Montag, 8. Juni 2015

Ein Leben für die Wendlers: Bügeltatort aus Wien - "Gier"

Liebe Schlagerfans, jetzt müsst ihr ganz tapfer sein: Der Wendler sitzt in der Klapse.
Na gut, nicht Michael Wendler, sondern Peter Wendler, ehemaliger Chef eines gleichnamigen Chemie-Konzerns. Ein Schelm, der Drehbuchautorin Verena Kurth nun Boshaftigkeit und eine fiese Anspielung unterstellt. Aber auch ansonsten hat sie in ihr Drehbuch für den neuen Ösi-Tatort „Gier“ einiges Unterhaltsames im Petto. Irre Inder, singende und schießende Sekretärinnen und Kommissare in guten Smokings. Leider vergisst sie bei all diesen schmucken kleinen Details, dass es auch noch einen Kriminalfall geben sollte. Bei dem passiert in den ersten 45 Minuten rein gar nichts und in der zweiten Hälfte viel Erwartbares. Bügeltatort at its best.
Eher einer ihrer schwächeren Abende: Moritz Eisner und Bibi Fellner (Krassnitzer l., Neuhauser r.) ©ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Während Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) vom BKA overdressed in ihren besten Anzügen und Kleidern auf der Geburtstagsparty des Sektionschefs Rauter (Hubert Kramar) erscheinen, passiert ein paar Kilometer entfernt in einem Chemiewerk ein Unglück. Wäre nicht weiter interessant für die beiden Sonderermittler, wenn nicht Rauters hochschwangeres Patenkind Roswita (Emily Cox) bei diesem Unfall ihr Leben gelassen hätte. Gefährliche Flusssäure hat in dem Chemiewerk ihren Schutzanzug durchfressen. Eigentlich nicht möglich, aber der Anzug war fehlerhaft. Fellner und Eisner ermitteln also auf Bitte des Chefs – und ihre Arbeit führt sie zum Produzenten der Schutzanzüge: Dem Wendler-Konzern...

Dass die Österreicher immer mal wieder für ausgefallene Storys bekannt sind, haben sie in der Vergangenheit schon des Öfteren bewiesen. Man könnte also meinen: Ein gewöhnlicher Arbeitsunfall und ein wenig Industrieschelte sind zur Abwechslung mal ganz gut. Weit gefehlt.
Denn im Tatort-Debüt vom krimierfahrenen Regisseur Robert Dornhelm (u.a. Spartacus oder Anne Frank) weiß eigentlich nur die handwerkliche Seite voll zu überzeugen. Interessante, häufig leichte schiefe Einstellungen und einige nette Splitscreens bereiten durchaus Freude beim Zugucken. Und auch die Einstiegs-Melodie mit Anleihen beim Breaking Bad-Intro-Song ist mit Liebe ausgewählt. Ansonsten nehmen sich die Wiener diesmal eine dicke Verschnaufspause heraus. Bis es um 21:03 Uhr endlich zum ersten richtigen Mord des Abends kommt und der Fall einigermaßen in Fahrt kommt, herrscht ein einziges Vakuum.

Wir lernen zwar das illustre Fiugrengeflecht des Abends in aller Ruhe kennen, aber dabei bleibt's dann auch. Der Mann der Toten (Eugen Knecht) sinnt auf Rache und hat es auf die Chefin des Wendler-Konzerns (böse: Maria Köstlinger) abgesehen. Sabrina Wendler ist eine Karrierefrau, die auch nicht davor abschreckt, Ehegatten des Selbstzwecks wegen in die Klapse zu bringen. Ihr erster Mann Peter (begeisternd: Anian Zollner) war früher einer, der es gut mit der Welt meinte. Er ist ein blühender Verfechter von fairen Produktionsketten, gab dem Wirtschaftsminister deshalb auch gerne mal eine Backpfeife mit auf dem Weg. Nun hockt er in der Klapse, weil er seine Frau angeblich töten wollte. Der Platz war also frei für Dr. Perschawa (blass: Michael Masula), dem neuen Geschäftsführer des Konzerns und der neue Mann an Sabrinas Seite.
Diese Seifenoper-Verhältnisse runden eine superloyale Sekretärin (brillant: Johanna Mertinz), die bis halb acht abends im Büro sitzt und anschließend noch zur Chorprobe bis um zehn – und das mit 63! - geht, und der indische Haushältner und Gärtner Gupta Kumar (bescheuert: Thomas Nash) ab. Beide allerdings sind dem Klapsen-Wendler jeweils auf ihre eigene Art dankbar. „Ein Leben für die Wendlers“, wie Eisner resümiert. Wirklich nett ist allerdings nur die Figur der Sekretärin, der indische Gärtner hingegen wirkt völlig deplatziert und krampfhaft lustig. Außerdem wusste schon Reinhard Mey: Der Mörder ist bekanntlich immer der Gärtner. Oder zumindest einer von sonderbaren Nebenfiguren.
"Willkommen in unserer schönen Anstalt." Eisner im Gespräch mit Peter Wendler (Anian Zollner) ©ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Bibi und Moritz, die in „Gier“ mächtig unter ihren Möglichkeiten bleiben und ohne die typischen Granteleien auskommen müssen, bestellen unterdessen nur teure Pizzen für 22€. Aber dann wird Perschawa erschossen. Und man hofft, dass er jetzt endlich startet, der richtige Krimi. Aber dann kommt es wie es kommen muss: Der Industriekonzern ist böse, klassifizierte seine Schutzanzüge falsch und die zu erwartenden Verdächtigen sind auch tatsächlich schuldig.

©ARD
Am Ende kommt der Wendler dann übrigens doch aus der Klapse frei. Er hatte dort sogar so eine Art Gitarrenunterricht gegeben. Vielleicht doch eine Anspielung? In jedem Fall überlebt noch eine Person diesen Film nicht. Peter Wendler hat dabei seine Finger mit im Spiel und so gehört ihm zum Schluss der beste Moment des gesamten Abends. Kann also doch keine Anspielung gewesen sein.

BEWERTUNG: 4,5/10
Titel: Tatort: Gier
Erstausstrahlung: 07.06.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Robert Dornhelm
Darsteller: u.a. Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Hubert Kramar, Anian Zollner, Eugen Knecht, Maria Köstlinger

  

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