Montag, 13. April 2015

Die Quasi-Auferstehung von Gisbert Engelhardt: Der neue Frankentatort "Der Himmel ist ein Platz auf Erden"

Er ist wieder da! Also so halb. Zumindest ansatzweise. Gisbert Engelhardt.
Jetzt heißt er Felix Voss. Und natürlich ist er eigentlich eine völlig andere Person. Aber wer Fabian Hinrichs bei seinem Tatort-Einstand als Fränkischer Ermittler beobachtet, der muss immerzu an den Sidekick denken, der uns allen Ende 2012 im grandiosen Münchner Tatort „Der tiefe Schlaf“ so viel Freude bereitet hat. Und auch viel Trauer. Damals musste Gisbert Engelhardt leider direkt wieder das Zeitliche segnen, das Zuschauerecho aber war bahnbrechend. Schnell öffneten facebook-Seiten „Wir wollen Gisbert Engelhardt zurück!“, überall las man das Gleiche: Gisbert muss überleben. Aber die Auferstehung eines Toten? Das ist nichtmal im Tatort möglich.

Was also tun? Der Bayerische Rundfunk hatte die Idee: Ein neuer Tatort soll es sein, mit Fabian Hinrichs in der Hauptrolle. Herausgekommen ist der Frankentatort, mit Hinrichs als zugezogenem norddeutschen Kommissar. Zusammen mit Dagmar Manzel als Kollegin Ringelhahn, die augenscheinlich ein Problem damit hat, auf den Abzug ihrer Pistole zu drücken, und Elisabeth Wasserscheid als Kommissarin Wanda Goldwasser – was für Namen! - ist jetzt auch in Nürnberg für Sicherheit gesorgt. Wohltuend: Das Team entpuppt sich als echtes Team, es gibt keine Anfeindungen untereinander und sympathisch sind sie auch. Für genügend Witz sorgt Kabarettist Matthias Egersdörfer als Forensik-Leiter Michael Schatz. Auch der Einstands-Fall ist anfangs vielversprechend.
Er ist wieder da: Fabian Hinrichs - aber nicht als Gisbert, sondern als Felix Voss. ©BR/Felix Cramer

Um „Waldsterben“, O-Ton Schatz, handelt es sich hier nämlich. Christian Ranstedt wurde im Auto gefunden, erschossen aus nächster Nähe, während des Liebesspiels. Er war zu Lebzeiten Proffessor für Luft- und Raumfahrttechnik an der Uni Erlangen, stand dort seiner Assistentin (Genija Rykova) sehr nahe. Aber auch seiner Nachbarin Charlotte Pahl (Ulrike C. Tscharre), Gattin des Bosses der Obersten Strafkammer (Uwe Preuss), stand er nahe, er war ein Frauenheld. Genug Motive also für Ehefrau Julia (Jenny Schily) und Pahls Gemahl, gleichzeitig bester Kumpel des Toten, den Professor um die Ecke zu bringen. Ein waschechtes Eifersuchtsszenario, das sich den Kommissaren bietet. Und die Frage, wer mit dem Toten noch im Auto saß – und warum der- oder diejenige noch am Leben ist...

Eigentlich ist hier alles geboten für ein waschechtes Eifersuchtsdrama, und Regisseur Max Färberböck macht anfangs Hoffnung auf etwas ganz Großes. Regungslos sitzt Randstedts Frau dort auf der Bank in ihrem Haus, sekundenlang reagiert sie weder auf Voss noch auf Ringelhahns Fragen. Und wie soll sie das ihren Kindern erst beibringen, dass der „Papi jetzt im Himmel ist“? Trauer findet im Tatort eigentlich kaum bis gar nicht statt – Färberböcks Drehbuch und starke Inszenierung schafft das in einer sehr realisitischen, bedrückenden Art und Weise. Nach und nach kommt heraus, dass der Herr Proffessor ein Mann war, der gerne mal ein wenig an und mit Frauen herum spielte. Seine Assistentin fand ihn gut: „Er war attraktiv und ein sehr guter Chef!“ Mit dem obersten Richter spielte er zusammen Tennis, mit dessen Frau vergnügte er sich am Waldesrand. Eine schöne Geschichte, wie gemalt wie für einen Tatort. Doch wie es die Gesetze der Sonntagabend-Reihe eben so wollen: Statt sich um dieses wahnsinnig interessante Familienchaos zu kümmern, bringt der Plot irgendwelche unlauteren Geschäfte des Uni-Instituts in die Geschichte ein und zur Hälfte der Spielzeit erscheint dann der berühmte Unbekannte auf der Bildfläche. Schade.
Gehört eben dazu, ist ja Tatort: Die Chefansprache (Manzel, Hinrichs hinten, vorne Merki) ©BR/Felix Cramer

Weitaus weniger schade, sondern vielmehr erfreulich ist die Figurenkonstellation der neuen Ermittler. Im Gegensatz zu den jüngsten neuen Tatort-Kommissaren wie z.B. in Berlin mögen sich die Kommissare in Nürnberg. Allein der Beginn ist schön gemacht: Voss kommt mit dem Zug, doch niemand wartet auf den Neuen. Zu Fuß quält er sich samt Gepäck ins Präsidium und trifft dort auf Kollegin Goldwasser. Die erklärt ihm dann schnell die Feinheiten des neuen Arbeitsplatzes: Ein großer Wasserspender (gut für die Organe!) und Plastik-Orchideen zur Erinnerung, dass man auch manchmal falsch liegt. Wenig später erläutert ihm Ringelhahn einige Hintergründe zu Nürnberger Straßenzügen. Und Egersdörfers Figur spielt sich auch schnell ins Herz der Zuschauer, indem er offenbart: Ja, er guckt Pornos. Da lacht das Herz, und selbst die obligatorischen Streitigkeiten mit dem Chef (super: Stefan Merki ) oder die übliche Macke eines der Ermittler – Ringelhahn hat eine Schusswaffen-Phobie – fallen kaum noch ins Gewicht.

©ARD
Der handwerklich – besonders kameratechnisch – gelungene Einstand von Voss macht so Lust auf mehr. Da kann was Gutes ranreifen. Wenngleich man sagen muss: Der Tod von Gisbert Engelhardt wird auch durch Felix Voss nicht vergessen gemacht.  

BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Tatort: Der Himmel ist ein Platz auf Erden
Erstausstrahlung: 12.04.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Max Färberböck
Darsteller: Fabian Hinrichs, Dagmar Manzel, Elisabeth Wasserscheid, Matthias Egersdörfer u.v.m.

Kommentare:

  1. Da kann ich mich tatsächlich nicht anschließen. Bin eh kein Tatort-Gucker und fand den doch höchstens durchschnittlich: https://moviescape.wordpress.com/2015/04/13/tatort-der-himmel-ist-ein-platz-auf-erden-2015/

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    1. Nachvollziehbar, dass du als Nicht-Tatort-Gucker den Film eher als durchschnittlich bewertest. Da fehlte dir vermutlich auch ein wenig der Bezug zur Vorgeschichte mit Hinrichs' Vergangenheit im Tatort - was das Gesehene deutlich verändert. :)

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