Mittwoch, 24. Juni 2015

Eine Nacht in einem Take - Keine Pause in "Victoria"!




IM KINO!©Senator


Fehlender Mut kann Filmemacher Sebastian Schipper nicht vorgeworfen werden. Sein „Victoria“ entfremdet sich völlig vom – wenige Ausnahmen mal beiseite genommen – schnarchigen deutschen Film. 140 Minuten, alles in einem Take. Das ist ein Wagnis, das man erst einmal bereit sein muss einzugehen. Das Skript beschränkt auf 12 Seiten, dreimonatige Proben und drei Anläufe für einen Film, der dem deutschen Publikum lauthals „Fuck you!“ entgegenschreit. „Victoria“ lebt vom völligen Vertrauen aller Beteiligten zueinander, ist faszinierender Bilderrausch, Genrefilm und Generationenportrait in einem. 

Die titelgebende Hauptfigur ist eine junge Spanierin, die mittellos in Berlin gelandet ist. Kaum Geld, keine Freunde, keine Zukunft. In einem Club trifft sie die Clique Sonne, Boxer, Blinker und Fuss. Eine Begegnung, die folgenschwerer nicht sein könnte.

©Senator
„Victoria“ nutzt seine Machart, baut dadurch geschickt Spannung auf. Regisseur Schipper hält drauf, wenn seine Kollegen schon längst Cut rufen. Sein Film geht einen Schritt weiter, beobachtet die Figuren dann, wenn die Kameras normalerweise gerade nicht hinsehen. So entsteht in den besten Momenten eine Magie, die den Zuschauer ins Geschehen hineinzieht. „Victoria“ wirkt roh und authentisch, seine Figuren, obwohl nur minimal ausgearbeitet, funktionieren in diesem Mikrokosmos.
Da das Publikum die Nacht durch Berlin aus der Sicht Victorias erfährt, bleiben manche Geschehnisse im Dunkeln. Gerade hier entwickelt „Victoria“ einen besonderen Reiz, denn im nicht gezeigten liegt die Spannung. Was passiert gerade im Haus gegenüber, während Victoria im Auto wartet? Welche Gespräche verpassen wir? Die Antwort werden wir nicht erfahren und das ist auch gut so. „Victoria“ gönnt sich das eine oder andere Mysterium, was Ungereimtheiten der Story fast vergessen macht. 

Victoria und die übrigen leben im Moment. Sie streifen ziellos durch eine Stadt, die ihnen zu gehören scheint. Sie sind jung, haben ihr Leben noch vor sich, wollen es genießen mit all seinen Vorzügen. Dass jede Aktion auch Konsequenzen einfordert, daran denken sie nicht. Doch hier und da durchbrechen Momente der Nachdenklichkeit und Reflexion dieses wackelige Gerüst des Selbstbetruges. Und genau die sind es, die einschlagen. Dank der herausragenden Darsteller, die ihre Freiheiten dem Regisseur mit Bestleistungen vergelten. Dank einer Kamera, die an den Gesichtern kleben bleibt. Dank einer atmosphärischen Musik von Nils Frahm (übrigens auch improvisiert). Dank eines Regisseurs, der die Kontrolle abgibt und sich auf den Augenblick konzentriert. Was hätte nicht alles schiefgehen können, könnte man sich kopfschüttelnd fragen. Doch hin und wieder wird Ehrgeiz (und Wahnsinn?) eben doch belohnt. „Victoria“ jedenfalls ist ein neuer Beweis dafür, dass sich Filme aus Deutschland nicht verstecken müssen. Man muss sie bloß lassen.


BEWERTUNG: 07/10
Titel: Victoria
FSK: ab 12 freigegeben
Laufzeit: 140 Minuten
Genre: Drama
Regisseur: Sebastian Schipper
Darsteller: Laia Costa, Frederik Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, Andre Hennicke







1 Kommentar:

  1. Ich kann dir nur zustimmen. Ich konnte den Film bereits auf der Berlinale sehen und war hin und weg. Hintenraus hat der Film kleinere Längen, die man aber im Rahmen des Experiments One-Take verkraften kann.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/04/11/victoria-2015/
    Und hier (m)eine Kurz-krittiq: http://de.krittiq.com/review/1PDJ-victoria

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