimanski ist geboren.

BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Tatort: Kollaps
Erstausstrahlung: 18.10.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Dror Zahavi
Darsteller: u.a. Jörg Hartmann, Anna Schudt, Aylin Tezel, Stefan Konarske, Sönke Möhring, Werner Wökbern
  

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