Montag, 16. Februar 2015

Die Schöne, das Biest und der ewig Böse - Schonungslos solide Krimikost aus Leipzig "Tatort: Blutschuld"

Für das Programm von ARD und ZDF bezahlt der Steuerzahler jeden Monat 17,50 € an Rundfunkbeitrag. Grund genug für viele Leute, stets sofort auf die Barrikaden zu gehen, wenn Programminhalte qualitativ nicht gerade überzeugen. Mit den Milliarden-Einnahmen sollte es doch eigentlich einfach sein, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass die Zuschauer rundum zufriedenstellt. Sollte es normalerweise tatsächlich. Aber manchmal fragt man sich schon, wohin die Gelder fließen. Nein, um Gottes Willen: Rundfunkbeitrags-Bashing ist genauso out wie das Bashing des Dschungelcamps. Daher möchte ich die GEZ-Keule nun mal nicht schwingen, aber es mutet schon etwas seltsam an, wenn an zwei aufeinander folgenden Sonntagen Tatort-Folgen ausgestrahlt werden, bei dem der Hauptverdächtige von ein und der selben Person gespielt werden. 

Uwe Bohm heißt der Akteur, der in der letzten Woche bereits eine tragende Rolle spielte und auch dieses Mal wieder die Rolle des ewig Bösen innehatte. Es ist sein mittlerweile neunter Auftritt im Tatort gewesen – und jedes Mal darf er den Mörder oder zumindest einen Verdächtigen spielen. An sich kein Problem, denn Bohm ist ein wirklich guter, aber Koordination in der Folgen-Ausstrahlung und Feingefühl oder Abwechslung bei der Cast-Zusammenstellung sucht man im Tatort leider des Öfteren vergebens. Ines Rahn, die Verantwortliche für die Besetzung im vorletzten Leipziger Tatort „Blutschuld“, hat sich jedenfalls nicht all zu viel Mühe gegeben; Regisseur und Autor Stefan Kornatz dagegen überrascht.
Der mürrische Kommissar (Wuttke, l.) und der Tatort-Dauergast (Uwe Bohm, r.) ©MDR/Steffen Junghans

Während Botox-Werbefigur Simone Thomalla und die personifizierte schlechte Laune Martin Wuttke einmal mehr ihre Rollen von der Schönen und dem Biest voll ausfüllen und der nahende Abschied von der Tatort-Bildfläche so nicht weiter traurig stimmt, ist die Inszenierung der 90 Minuten mit zunehmender Dauer sogar echt aufregend und vor allem eines: schonungslos brutal und blutig. Die dargebotene dunkle, düstere ausladende Atmosphäre ist man vom Tatort so nicht gewohnt, ich ziehe meinen imaginären Hut an dieser Stelle dafür.
Besonders der Beginn fesselt: Ein Mann läuft mit einem Messer im Hals (Tino Hillenbrand) durch die Leipziger Innenstadt, das ist wahnsinnig schnell und modern geschnitten, das ist leider zu wahr, wie die Passanten desinteressiert wegschauen, ein wirklich starker Beginn.

Anschließend sind Jahre ins Land vergangen, wir erfahren den Namen des Messer-Trägers. Er heißt Patrick Kosen, war jahrelang im Gefängnis und ist vor Kurzem wieder entlassen worden. Aufgrunddessen gerät er selbstverständlich in den Fokus der Ermittlungen von den Kommissaren Keppler (Wuttke) und Saalfeld (Thomalla), als sein Vater (Bernhard Schütz) martialisch ermordet aufgefunden wird. Sein Vater war ein leider eher erfolgloser Abfallsunternehmer, der nicht ganz so koschere Geschäfte mit den Behörden abwickelte. Das stieß bei seinem Geschäftspartner und Schwiegersohn Frank Bachmann (Alexander Khuon) nicht gerade auf Gegenliebe, dessen Frau (Natalia Rudziewicz) wurde genauso wie der Bruder in der Kindheit vom Erzeuger misshandelt. Die Ehefrau des Toten schaute weg. Motive gibt’s genug – so hatte auch Bohms Figur Christian Scheidt allen Grund, sich darüber zu freuen, dass Kosen senior das Zeitliche gesegnet hat. Scheidt war ehemals Geschäftspartner, bis Kosen seine Tochter überfuhr. Seitdem verendet Scheidt als bemitleidenswerter arbeitsloser Alkoholiker...
Steht auf senfgelbe Oberteile: Simone Thomalla als Kommissarin Saalfeld ©MDR/Steffen Junghans

Hätte das gesamte Ensemble sich der Leistung von Bohm angeschlossen oder es noch mehr Szenen wie zum Auftakt gegeben, dann wäre der vorletzte Leipziger Tatort wohl ein prächtiger Krimi. Leider verliert „Blutschuld“ in der ersten Hälfte machtig an Fahrt und kriegt erst im Schlussdrittel wieder die Kurve. Da wird Saalfeld telefonisch Zeugin eines Mordes an Kosens Tochter – wir sehen deren Machtlosigkeit, wie sie verzweifelt versucht, das abgeschlossene Fenster zu öffnen, aber daran scheitert. Das ist brutales und verdammt intensives Fernsehen.

©MDR/Steffen Junghans
Leider glänzt Saalfeld ansonsten nur optisch, Keppler gibt wie immer den mürrischen Kommissar. Und ob es unbedingt notwendig ist, dass die Kommissarin ein freundschaftliches Verhältnis mit einer Verdächtigen eingeht, sei mal so dahin gestellt. Dennoch: Gerade das Ende macht einiges wieder wett und auch ansonsten funktioniert der Fall als grundsolider Whodunit. Wäre da mal nicht diese langweilige Rollen-Besetzung des ewig Bösen gewesen...

Übrigens darf man sich umso mehr auf die nächste Woche freuen: Zum dritten Mal hintereinander biegt ein Kriminalermittler auf die Zielgerade ein, diesmal ist es der letzte Fall von Joachim Król als Frank Steier in Frankfurt. Am Buch mitgeschrieben hat niemand Geringeres als Michael Proehl – ihr erinnert euch.

BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Tatort: Blutschuld
Erstausstrahlung: 15.02.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Stefan Kornatz
Darsteller: u.a. Martin Wuttke, Simone Thomalla, Maxim Mehmet, Uwe Bohm, Tino Hillenbrand


  

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