Montag, 1. Juni 2015

Die Tatort-Hauptstadt setzt Rost an: "Tatort: Erkläre Chimäre" aus Münster

„Die beiden sollten mal zur Eheberatung, bevor es noch zur Scheidung kommt.“
Die Selbsterkenntnis kommt spät, aber sie kommt. Immerhin. Denn tatsächlich haben Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers) und Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) sich selbst überlebt und eine Eheberatung dringend nötig. Die Quoten-Könige und Zuschauer-Lieblinge aus Münster müssen in „Erkläre Chimäre“ den Mörder eines toten Brasilianers finden, der auf Männer stand und nun in einer Weinhandlung mausetot aufgefunden wurde. Leider ist der Fall ein Rückschritt in alte Strickmuster. Der Münster-Tatort überrascht nicht mehr, man kennt alle Handlungsabläufe, es wird wieder einmal an den gleichen Schrauben gedreht – und jetzt zünden nichtmal mehr die Gags. Ein gruseliger Abend.
Haben ihre besten Zeiten hinter sich: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers) und Frank Thiel (Axel Prahl) ©WDR/Martin Valentin Menke

Jan Hinter und Stefan Cantz, die beiden Autoren, sind die Erschaffer von Boerne, Thiel, Vaddern, Nadeshda und Co. Sie erschufen die beiden einzigartigen Figuren, sie erschufen die Krimikomödie unter den Tatort-Gespannen, sie erschufen den Erfolg. Aber mit den Jahren, mit jedem neuen Drehbuch, das sie für den obereitlen Gerichtsmediziner und den St.Pauli-Fan Thiel schrieben, wurde es immer langweiliger.

Der Tatort lebt wie jede andere Fernsehserie oder Krimireihe von Veränderung. Auch wenn es im Tatort bekanntermaßen in letzter Zeit ein wenig zu viel Veränderung gab, in Münster konnte bislang kaum von einer Weiterentwicklung der Figuren und der Geschichten die Rede sein. Der Niedergang begann bereits 2012. „Das Wunder von Wolbeck“ war schon purer Durchschnitt und auch die Ausgabe „Hinkebein“ erreichte nicht mehr als Mittelmaß. Auch hier waren Cantz und Hinter verantwortlich für das Drehbuch. Schon damals dachte man: Leute, jetzt werdet mal kreativ! Damals saßen Inder vor Kühlkammern, die Plots wurden immer kruder, der Klamauk nahm immer mehr die Überhand an. Schon damals waren die Toten in irgendeiner Weise mit unseren Hauptprotagnoisten verbandelt, und wegen der Größe der kleinwüchsigen Boerne-Assistentin Haller gab's ebenfalls ständig irgendwelche Scharmützel. Das war, wie gesagt, 2012.
Im Jahr drauf wurde es sogar noch schlimmer. In „Die chinesiche Prinzessin“ mischte der chinesische Geheimdienst mit, bei „Summ, Summ, Summ“ (Buch: Cantz und Hinter) Roland Kaiser als Schlagerstar Roman König (wie lustig!). Zwei Fälle, vollkommen wirr und gespickt mit lauter albernen Momenten. Münster war in der Krise. Im letzten Jahr war „Der Hammer“ dann glücklicherweise wirklich - endlich wieder!- der Hammer; „Mord ist die beste Medizin“ hingegen wieder nur in Ordnung und nicht mehr. Damals kam es zu einem Mord im Krankenhaus, und Boerne lag rein zufällig im eben jenen zur selben Zeit. Puuh. Und das, obwohl Cantz und Hinter bei beiden Fällen ihre Finger nicht im Spiel hatten – zum Glück, angesichts des neuen Desasters.
Der Niedergang des Münsteraner Tatorts macht sie vermutlich krank: Mechthild Grossmann als Staatsanwältin Klemm ©WDR/Martin Valentin Menke
Denn jetzt gibt es sie wieder, die Münsteraner Langeweile, in der jeder jeden kennt und jeder etwas mit dem Fall zu tun hat: Der Tote in der Weinhandlung war der Liebhaber des schwulen Onkels von Boerne (wahnsinnig fehlbesetzt: Christian Kohlund), der zufällig gerade in Deutschland zum Urlaub weilt. Und weil Boerne ihm sagte, er stünde neuerdings auch auf Männer, muss Karl-Friedrich jetzt improvisieren. Und weil er Thiel mit einem Kulli (Aufschrift „Luftkurort Davos“) per Luftröhrenschnitt das Leben rettete, hat er einen gut beim Kommissar. Also geben sie sich fortan als Päärchen aus. Der Running Gag des Abends ist geboren. Eine völlige Fehlgeburt. Unlustig, gezwungen bis zum geht nicht mehr, vergessenswert. Oder sollte das etwa ein Statement für die Homo-Ehe sein?
©WDR/Martin Valentin Menke

Den Täter errät man schon nach seinem ersten Auftritt, die Geschichte – es gibt noch viel mehr Zufälle, aber die kann man alle nicht aufzählen – ist Schwachsinn und noch wirrer als sonst schon – es gibt so viele Hä-Momente, aber auch die kann man alle nicht aufzählen -, die restlichen Witze so wie immer. Boerne und die Größe von Alberich, die Staatsanwältin Klemm und das Rauchen, alles so wie gehabt. Ansonsten: Weinflaschen für mehrere hunderttausend Euro wie zuletzt am Bodensee, Crystal-Meth-Süchtige wie neulich in Kiel, und Boerne hält an einer Stelle den Verkehr an – so wie Kollegin Bönisch in Dortmund. Auch da gibt’s keinerlei neue Ideen.
Boerne und Thiel sind zurück in den Sphären einer Lena Odenthal. Aber die beiden, die sich schon jetzt wie ein altes Ehepaar anhören und die nie einen Fehler machen, wird man ebenfalls nicht los. Ein Kino-Tatort ist in Planung. Wenn auch nur ansatzweise so viele Zuschauer reingehen wie am Sonntag – da waren's 13 Millionen -, wird man sich in der ARD freuen. Und noch lange Zeit an dem ergötzen, was Liefers und Prahl da abliefern.

©WDR/Martin Valentin Menke
Man soll gehen, wenn's am schönsten ist, sagt der Volksmund. Den passenden Zeitpunkt haben die beiden verpasst.

BEWERTUNG: 1,5/10
Titel: Tatort: Erkläre Chimäre
Erstausstrahlung: 31.05.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Kaspar Heidelbach
Darsteller: Jan-Josef Liefers, Axel Prahl, Friederike Kempter, Mechthild Grossmann, Claus Dieter Krassnitzer, Christine Urspruch, Christian Kohlund u.v.m.

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