Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein chaotischer Familienausflug ins Disneyland: "Escape from tomorrow"

Wo ist Jim hier nur gelandet? Die Antwort gibt's jetzt im Handel! ©PDA
„Wie geht es Ihnen?“ „Ich nehme Vitamin C.“ Es ist ein Satz, der in die Filmgeschichte eingehen könnte. Na ja, ok, zugegeben: Könnte auch sein, dass dieser Satz nicht in die Filmgeschichtsbücher eingehen wird. Genauso wenig wie „Escape from Tomorrow“, ein Low-Budget-Projekt des Regisseurs Randy Moore.

Moore und sein Team drehten heimlich und ohne Drehgenehmigung im Disneyland und in Disneyworld. Dafür rühmen sie sich, sie suhlen sich sogar in der Entstehungsgeschichte ihres Streifens. Wir sind die illegalen, uns fanden sogar die Leute auf dem Sundance-Filmfestival gut, so heißt es sinngemäß im Bonusmaterial des seit Kurzem auf DVD und Blu-ray erhältlichen Filmes. Ausgiebig erörtert dort sogar ein Anwalt, warum der Disney-Konzern den Machern rechtlich nicht viel anhaben könnte. Es ist eine kalkulierte PR-Aktion: Wir machen was Illegales, der große Konzern soll darüber ein paar Zeilen verlieren – und zack, klingelt es in der Kasse. Wie man dem eigens auf der Film-Homepage veröffentlichten Countdown, der die Zeit des „Nicht-verklagt-werdens“ anzeigt, entnehmen kann, hat das nicht so ganz geklappt.
Screenshot: www.escapefromtomorrow.com
Aber warum sollte Disney auch? Der Film ist schließlich so, wie es jeglichen Besuchern eines Vergnügungsparks irgendwann ergeht: Anfangs erfrischend und unterhaltsam, mit der Zeit aber einfach nur ermüdend.

Jim ist Familienvater einer scheinbar funktionierenden Familie und befindet sich gerade im Urlaub mit seiner Frau und den beiden Kindern, als er auf dem Balkon des Hotels von seiner Kündigung erfährt. Seiner Familie möchte er aber den letzten Urlaubstag nicht vermiesen, also schweigt er. Auf ins Getümmel! Aber wenn Jim geahnt hätte, was ihn im Disneyland erwartet, dann wäre er wohl lieber vom Balkon gesprungen...

Moores Film handelt vom ganz normalen Alltag während eines Familienausflugs. Chaotisch geht es dort zu. Die Kinder wollen ihren Spaß, aber die Eltern sind nur mit sich selbst beschäftigt. Jims Frau ermahnt seinen Mann des Öfteren, weil er nicht gerade der Vorzeige-Papi ist. Sarah, die kleine Tochter, muss eingecremt werden. Jim vergisst das. Schlimm sowas!
Jims Frau ist die treu sorgende Mutter, er der Vater, der zu jungen französischen Mädels hinterher gafft. Und die Kinder? Ja, die müssen mit dem Vater sogar in Attraktionen gehen, in die sie gar nicht wollen. Die Folge: Erstmal kotzt der kleine Elliot, der Sohn, in den nächsten Mülleimer. Die Tochter blutet irgendwann am Bein. Da fragt dann die Krankenschwester beim Verarzten den Mann, ob mit ihm denn alles in Ordnung sei. Jims Antwort steht oben.
Truthahn oder Emu? Im Disneyland weiß man das nicht so genau...©PDA

Disneyland ist eben nicht der Ort der endlosen Glückseligkeit, das will Moore wohl aussagen. Die aufgesetzte Fröhlichkeit überall, da wirste doch bekloppt als Erwachsener. Nichtmal die für acht Dollar erworbenen Truthahn-Schenkel sind echt, in Wirklichkeit bestehen diese aus Emu-Fleisch. „Irgendwas stimmt mit diesem Ort nicht!“, erkennt Jims Frau. Und auch der Zuschauer. Anfangs streut Moore, der den Film geschickterweise komplett in schwarz-weiß hält, passenderweise surreale Elemente ein. Figuren werden lebendig, aus ihnen werden Fratzen. Jim wird bekloppt, der Zuschauer wird bekloppt, das macht irgendwie Lust und Laune. Teilweise herrscht ein Hauch von David Lynch. Unterlegt mit einem formidablen Score lässt der Regisseur seine Familie ins Chaos stürzen. Ein Ausflug ins Disneyland ist vielleicht doch nicht so schön, wie man meint. Schon gar nicht mit der Familie.

Doch irgendwann setzt der Punkt ein, wo man alles gesehen hat. Die von Moore anfänglich passend eingesetzten surrealen Effekte nerven, langweilen und nehmen Überhand an. Schier wahllos wird aus dem geordneten Chaos so plötzlich ein ungeordnetes Wirrwarr. Moore möchte viel – zu viel. Die Aussage des Filmes hat man schnell begriffen, aber Moore suhlt sich nun in ihr. Und das macht er mitunter mit relativ bescheidenen Einfällen. Jim spritzt beispielsweise mit Wundsalbe auf nackte Frauenkörper. Ui ui ui.

©Koch Media
Nein, als Kurzfilm hätte „Escape from Tomorrow“ fantastisch funktioniert. Als 90-Minüter dagegen kaum. Disney wird weiter schweigen und nicht reagieren, die Uhr auf der Homepage weiter laufen und Randy Moore seinen Enkeln später vermutlich von damals erzählen, als er „Escape from Tomorrow“ heimlich und illegal im Disneyland drehte. Seine Enkel werden ihm applaudieren. Aber auch nur die. Und in die Filmgeschichte wird er wohl auch nicht eingegangen sein - auch wenn er das gerne hätte.

BEWERTUNG: 05/10
Titel: Escape from tomorrow
FSK: ab 16
Laufzeit: 90 Minuten
Genre: Fantasyfilm, Horrofilm, Drama, Komödie
Erscheinungsjahr: 2013, auf DVD & Blu-Ray erhältlich seit 23.04.2015
Regisseur: Randy Moore
Darsteller: u.a. Roy Abramsohn, Elena Schuber, Annet Mahendru

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