Montag, 9. März 2015

Emil und die Detektive und ein erotischer Hosentausch - „Tatort: Grenzfall“

Die Entstehungsgeschichte des aktuellen ORF-Tatorts „Grenzfall“ ist eine Geschichte des Zufalls. Tatort-Debütant Rupert Henning – für Buch und Inszenierung gleichermaßen verantwortlich – war 2011 als Erzähler eines Features im österreichischen Rundfunk Ö1 aktiv, wie er der Kleinen Zeitung verriet. In diesem Feature ging es um das Schicksal eines Österreichers, der in den 50er-Jahren im Thaya-Tal an der tschechischen Grenze fischen ging und damals nicht nach Hause kam. Erst 2009 fand dessen Sohn heraus, dass sein Vater von Grenzsoldaten erschossen wurde.

Eine spannende Geschichte mit einem ernsten Hintergrund, dachte sich Henning. Wie dafür geschaffen, sie einem großen Publikum zu erzählen – und was für ein Fernsehformat würde sich besser anbieten als der Tatort? Auch am Sonntag schauten wieder über neun Millionen Leute den Kommissaren Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) bei ihren Ermittlungen im Thaya-Tal über die Schulter. Und sie sahen eine Ausgabe mit einem wirklich interessanten Thema, sehr konfus erzählt, aber dafür auch mit einer gehörigen Portion Witz. Und: Moritz & Bibi Bond kriegen es diesmal immerhin „nur“ mit der tschechischen Polizei zu tun – nicht so wie beim letzten Mal.
Fellner (Neuhauser, l.) und Eisner (Krassnitzer, r.) haben Zuwachs bekommen. ©ARD/Degeto/ORF/Allegro Film/Milenko Badzic

Im Thaya-Tal macht eine Archäologin (Andrea Clausen) Ausgrabungen zusammen mit ihrem unterbezahlten Assistenten (Marcel Mohab). Die Chefin sieht auf dem Grenzfluss einen Mann mit seinem Kajak herumtreiben – und kentern. Tot war der Mann auch schon vorher, sein Name ist Radok, und er ist der Sohn eines ehemaligen Grenzsoldaten, der in den 60er-Jahren für das Verschwinden eines Österreichers verantwortlich gemacht wurde. Ermittelt hat das Max Ryba (Harald Windisch), ein Journalist aus dem angrenzenden Thaya-Dorf und Sohn dieses spurlos Verschwundenen. Eisner, Fellner und der neue Kollege Manfred „Fredo“ Schimpf (Thomas Stipsits) – wenn auch letzterer nur vom Schreibtisch aus – begeben sich nun bei der Mord-Ermittlung auf Spurensuche und decken dunkle Geheimnisse von den Dorf-Obersten auf...

Das ist eine ziemlich interessante Materie! Geheime Spitzel, die Grenzgängern etwas von Freiheit vorgaukeln – und sie samt ihrer Hintermänner in Wirklichkeit nur ausspähen. Ein böses, fieses, ja, richtig wütend machendes Thema, das Henning (u.a. mitverantwortlich fürs Drehbuch vom Bergsteiger-Drama „Nordwand“) uns hier präsentiert. Garniert mit diesmal wirklich passend eingestreuten Rückblenden – das hatte man in der Vergangenheit schon deutlich anders erlebt -, scheitert er jedoch ein wenig an sich selbst. So ist die Geschichte zwischen Wien-Prag-Ausgrabungsort-Universität und Thaya-Dorf im ersten Drittel des Films ziemlich wirr. Für Außenstehende ergibt sich erst relativ spät ein geordnetes Bild der gesamten Geschichte – was in diesem Fall aber nicht der Komplexität, sondern eher der diffusen Erzählung geschuldet ist.
Laien lieben Bilder, wie die Archäologin Eisner erzählt (Clausen & Krassnitzer) ©ARD/Degeto/ORF/Allegro Film/Milenko Badzic

Der Film kommt so erst spät in Fahrt, kriegt aber noch rechtzeitig die Kurve. Was vor allen Dingen den Nebengeschichten geschuldet ist. An „Grenzfall“ bewahrheitet sich einmal mehr schön: Wenn der Fall auch noch so schwer ins Rollen kommt, auf Bibi & Moritz kann man sich einfach verlassen. Das Team wird von Mal zu Mal immer sympathischer. Diesmal geht es sogar weit, dass der herum grantelnde Moritz auf die mit dem Journalisten rumflirtende Fellner eifersüchtig wird. „Ein kleines Eifersuchtsdrama“ spielt sich da ab, und das nur aufgrund „eines erotischen Hosentausches“. Eine herrliche Szene! Oder auch das Einpflegen des neuen Kollegen („Hast du einen Komiker bestellt?“) ist ziemlich gelungen. Überhaupt sind genauso wie beim letzten Auftritt mit Udo Samel die Nebenfiguren stark besetzt. Andrea Clausen als supersympathische Archäologin bemerkt, dass Bibi & Moritz ja wie in Kinderbüchern heißen würde, fortan bezeichnet sie die beiden als Emil und die Detektive – nach Bibi & Bond also wieder Kosenamen, könnte ein ulkiger Running Gag werden.

Forsche Sprüche herausposaunen gehört sowieso zu ihren Lieblings-Beschäftigungen und erfrischende Momente auch zu den stärksten Parts in Hennings Tatort. Ob es nun die traditionelle Pathologen-Szene ist, die diesmal in einem Hörsaal mit lauter überzeichneten Studenten stattfindet und wo Eisner beinahe einen „Bürokrateninfarkt“ bekommt, oder weitere Weisheiten der Archäologin („Laien lieben Bilder“) - muntere Szenen, mitunter vielleicht ein wenig albern, aber stets mit fantastischer Spielfreude vorgetragen. Köstlich! Ein wenig aus dem Rahmen fällt da nur die Tatort-typische Kooperation mit einem ausländischen Apparat, diesmal mit Tschechien. Braucht man nicht, und ist auch im vorliegenden Film unnötig.

©ARD
Das Drumherum bewahrt „Grenzfall“ dennoch vorm Kollaps. Wenn das schwere Puzzle irgendwann zusammengesetzt ist, ist das ein ordentlicher und thematisch wichtiger, gleichzeitig aber auch nicht überragender Fall. Übrigens: Einen Hauch Inception bringt Henning ebenfalls unter. An einer Stelle geht es um ein Loch in einem Loch in einem Loch, denn es ist schließlich nichts unvergänglicher als ein Loch, wie wir lernen.
Ja, der Regisseur kann gerne weitere Tatorte drehen. 

BEWERTUNG: 7,0/10
Titel: Tatort: Grenzfall
Erstausstrahlung: 08.03.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Rupert Henning
Darsteller: u.a. Adele Neuhauser, Harald Krassnitzer, Thomas Stipsits, Harald Windisch, Andrea Clausen
 


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