Montag, 19. Oktober 2015

"Der Nanny": Rolf Horst, der Kevin-Norbert unter den Cindy aus Marzahns

Da wird doch der Tintenfisch auf dem Tisch verrückt: "Der Nanny" ist jetzt erhältlich. Wohl bekomm's.  ©Warner Bros.
Matthias Schweighöfer ist ja ein ganz nettes Bürschchen, keine Frage. Eigentlich ist er von grundauf sympathisch, seine Auftritte in der Öffentlichkeit sind weitgehend von Skandalen befreit. Wo Matze Schweighöfer kommt, da flammt gute Laune auf. Nur das mit dem Filmemachen ist so eine Sache. Hochpoliert bis aufs Äußerste lässt er jedes Mal einen aalglatten, inhaltlich schwer zu ertragenden Murks auf die Zuschauerschaft los. Auch „Der Nanny“, seit kurzer Zeit fürs Heimkino erhältlich, ist so ein Missgeschick.

Clemens (Matthias Schweighöfer) hat zwei Kinder und keine Frau. Da beginnt auch schon sein Problem. Denn beruflich ist er so dermaßen eingespannt, dass er sich um seine beiden Blagen nicht kümmern kann. Innerhalb kürzester Zeit verschlissen sie mehrere Nannys, zuletzt musste Veronica Ferres dran glauben. Sie habe Genitalherpes und Scheidenpilz, musste sie sich anhören von Winnie (Paula Hartmann) und ihrem kleinen Bruder Theo (Arved Friese). Ferres – im Film heißt sie Ilona – nimmt Reißaus, und Clemens hat urplötzlich eine große Sorge. Wo bekommt er auf die Schnelle ein neues Kindermädchen her? Er muss schließlich ein immens wichtiges Bauprojekt durchdrücken, für das er zusammen mit seinem Geschäftspartner August (überraschend fähig: Joko Winterscheidt) jahrelang gearbeitet hat. Nur noch ein paar Mieter müssen aus ihren Wohnungen verschwinden, dann ist der Weg frei fürs große Geld. Einer dieser Mieter heißt Rolf (Milan Peschel).

Vergrault Nannys en masse: Winnie (Paula Hartmann) ©Warner Bros.
Rolf heißt mit Nachnamen Horst und hängt mit seinen Freunden tagein tagaus in der Eckkneipe des abzureißenden Viertels ab. Und alle wollen nur noch eines: Clemens und August an die Wäsche. Welch Glück, dass Rolf per Zufall der neue Nanny von Clemens wird....

Unterlegt mit beliebigen Popsongs erzählt Schweighöfer fortan zusammen mit Co-Regisseur Torsten Künstler eine Geschichte, deren Ausgang zu jedem Zeitpunkt klar ist. Alle Irrungen, Wirrungen und Läuterungen sind vorprogrammiert und zu erahnen. Auf völlig einfallslose und, was für eine Komödie wohl das schlechteste Prädikat darstellt, unlustige Art und Weise wird aus dem Kapitalisten und seine Kinder quasi ignorierenden Clemens am Ende ein (fast) vorbildlicher Familienmensch. Rolf Horst, anfangs von den Kindern belächelt, entwickelt sich natürlich nach und nach vom kleinen Dummerchen aus dem Volk zum Helden wider Willen. Hachja, diese schöne und einfache Welt des Matthias Schweighöfer.

Peschel müht sich ab, ist aber chronisch unterfordert und sorgt für dauerhaftes Kopfschütteln. Warum in Gottes Namen spielt er überhaupt mit? Gute Frage. Schweighöfers (gedacht) witzigster Moment besteht darin, wenn er völlig zugedröhnt versucht, an der Privatschule seiner Kids ein Saftpäckchen aus dem Automaten zu hieven. Muhaha. Das ist so lustig wie drei Jahre Chemie-Grundkurs. Wirkliche Lachsalven feuert man wegen des Komödchens nie ab, man fühlt sich zwar irgendwie dezent unterhalten und gähnt auch kaum, aber „Der Nanny“ fehlt es definitiv an Ecken, Kanten und Überraschungen. Der Hummer, mit dem Clemens zwischendurch durch heruntergekommene Gegenden braust, hat mehr Pferdestärke als der Streifen.
Manchmal hilft wirklich nur schreien. ©Warner Bros.

Punkten kann dieser nur mit der Besetzung. Cindy aus Marzahn ist da neben Peschel gesondert hervorzuheben, sie hat einen tollen Augenblick und ist einer der wenigen Lichtblicke. „Und ich bin die Mutter, du Wichsbirne“, stellt sie klar, als Peschel sie fälschlicherweise für den Vater eines Jungens hält – der in Wahrheit aber natürlich ein Mädchen ist. Auch Joko Winterscheidt ist, und das hätte ich nie zu träumen gewagt, ebenfalls ein relativ talentiertes Kerlchen. Das rettet aber nicht über die Tatsache hinweg, dass „Der Nanny“ so austauschbar und klischeebelastet wie nur eben möglich ist. Ja kein Risiko eingehen und die Zielgruppe verschrecken, das war sein Motto. Wenigstens das wird geklappt haben.

Und doch klärt die vierte Regiearbeit des 34-Jährigen immerhin über wohlbehütete Geheimnisse auf. Habt ihr euch nicht auch mal gefragt, wie jemand mit vollem Namen heißt, der nur Keno genannt wird? Sicher habt ihr das, hat ja jeder einmal. Matze Schweighöfer gibt die Antwort. Keno steht für Kevin-Norbert. Wuhu. Sowas nennt man wohl Bildungskino. 
©Warner Bros.

BEWERTUNG: 3,0/10
Titel: Der Nanny
FSK: ab 12
Laufzeit: 110 Minuten
Genre: Komödie
Erscheinungsjahr: Deutschland 2015, auf DVD, Blu-Ray & VoD erhältlich seit 08.10.2015
Regisseur: Matthias Schweighöfer, Torsten Künstler
Darsteller: u.a. Matthias Schweighöfer, Milan Peschel, Paula Hartmann

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