Dienstag, 23. Juni 2015

Alleine in der Dreisamkeit - "Winterschlaf"





AB 26. JUNI IM HANDEL! ©Weltkino
„Winterschlaf“ ist kein Unterhaltungskino. Das muss sich bewusst machen, wer die 196-minütige Tour de Force des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan auf sich nimmt. Aber noch viel wichtiger: „Winterschlaf“ steckt so tief im echten Leben, dass mancher Zuschauer sich mit einem Blick auf die Uhr retten will. Figuren verletzen sich untereinander, werden gemein, halten sich nur noch aus. Angenehm ist das Zuschauen wirklich nicht, denn auch die „Geschichte“ rund um den Hotelbesitzer Aydin ist im Grunde keine. Einen losen Faden mag es zwar geben, doch stehen die Aydin, seine Schwester Necla und seine Ehefrau Nihal klar im Vordergrund. 

In ausschweifenden Dialogen versuchen sich diese Drei zu verständigen. Sie reden, reden und reden, doch hören sie nicht zu. Sie diskutieren über gewichtige Themen, aber selbst bei all ihrer gebündelten Intelligenz und Bildung scheinen sie auf zwischenmenschlicher Ebene zu versagen. Egal, wie man zu „Winterschlaf“ steht, die geschliffenen Dialoge sind bewundernswert. Wo andere Filmemacher schon längst die Flinte ins Korn werfen, fängt Ceylan erst an. Seine Figuren zerfleischen sich vor der Kamera, anfangs subtil, doch mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher. Worte schneiden tiefer als Schwerter, die Schauplätze ihrer Kämpfe sind theoretische Konstrukte. Gandhis Thesen werden für einen Familienstreit genutzt, Shakespeare im Sinne einer Diskussion zweckentfremdet. 

„Winterschlaf“ wird (meist) von überaus gebildeten Menschen bevölkert, die mit ihrer Existenz nicht sonderlich gut klarzukommen scheinen. Erst im letzten Drittel offenbart sich überhaupt die gesamte Tragweite der Beziehung zwischen Aydin und seiner Frau, die das dramatische Potential des Films unterstreicht. Der Zuschauer fragt sich während der ausschweifenden und arroganten Erzählungen Aydins selbst immer wieder: Wie hält es jemand mit ihm aus? Wieso reden sie ständig aneinander vorbei? Warum fügen sie sich diese seelischen Schmerzen zu? Eine Antwort darauf kann er sich selbst geben, denn ähnliche Streitereien und Diskussionen wird er schon längst in seiner Partnerschaft geführt haben. Denn ein jeder kann sich in den Dialogen der Charaktere wiedererkennen, weshalb „Winterschlaf“ an manchen Stellen unangenehm werden könnte. 

Was in Erinnerung bleibt, ist Nihals verzweifelter Blick in die Ferne. Vielleicht ist da immer noch Hoffnung, wo einst Liebe schwelte. Ein Festhalten an Erinnerungen vergangener Tage, der Glaube daran, den geliebten Menschen von früher wiederzuentdecken. Möglicherweise liefert uns Regisseur Ceylan in eleganten Bildern eine Antwort darauf. Kann sich ein Mensch nach all dieser Zeit noch ändern? Vollbringt der vermeintliche Held der Geschichte die verlangte Wandlung? Wer weiß das schon. 



©Weltkino
BEWERTUNG: 05/10
Titel: Winterschlaf
Laufzeit: 196 Minuten
Erscheinungsjahr: 2014
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Autor/Regisseur: Nuri Bilge Ceylan
Darsteller: Haluk Bilginer, Demet Akbag, Nadir Saribacak





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