Dienstag, 22. September 2015

Mit dem Zweiten lacht man besser: "Lerchenberg", Staffel 2

Zwei Fernsehgiganten unter sich... ©ZDF, Christopher Aoun
„Fallen zwei Tafeln Schokoladen die Treppen runter. Sagt die eine: Aua, ich hab mir meine Rippen gebrochen. Sagt die andere: Du hast gut reden, ich bin auf meine Nüsse gefallen.“ Sven Voss möchte auch mal lustig sein, „so wie der Welke.“ Kippen rauchend hockt er vor der Aufzeichnung des aktuellen Sportstudios mit der neuen „Twitter-Tussi“ zusammen im Studio und berichtet von seinem großen Traum. Ein Glück, dass plötzlich Jan Böhmermann das Sportstudio stürmt und solange besetzen will, bis er endlich raus aus dem Digitalspartenkanal kommt und eine eigene Samstagabendshow ergattert. Im Glitzer-Outfit singt er folglich alsbald einen Abgesang/eine Hymne über das deutsche Fernsehen, bis Sascha Hehn (Ein Sascha Hehn trägt keine Unterhosen!) kommt und die Situation kittet. „Halte durch, Fernsehdeutschland, Sascha kommt!“

Anzeichen dafür, dass sie am Lerchenberg nun endgültig alle durchgeknallt sind? Durchaus. Die ZDF-Selbstverulkung „Lerchenberg“ geht in eine zweite Staffel. Wieder mit Sascha Hehn in der Hauptrolle, diesmal mit noch mehr Stars und noch mehr Selbstkritik. Einerseits mutig und respektabel, was das Zweite da abliefert. Nur die Programmierung zeugt dann doch von der üblichen Mainzer Feigheit: Lief die Auftakt-Folge noch prominent im Anschluss an die heute-show, versendete der Sender die Folgen 2-4 in einer Montagnacht von kurz nach Mitternacht bis halb 2. Ernsthaft, liebes ZDF?

Suboptimale Programmierung

Dabei hätte die grandiose Idee der Selbst-Persiflage einen Primetime-Sendeplatz verdient. Zum 50. Jubiläum vor zweieinhalb Jahren, auch im eigenen Haus, unter strengster Geheimhaltung produziert und u.a. mit erdacht von der ZDF-eigenen Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“, zieht die zweite Staffel wieder die Organismen des eigenen Hauses in vier Folgen komplett durch den Kakao.
©ZDF, Christopher Aoun
Stephan Kampwirth brilliert als Redaktionsleiter, der sich mit der einen oder anderen Praktikantin vergnügt. Sascha Hehn, der gealterte Ex-Star und sich selbst brüllendkomisch mimende Hauptprotagonist, nimmt, natürlich bei Iris Berben, Schauspielunterricht, um auch endlich mal mehr Gesichtsausdrücke zu kriegen. Der Lohn: Tolle Filme wie „Hitlers Hundeführer – Treue bis zum Untergang“ oder „Spaziergang der Toten“, das deutsche Pendant zu Walking Dead. Ersterer gerät aber erst in den Giftschrank, schließlich beleidigte er Roberto Blanco im Frühstücksfernsehen als „dummen Affen“. Und das, Monate vor dem echten „wunderbarer Neger“-Skandal des bayrischen Innenministers. Das Zweite Deutsche Fernsehen scheint neuerdings die Zukunft vorhersagen zu können.

Die Vielfalt der herrlichen Ideen kann und sollte man jedoch alle gar nicht aufzählen. Antoine Monot ist am Bord, Blanco kriegt eine Wiedergutmachung und die besten Programm-Ideen entstehen im freien Wettbewerb, erklärt ausgerechnet ein ZDF-Redakteur. Mittendrin macht Eva Löbau wieder eine gute Figur als Billie Zarg, Hehns Krisenretterin. Als die von den Kritiken gefeierte „Zombieklinik“ bei den Zuschauern durchfällt, begibt sie sich auf die köstliche Suche nach dem Quotengeheimnis der berühmt-berüchtigten drei L. „Liebe, Landschaft und...“ Leichenstarre? Leicht verdaulich? Landschulheim?

Das ZDF-Quotengeheimnis: Die drei großen L
©ZDF, Christopher Aoun

In solchem Momenten macht „Lerchenberg“ Spaß, ist, gänzlich ZDF-untypisch, irrsinnig temporeich und wirklich bissig. Auch an anderen Stellen beweist die Sitcom gehörig Tiefe. Um am Lerchenberg zu bestehen, braucht es schließlich das passende Parteibuch. Bei der CDU gibt’s beispielsweise zur Belohnung für Neu-Anwerbungen Lutscher. Ein grünes benötigt man nur im Notfall. Ein ander Mal hat Zarg Zoff mit Kontrahentin Dr. Wolter (Karin Giegerich) um von der selbst eingereichte Drehbücher. Der Fall Doris Heinze lässt grüßen.

Böhmermanns Auftritt ist dann zwar der furiose Schlussakkord, wirkt aber letztlich lange nicht so ausgereift wie vieles vom Rest. Auf Fakten wie die Kritik an den Champions League-Rechten, ohne die der durchschnittliche ZDF-Zuschauer ja viel älter sei, oder sein Gewitzel über sein Digitalsparten-Nischen-Nerd-Dasein hätte man verzichten können ebenso wie auf seinen stimmungsvollen Song - Böhmermann muss eben singen -, der sich besser in seinem Neo Magazin Royale gemacht hätte.

©ZDF
Aber na gut, immerhin ist er damit noch wesentlicher unterhaltsamer als Sven Voss, der sich wohl weiterhin auf der Suche nach dem guten Gag befindet...


BEWERTUNG: 08/10
Titel: Lerchenberg, Staffel 2
Folgen: 4
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Satire, Sitcom
Regisseur: Felix Binder
Darsteller: u.a. Sascha Hehn, Eva Löbau, Karin Giegerich, Stephan Kampwirth

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