Montag, 28. September 2015

Wenn Menschen zu Tieren werden - Abgründe in "Sicario"!






AB 1. OKTOBER IM KINO! ©Studiocanal
Soldaten stapfen langsam über ein weites Feld. Die Sonne hängt tief, bloß ein schmaler roter Streifen ist noch zu sehen. Die Silhouetten der Männer und Frauen zeichnen sich schwarz vorm Himmel ab, die Kamera bleibt stehen und beobachtet die Truppe, wie sie ihrem Zielort näher kommt. Einer nach dem anderen verschwinden ihre Körper in einer Senke, bis auch der letzte Kopf von der roten Himmelsglut verschluckt wird. Sie laufen hinab in die Hölle, dort, wo richtig und falsch bloß leere Wörter ohne Bedeutung sind. Ein Reich der Wölfe, in der die Schafe gerissen, die Schwachen gnadenlos aufgerieben werden. Es ist eine Welt, in der Regeln keinen Platz haben. Genau das ist „Sicario“. 

Dennis Villeneuve ist der nächste große Star am Regisseur-Himmel. Mit „Prisoners“ lotete er die Grauzonen des Gewissens aus, wenn Eltern auf den Entführer ihres Kindes stoßen. In „Enemy“ ließ er Jake Gyllenhaal seinen Verstand verlieren, für „Die Frau, die singt“ gab es für den Kanadier den Oscar. Und nun führt Villeneuve das Publikum mitten hinein in die Drogenhölle Mexikos. Wer mit seinen Werken vertraut ist, weiß, dass Villeneuve nicht bloß an Nervenkitzel und typischem Thrillergebaren interessiert ist. 

Er hat ein Talent, das Innenleben seiner Protagonisten (?) durch Bilder darzustellen. Eine alte Regel des Filmemachens lautet: „Show, don’t tell!“ und Villeneuve beherrscht das wie kein anderer. Immer wieder findet er erdrückende Bilder, die den Drogenkrieg in Mexiko auch abseits der unfassbaren Gräueltaten in die Köpfe der Zuschauer meißelt. Doch ist „Sicario“ nicht nur wunderschön anzusehen, sondern gleichzeitig eine Tour de Force. Wenn die Blicke der Spezialeinheit unruhig in Straßen blicken, die Hand immer am Abzug, bereit, sofort zu schießen – dann weiß das Publikum, dass Villeneuve in die Vollen gehen wird. 

©Studiocanal
„Sicario“ ist in puncto Spannungsaufbau eine Wucht. Die Anspannung steigt langsam immer weiter, der Zuschauer wird förmlich in seinen Sessel gepresst. Die Musik, erst angenehm im Hintergrund, wird erdrückend, die Blicke gehetzt, der Schweiß glänzt auf der Stirn, ein jeder im Umkreis wird zum potentiellen Todesschützen. Dann plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel – Schuss! Wer in Zukunft spannende Thriller drehen will, sollte sich die Actionszenen von „Sicario“ genau ansehen, denn was in Sachen Sounddesign, Schnitt und Kameraführung geleistet wird, ist sagenhaft. 

Bei aller technischer Raffinesse und abgründiger Geschehnisse im Drogensumpf vergisst der Film jedoch seine Figuren. Vor allem Emily Blunt in der eigentlichen Hauptrolle der Agentin Kate Macer erwischt es schlimm. Villeneuve weiß nicht viel mehr mit ihr anzufangen, als sie zum Spielball der Männer um sie herum zu machen. Ein starker Charakter –  wie  ihn Jessica Chastain in „Zero Dark Thirty“ verkörpern durfte –  ist Agent Macer nicht, auch wenn sie weitab möglicher Hollywoodbarbies steht. Sie existiert trotzdem bloß um mit großen Augen umherzublicken, wirklich nahe kommt sie dem Publikum nie. Zudem erweitert der Film mit zunehmender Laufzeit seinen Fokus auf mehrere Personen, die alle nicht gänzlich aus ihren Stereotypen herauskommen. Lediglich Benicio Del Toro darf als undurchsichtiger Mitstreiter Alejandro brillieren. Doch sonst fehlt eindeutig Leben im Figurenkosmos von „Sicario“. 

Angesichts der erdrückenden Atmosphäre des Films, der allzu authentischen und doch unfassbaren Geschehnisse – unvergessen bleibt die Ermordung von 43 Studenten in Iguala, bei der Gangster und Polizei Hand in Hand arbeiteten – ist das zu verzeihen. Korruption, Macht, Gier, Gerechtigkeit und der Erhalt des Status quo sind Dinge, die „Sicario“ verarbeitet. Ein leichter Happen für zwischendurch ist das nicht. Der Zuschauer wird sich nach dem Film ausgelaugt fühlen, denn mögen kann man „Sicario“ nicht. Er ist fesselnd und intensiv, aber weit weg vom Gute-Laune-Kino, das die Kinos überschwemmt. Und das ist auch gut so. 


BEWERTUNG: 08/10
Titel: Sicario
FSK: ab 16 freigegeben
Laufzeit: 122 Minuten
Genre: Thriller
Erscheinungsjahr: 2015
Autor: Taylor Sheridan
Regisseur: Denis Villeneuve
Darsteller: Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Jon Bernthal, Jeffrey Donovan, Danile Kaluuya



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