Montag, 27. Juli 2015

Pfadfinder vs. Nazis: Polnisches Widerstands-Drama "Operation Arsenal - Widerstand in Warschau"


Nazis, die im Regen stehen: Ab dem 4. August zuhause anzuschauen. ©Ascot Elite
Herbert Schultz und Ewald Lange haben es gut. Sie besitzen, wie es sich für den Durchschnittsdeutschen eben gehört, einen geregelten Arbeitsalltag und machen stets pünktlich um fünf Feierabend. Aber wehe, auch das ist typisch deutsch, die Sekretärin tippt einen Namen falsch in ihre Schreibmaschine - Bytner wird mit y geschrieben, so viel Ordnung muss halt sein -, dann gibt’s direkt verbale Haue. Ständig kriegen sie Besuch vom Schokoladenverkäufer, dann gibt’s mitunter Pralinen aufs Haus. Ihre beruflichen Perspektiven sind ebenfalls in Ordnung. Denn sie sind Nazis, Ewald Rottenführer, Herbert Obersturmführer, Polen ist ihr's, der Endsieg sowieso – alles prima in Warschau. Zumindest aus ihrer Sicht. Bis jetzt noch. Doch bald bekommen sie es mit einem Haufen Pfadfindern zu tun, dann haben es Herbert und Ewald echt nicht mehr gut.
Zwei Pfadfinder, die zu Widerstandskämpfer werden. ©Ascot Elite
Um diesen Haufen Pfadfinder dreht sich der Film von Regisseur Robert Glinski. „Operation Arsenal – Widerstand in Warschau“ widmet sich den Szare Szeregi (dt. Graue Reihen), einer Widerstandsgruppe polnischer Pfadfinder-Jungen zu Zeiten der Wehrmachts-Besetzung der Hauptstadt. Deren Anführer waren Jan „Rudy“ Bytner (Tomasz Zietek) und Zoska (Marcel Sabat), unsere beiden Hauptprotagonisten während der knapp anderthalb Stunden Bewegtbild. Sie sehen nett aus, Schwiegermutters Lieblinge, immer den Schalk im Nacken. Würden sie nicht zu Zeiten von Ewald Langes, Herbert Schultzes und Adolf Hitlers leben, dann könnten sie genauso gut als Studenten durchgehen, die nebenbei modeln, um die ausschweifenden WG-Partys bezahlen zu können. Rudy und Zoska haben aber nicht dieses Privileg, sondern sie müssen sich mit den Gräueltaten der Nazis auseinandersetzen. Anfangs macht ihre Gruppe das nur mit Bubenstreichen: Hakenkreuz-Fahnen durch polnische Flaggen austauschen, Gas-Bomben im Kino zünden, dick-dumme Nazis ausrauben – nichts von Belang, Jungenstreiche eben, aber kein Widerstand, der den Nazis größeres Unbehagen bereitet. Doch sie wollen mehr und besorgen sich später sogar Waffen, lassen sich von der polnischen Heimatarmee (der Widerstandsgruppe Europas während des 2.Weltkriegs schlechthin) zum Soldaten ausbilden. Die erste große Operation geht nur leider daneben, es sterben sowohl Kontrahenten als auch eigene Leute – und als die Gestapo plötzlich auf der Matte von Rudy steht, dann ist es endgültig vorbei mit Flaggen-Tauschen...

©Ascot Elite
Die Entwicklung von Pfadfindern, die Widerstandskämpfer spielen, zu echten Widerstandskämpfern begleitet der Film. Aber er versäumt es, wirklich interessante Infos über den polnischen Widerstand zu erzählen. Was schon nach einem flüchtigen Blick aufs Cover klar sein dürfte: „Vergessene Helden des II. Weltkriegs“ steht dort geschrieben, im beiliegenden Presse-Blättchen liest man etwas von „Denkmal setzen“. Da weiß man schon ungefähr, was einen nun erwartet. Glinski tappt in die selbe Falle, in die so ziemlich jeder Weltkriegs-Film fällt. Er erzählt die Geschichte von mutigen Leuten, aber macht sich die Sache ziemlich leicht. Die Hintergründe ihres Wirkens – beispielsweise, wie die Szare Szeregi mit der Heimatarmee zusammenarbeiten oder was es überhaupt mit dieser Heimatarmee auf sich hat – lässt er außer acht, die Bösen sind schnell ausgemacht. Die Nazis sind auch in „Operation Arsenal“ unmenschlich wie nur eben möglich. Lange und Schultz foltern ihren Häftling alsbald, um Infos über die für sie noch recht unbekannte Widerstands-Truppe zu bekommen. Ins Auge gedrückte Zigaretten, monströse Schläger, die Rudy bis zur Unkenntlichkeit blutig schlagen, heißes Wasser über den Kopf ausschütten: Der SS-Rottenführer und sein Kompagnon holen die ganz schweren Geschütze raus. Glinski zeigt diese Folter-Methoden in voller Breite und wie die beiden Folterknechte regelrecht genüsslich das Ganze auskosten. Ja, die Deutschen sind Arschlöcher und brutale Schweine damals gewesen. Das wusste man aber auch schon vorher. Vielleicht ist man nach dem gefühlt 350. Nazi-Filmchen abgestumpft, doch so recht mitnehmen möchte einen das Gezeigte irgendwie nicht (mehr). Das liegt vor allem daran, dass die Nazis die einzigen Figuren mit Wiedererkennungswert in Glinskis Film sind, den Widerstands-Pfadfinder dagegen fehlt es an Ausstrahlung und Charisma. Man weiß nur: Sie sind die Guten. Was leider nicht ausreicht.

Dabei sind die jungen Darsteller nicht einmal untauglich, auch handwerklich ist „Operation Arsenal“ ordentlich und tadellos. Aber die Dramaturgie ist misslungen. Erst Bubenstreiche, dann kommen die bösen Deutschen mit ihren Folter-Szenen, am Ende ballern die Pfadfinder dann auf Deutsche. Der Streifen stellt die Freundschaft von Zoska und Rudy in den Vordergrund, was nicht einmal falsch und ein schöner Ansatz ist, aber er bleibt letztlich zu oberflächlich, zwischen schwarz und weiß wird zu schnell entschieden. Schade.


©Ascot Elite
Also doch nur ein weiter Film über den Krieg. Nur diesmal eben aus Polen statt aus Deutschland. Das dem Film zugrunde liegende Buch - die Geschichte fußt auf wahren Tatsachen - ist in Polen äußerst populär, der Film hingegen wird wohl nicht zu solch einem Klassiker reifen.

BEWERTUNG: 4,5/10
Titel: Operation Arsenal - Widerstand in Warschau
FSK: ab 16
Laufzeit: ca 108 Minuten
Genre: Drama, Kriegsfilm, Thriller
Erscheinungsjahr: Polen 2014, auf DVD, Blu-Ray & VoD erhältlich ab 04.08.2015
Regisseur: Robert Glinski
Darsteller: u.a. Tomasz Zietek, Marcel Sabat, Kamil Szeptycki, Agnieszka Wagner

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