Montag, 29. Juni 2015

Die Entdeckung der Entschleunigung: Langweiliger Laberkrimi "Polizeiruf 110: Kreise"

Eigentlich mag ich Matthias Brandt. Auch Barbara Auer ist ein gern gesehenes Fernseh-Gesicht. Doch wenn ihre einzigen Aufgaben darin bestehen, in und aus Autos zu steigen oder in eben jenen zu sitzen und zu reden, alternativ auch mal im Verhörraum zu sitzen und zu reden, dann haben auch sie keine Chance mehr, ihr Können unter Beweis zu stellen. So geschehen im Polizeiruf-Debüt von Christian Petzold (u.a. Phoenix).

„Kreise“ heißt das Stück, das der in Hilden geborene Regie-Star auf die Zuschauer los lässst. Es ist der neunte Polizeiruf mit Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels. Dessen Story passt auf den berühmten Bierdeckel – und zwar auf eine Seite.
Eine Unternehmerin wurde ermordet, im Wald begraben, zusammen mit ihrem Hund. Sie hatte ihr Unternehmen nach dem Hund benannt und wollte die erfolgreiche Möbelfabrik an Engländer verkaufen. 72 Arbeitsplätze wären futsch gewesen. Schnell meldet sich eine Zeugin: Der Ex-Mann (Justus von Dohnányi) war's. Als er die Firma verließ, ging auch der Unternehmens-Erfolg flöten. Hat er sich gerächt? Von Meuffels glaubt dessen Unschuldsbeteuerung, die neue Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) dagegen ist natürlich der festen Überzeugung, er war's wirklich. Schleppende Ermittlungen nehmen ihren Lauf...
"Ich glaub, wir stehen im Wald." Auer und Brandt. ©BR/Christian Schulz



Perfekte Voraussetzungen für einen waschechten Whodunit-Krimi. Eine Tote, ein geschasster Ex-Mann, um ihren Arbeitsplatz bangende Malocher, mittendrin auch die neue Flamme des Ex-Manns (Luise Heyer). Das sind zwar nicht viele Verdächtige, aber tatsächlich ergibt sich daraus ein spannendes Figurengeflecht, aus dem man eine netten Plot stricken könnte. Petzold aber entschied sich leider für eine ziemlich krude Variante. Er nimmt den Kommissar von Meuffels und seine neue Kollegin, die nach überstandener Alkoholsucht einen Neuanfang wagt, und lässt sie reden. Mit sich selbst übereinander, er erzählt ihr, dass in seiner Behausung „Griechischer Wein“ als Rausschmeißer-Song um Mitternacht läuft. Sie greift neuerdings zur Zigarette, irgendwomit muss man ja die eine Sucht ersetzen. Dabei sitzen sie lange und oft im Auto oder im Büro bis spät am Abend. Da erschallt dann auf einmal im gesamten Präsidium die Musik des Nachtpförtners. Klassische Musik. Bei Klassik gebe es einen merkwürdigen Respekt, findet Hermann und gibt damit vielleicht einen Hinweis darauf, was Petzold mit diesem Film gemeint haben könnte: Einen Abgesang auf die ewig gleichen Kriminalfilme. Die sind doch eh alle gleich. Und doch respektiert man diese.

In einem der unzähligen (langweiligen) Verhöre und Zeugenbefragungen steht Von Meuffels mit dem Hauptverdächtigen zusammen an dessen Modell-Eisenbahn. Von Meuffels, der mal eine Märklin hatte, bemerkt, dass die Fleischmann-Modellwelt des Ex-Mannes ohne die üblichen Kreise auskomme. Von Dohnányi erzählt dann, dass derselbe Zug immer um dieselbe Welt kreise. Und in dieser Kreis-Welt herrschten entsetzliche Klischees mit Feuerwehreinsätzen und Schützenfesten. Er dagegen suche nach den neuen Möglichkeiten. Ein schönes Bild. Später wundert er sich, dass Von Meuffels ihm nicht die üblichen Fragen nach dem Alibi fragt, sondern ganz neue Fragetechniken anwendet – eben ohne diese entsetzlichen Klischees. Und die Kollegen des Kommissars wundern sich ebenfalls. Der adlige Ermittler vernimmt Zeugen wie Verdächtige. Wo gibt’s denn sowas?
"Immer diese entsetzlichen Klischees!" Von Dohnányi. ©BR/Christian Schulz















In München halt. Der Zug kreist immer um dieselbe Welt, die Krimis dieser Welt kreisen sich auch immer um die selben Fragen. Will uns das der Regisseur sagen? Petzold schließt mit dem Genre ab – und mit den schnöden Verhören, die einfach nie enden wollen, und den Ermittlungen, bei denen jeder ein Alibi zu haben scheint, zeigt er vielleicht auch die Wirklichkeit. Ermittlungen in Mordfällen sind eben langwierig. Aber das geschieht alles dermaßen ohne Tempo, ohne irgendwelche Höhepunkte. Man darf sich das ungefähr so vorstellen: Befragung, Auto, Befragung, Auto, Feierabend. Zwischendurch Geblubber und Gelaber. Es geschieht einfach nichts, „Kreise“ dreht sich tatsächlich im Kreis. Möglicherweise ist das gewollt. Eine Entgleisung wäre trotzdem schön gewesen.
Man wünscht sich beinahe einen Nick Tschiller, der dieser Entdeckung der Entschleunigung und Langeweile ein Ende setzt. Immerhin spielt Petzold in den letzten fünf Minuten mal sein Können aus. Aber da ist es dann auch schon zu spät.

©ARD
Matthias Brandt moniert derweil in der BamS, aus der Riege der ARD-Verantwortlichen habe ihn noch nie jemand angerufen und zu einem guten Film gratuliert. Aber: Wo es nichts zu gratulieren gibt, da gibt’s eben nichts zu gratulieren.

BEWERTUNG: 4/10
Titel: Polizeiruf 110: Kreise
Erstausstrahlung: 28.06.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Christian Petzold
Darsteller: u.a. Matthias Brandt, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Luise Heyer

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