Freitag, 2. Januar 2015

Münster liegt jetzt in Thüringen: Christian Ulmen und Nora Tschirner ermitteln wieder in Weimar - „Tatort: Der irre Iwan“

Am zweiten Weihnachtstag 2013 gingen Kira Dorn (Nora Tschirner) und ihr vornamenloser Kollege und Bettgefährte Lessing (Christian Ulmen) in Weimar zum ersten Mal auf Verbrecherjagd. Der als „Event-Tatort“ deklarierte, äußerst unterhaltsame Tatort „Die fette Hoppe“ sollte eine einmalige Ausgabe bleiben. Aber der MDR schien Gefallen an den beiden bekannten deutschen Schauspielergrößen gefunden zu haben und orderte Nachschub.
So hatten Tschirner und Ulmen an Neujahr in „Der irre Iwan“ schon wieder Dienst. Und wieder war es lustig, zwar nicht mehr so spritzig und erfrischend wie bei der Premiere – aber gerade gegen den überall vorherrschenden Silvester-Kater waren die 90 Minuten die perfekte Medizin.

Christian Ulmen und die tote Sekretärin... © MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer


Beim einem Überfall auf die Stadtkämmerei wird viel Geld entwendet und Sekretärin des Stadtkämmerers (Jörg Witte) über den Haufen geballert. Schnell stellt sich heraus, dass der Stadtkämmerer vielleicht mehr mit der Sekretärin zutun hatte als gedacht – und dass eine Kirmes-Familie auch mehr mit dem Stadtkämmerer zutun hat, als man erst meinen könnte. Führt der Stadtkämmerer ein seltsames Doppelleben als Geisterbahn-Betreiber und Finanz-Chef gleichzeitig? Dorn und Lessing kommen der irrsinnig verwirrenden und verflochtenen Wahrheit langsam auf die Spur...

Ja ja, mit dem Tatort ist das ja so eine Sache. Dass der Trend weg geht von der stinknormalen Mördersuche hin zu außerordentlichen Geschichten, wurde in der Vergangenheit schon des Öfteren von mir thematisiert. Und Witz und Humor gibt es auch stets zuhauf. Besonders in der Tatort-Hauptstadt - zumindest wenn man von den Quoten und der Fangemeinde ausgeht - Münster legen die Macher ihr Augenmerk hier drauf. Mit Erfolg. Axel Prahl als Kommissar Thiel und Jan-Josef Liefers als Professor Boerne sorgen zusammen mit ihren skurillen Nebencharakteren wie der kleinwüchsigen Gerichtsmedizin-Helferin Alberich, gespielt von Christine Urspruch, auch immer dafür, dass eine Reihe von Nicht-Tatort-Fans plötzlich die Eins auf ihrer Fernbedienung tätigen. In die gleiche Kerbe wollte der MDR wohl auch schlagen. Mit Ulmen und Tschirner holte man sich zwei große Namen an Bord – bei Til Schweiger klappt das ja auch richtig gut aus Quotensicht -, und die beiden sind Garanten für Lacherkracher. Klamauk meets Krimi. Das Erfolgsrezept aus Münster wird in Weimar kopiert. Herausgekommen ist auch im zweiten Auftritt ein Film, den man kurz und bündig mit Münster 2.0 umschreiben kann.
Die Kommissare Dorn (Tschirner, l.) und Lessing (Ulmen, r.) sind nicht nur Kollegen, sondern auch ein Paar. © MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer

Beginnend mit der Story, die überkonstruiert daher kommt, viele Schlänker und Überraschungen beinhaltet, aber zu keinem Zeitpunkt einen Realitätstest überstehen würde. Zwei Zwillinge, die sich rein zufällig nach Jahren irgendwo über den Weg laufen und dann Identitäten tauschen – und wo dann angeblich nichtmal die Ehefrauen etwas merken. Na ja, das riecht nach einer Story aus Münster. Die Drehbuchatuoren Andreas Pflüger und Murmel Clausen legen ihren Figuren viele griffige Oneliner in den Mund und schreiben viele absurde Szenen ins Buch. So flüchtet an einer Stelle die Leiche vom Seziertisch, die Rechtsmedizinerin (blendend gespielt: Ute Wieckhorst) kommentiert die Szene trocken in ihr Diktiergerät: „Obduktion unterbrochen, die Leiche ist flüchtig.“ Herrlich. Oder auch der Moment, wo Arndt Schwering-Shohney – Gott sei Dank, heiße ich so nicht – als Polizist mal wieder an seiner Vanillemilch nuckelt – ein göttlicher Running Gag! - und dann Tschirners Figur bemerkt: „Die coolen Kinder trinken jetzt Vanillemilch.“ Weitere solcher Sprüche gibt es zuhauf, ebenso situationskomische Momente en Masse. Prima Unterhaltung ist das ohne Zweifel,wenig hat das jedoch noch mit dem Tatort zu tun.

Münster 2.0 - muss das angesichts der Ermittlerflut wirklich sein?


Daher stellt sich die Frage, ob nicht ein Tatort a la Münster ausreicht? Muss es unbedingt ein neues Team geben, das den selben Kurs kopiert und sich des Events wegen von der Kernmarke immer weiter entfernt? Schließlich gibt es eine regelrechte Ermittlerflut in diesem Jahr mit 22 (!) Ermittler-Teams, die Sinnhaftigkeit des Tschirner/Ulmen-Duos erschließt sich zumindest mir nicht so wirklich.
Da hilft es kaum, dass das Ensemble um unsere beiden leinwanderprobten Hauptprotagonisten und wahnsinnig spielfreudig auftritt. Und überhaupt wirkt der Fall, der erst spät so richtig in Fahrt kommt, lange nicht mehr so spritzig wie das Debüt. Am Ton ist darüber hinaus auch noch zu arbeiten, der ist teilweise grausam abgemischt.
© ARD
Aber: Als perfektes Mittel gegen den Silvesterkater ist „Der irre Iwan“ schon bestens geeignet. Denn Lachen ist bekanntlich immer noch die beste Medizin.

BEWERTUNG: 07/10
Titel: Tatort: Der irre Iwan
Erstausstrahlung: 01.01.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Richard Huber
Darsteller: u.a. Christian Ulmen, Nora Tschirner, Thorsten Merten, Arndt Schwering-Sohney, Jörg Witte



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