Mittwoch, 4. März 2015

Massenmörder oder Held ? - "American Sniper"!






©Warner Bros.
Das Leben des Scharfschützen Chris Kyle in das Medium Film zu transportieren, ist wie ein Gang durch ein Minenfeld. Ein Fehltritt und es ist vorbei. Kyles Leben ist prädestiniert für einen Abgesang auf amerikanisches Heldentum, schließlich wird er in seiner Heimat als eben solcher verehrt. Doch durch das Engagement von Clint Eastwood hinter der Kamera kam Hoffnung auf, bei „American Sniper“ würde es sich um ein differenziertes Stück Film handeln. Das ist es leider nur zum Teil geworden. 

Zunächst einmal muss sich der Zuschauer damit abfinden, dass „American Sniper“ stets Kyles Sicht der Dinge portraitiert. Für ihn ist der Krieg die Folge von 9/11 und er sieht es als seine göttliche Mission an, die „Wilden“ im Irak zu töten. Er ist ein Navy Seal, der zuvor mehr schlecht als recht durchs Leben stapfte, ziellos, ohne Bestimmung. Ein Redneck aus dem tiefsten Texas, wie es amerikanischer nicht sein könnte. Eastwood und sein Drehbuchautor Jason Dean Hall haben kein Interesse daran, andere Blickwinkel hinzuzufügen. „American Sniper“ ist durch und durch amerikanisches Kino. Weder werden die irakischen Widerstandskämpfer charakterisiert, noch die politischen Hintergründe miteinbezogen. 

Es verwundert nicht, dass der Film in Amerika ein solcher Erfolg war. Immerhin stellt er wenige unangenehme Fragen und lässt sie mit einem der ihren mitfühlen. Was kümmern schon irgendwelche Kämpfer mit dunkler Hautfarbe, die weit weg wohnen und mit denen sie nie in Kontakt kommen. Das ist einer der Gründe, wieso Steven Spielberg, der zuerst Regie führen sollte, abgesprungen ist. Er wollte das Duell zwischen Kyle und einem irakischen Scharfschützen nicht nur auf physischer, sondern auch auf psychologischer Ebene führen. Der feindliche Soldat sollte zum Gegenstück Kyles transformiert werden, mit einer eigenen Hintergrundgeschichte. Das hätte „American Sniper“ über sämtliche Genrevertreter hinauskatapultiert, da er endlich einmal zwei Seiten der Medaille hätte zeigen können. Doch Spielbergs Ideen wurden fast vollständig verworfen und er verließ deshalb das Projekt. Mehr als ein Kameraschwenk in des Scharfschützen Wohnung ist von seiner Vision nicht übrig geblieben. Schade. 

©Warner Bros.

Der Film basiert auf den Memoiren Chris Kyles, in der er mit über 255 Abschüssen prahlt, darunter nachweisliche Lügengeschichten. Im Buch brüstet er sich mit seinen Taten, gibt zu, Spaß am Töten gehabt zu haben und lästert über seine Gegner. Das wirft kein rosiges Licht auf diesen Mann, der innerlich zerstört von seiner vierten Tour im Kriegsgebiet zurückkam. Die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit bügelt das Skript glatt. Der Charakter Kyle ist im Film ein gebrochener Held, der sich nur schwer von seinen Erlebnissen losreißen kann. Würde es sich um eine fiktive Figur handeln, wäre das nicht weiter tragisch. So trägt es nur weiter zu Kyles Heldenverehrung in den USA bei. 

Das Drehbuch lässt leider Potential liegen, seine Rehabilitation Zuhause wird im Schnellverfahren abgehakt und wie gesagt, handelt es sich um eine stark einseitige Darstellung des Krieges. Doch sorgt Eastwoods überraschend nüchterne Inszenierung dafür, dass Pathos und Patriotismus kaum vorkommt. Amerikanische Soldaten sterben keinen Heldentod, sie verrecken, keine US-Flagge weht in Zeitlupe durchs Bild. Die Actionszenen sind durch und durch Adrenalingeladen, verzichten jedoch beinahe völlig auf Effekthascherei. Kyle selbst befindet sich bald nur noch auf einem Rachefeldzug, der sein gesamtes Team in Gefahr bringt. Hier sind durchaus kritische Ansätze zu finden, genau wie in der marginalen Charakterisierung des Gegenspielers oder der Desillusionierung seines Bruders. Doch sind diese Momente rar gesät und gehen oftmals unter. 

Von der brillanten Performance Bradley Coopers in der Hauptrolle mal abgesehen, bleiben seine Kameraden ein einziges gesichtsloses Abziehbild eines Soldaten. Nur Sienna Miller als Kyles Frau darf glänzen und ist in ihrer Eigenschaft als das Gewissen Kyles auch notwendig. Doch sonst berührt „American Sniper“ wenig, was wohl auch im Unverständnis der europäischen Zuschauer liegen dürfte. Für das amerikanische Publikum ist der Film wahrscheinlich ein wilder Ritt entlang gewisser Vorurteile, mit einer Figur, die Amerika und Held in sich vereint. Ihn können sie verstehen, seine Sorgen sind ihre Sorgen. Wie sonst lässt sich ein 20 Kilometer langer Trauerzug für Chris Kyle erklären, der im Abspann mit Realaufnahmen noch einmal zelebriert wird?


©Warner Bros.
BEWERTUNG: 06/10
Titel: American Sniper
FSK: ab 16 freigegeben
Laufzeit: 132 Minuten
Genre: Kriegsfilm, Drama
Erscheinungsjahr: 2015
Regisseur: Clint Eastwood
Autor: Jason Dean Hall
Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller, Luke Grimes, Navid Negahban






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