Montag, 12. Januar 2015

Merkelbacken im Ruhrpott: Dortmunder Nazi-Krimi „Tatort: Hydra“


Wäre ich Hans-Joachim Watzke, dann würde ich heute alle Hebel in Bewegung setzen und mich beschweren bei der ARD. Schließlich suggeriert der Tatort aus der Feder von Krimi-Experte Jürgen Werner an manch einer Stelle, dass das Gros der BVB-Fans der rechten Szene zugetan ist. Aber gut, ich bin nicht Hans-Joachim Watzke, ich bin bloß Tatort-Fan. Aber auch als solcher bietet sich nach der Ausstrahlung des neuen Dortmunder Falls „Hydra“ eigentlich eine Menge Zündstoff für einen Beschwerdebrief. Die x-ten Ermittler-Involvierungen, „Ratten“ im Polizeirevier, der Verfassungsschutz, eindeutige Fronten in den Ermittlerkreisen und alte Fälle, die mit dem aktuellen Mord zusammenhängen – es war mal wieder alles vorhanden. Doch die starke innere Logik dieses Neonazi-Tatorts verhindert, dass dies weiter ins Gewicht fällt.

Angeführt von einer bockstarken Aylin Tezel als Kommissarin Nora Dalay kann sich Regisseurin Nicole Weegmann wieder einmal auf ein super Ensemble in der Ruhrpotts-Stadt verlassen. Dalay hat es diesmal besonders schwer, denn der in einer Industriebrache gefundene Tote ist der Dortmunder Obernazi Kai Fischer. Fischer ist Anführer der Dortmunder Nationalsozialen, einer eher gemäßigten Dortmunder rechten Gruppierung. Das alte Klischee des Glatzen-Faschisten mit Nazi-Klamotten hat ausgedient, wie sich schön an den restlichen Mitgliedern zeigt: Alternative Frauen mit gefärbten Haaren, die man dem Äußeren nach dem linken Sprektrum zuordnen würde, oder Nils Jacob (Frank Pätzold) als Germanistik-Studenten, der eher Schwiegermutters Liebling sein könnte als Vollblut-Rechter. Ein Trend, der sich mittlerweile (leider) auch in der Wirklichkeit zeigt, Stichwort Pegida.
Bei heißem Kaffee und Mettbrötchen redet jeder mit Komissar Faber (Jörg Hartmann, l.) © WDR/Thomas Kost
Fischer wollte diese Gruppe mit der zweiten, eher radikalen Gruppierung „Dorstfelder Front“ zusammenführen. Ob Fischer deswegen sterben musste, müssen die Dortmunder Kommissare um den mal wieder auf Krawall gebürsteten Hauptkommissar Faber (einsame Spitze: Jörg Hartmann) herausfinden. Seine Taktik ist super: "Mit der Türkin [Dalay] vor der Nazinase herumwedeln“. Das klappt vorzüglich und sorgt für die eine oder andere interessante Auseinandersetzung. Faber geht auf Tuchfühlung mit den Nazis, während Dalay diese provoziert mit der Anwesenheit. Ein sehr kluger Schachzug auch von Werner, der Faber mal wieder klasse Sätze in den Mund legt. Fischer hatte beispielsweise am 19. April Geburtstag – in Anspielung auf Hitlers Geburtstag resümiert Faber dann: „Oh, knapp daneben! Das wird ihn ärgern.“ Sprüche wie dieser sammeln sich, ein reiner Genuss.

Ein Genuss ist auch die Inszenierung von Regisseurin Weegmann. Dalay wird an einer Stelle von rechten Idioten überfallen und bekommt ein Hakenkreuz auf den Bauch gesprayt. Hier stockt der Zuschauer für Augenblicke der Atem, vor allem bei Dalays vergeblichem Versuch, dieses Andenken wieder zu entfernen. Wie Tezel das spielt, wie Weegmann das inszeniert – das sind solche Sequenzen, die diesen Tatort auszeichnen.
Leider kann der Tatort nicht zu jedem Zeitpunkt so punkten. Der Bruder (Robert Stadlober) von Hauptkommissar Kossik (Stefan Konarske) ist auch auf den rechten Weg abgedriftet, hält sich größtenteils mit seinen Nazi-Freunden in einer BVB-Kneipe auf. Auf diese Verbindung hätte man prinzipiell verzichten können, fügt sich aber trotzdem gut ein in diesen Tatort. Natürlich muss auch der Staatsanwalt (Moritz Führmann) ein doppeltes Spiel zusammen mit dem Verfassungsschutz spielen und ein Verräter (Robert Schupp) ist im Revier auch zu finden. Er hatte Fischer Details aus einer Mordermittlung weitergegeben, wo ihm vorgeworfen wurde, den Mann der Jüdin Jedida Steinmann (Valerie Koch) getötet zu haben.
Kommissarin Dalay ist fertig mit den Nerven (Aylin Tezel) © WDR/Thomas Kost

Schön zu sehen im Dortmunder Revier ist es auch, wie dreckig es den Figuren eigentlich geht. Faber kommt über den Mord an seiner Familie nicht hinweg, Kossik und Dalay haben noch am Ende ihrer Beziehung und das abgetriebene Baby aus der letzten Folge zu knabbern und Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) verbringt ihre Abende einsam an Dortmunder Hotellobbys. Die Figuren in Dortmund entwickeln sich prächtig und nachvollziehbar weiter, das geht sogar bis hin zum lustigen Gerichtsmediziner (Thomas Arnold), der in Dortmund nicht nur den Todeszeitpunkt bestimmen muss. Er weist Tezel an einer Stelle darauf hin, dass ihr Blick auf die Dauer Merkelbacken hervorbringen könnte. Ein Brüller!

© WDR/Thomas Kost
Vielleicht würde ich mir als Hans-Joachim Watzke den Beschwerdebrief übrigens doch sparen. Denn die BVB-Fans in der Kneipe bejubeln an einer Stelle einen Sieg ihrer Mannschaft – wann hat es das denn zuletzt gegeben? Im Tatort ist eben alles möglich. Besonders in einem so guten.



BEWERTUNG: 8,5/10

Titel: Tatort: Hydra
Erstausstrahlung: 11.01.2015
Genre: Krimi
Regisseur: Nicole Weegmann
Darsteller: u.a. Jörg Hartmann, Anna Schudt, Aylin Tezel, Stefan Konarske, Thomas Arnold, Robert Stadlober

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