Montag, 29. Dezember 2014

Von Opfern und Tätern - Der Internet-Tatort aus München „Das verkaufte Lächeln“



Erst neulich beim jüngsten Hannoveraner Tatort habe ich mir gewünscht, dass es mal wieder an der Zeit ist für einen waschechten Jauch-Tatort. Ein Jauch-Tatort, das ist ein Tatort, bei dem klar unterschieden wird zwischen den Bösen und den Guten, zwischen Schwarz und Weiß. Ein Tatort, bei dem ein gesellschaftliches Thema so aufbereitet wird, dass die Bosbachs und Lauterbachs dieser Welt was zu bequatschen haben. Auch beim aktuellen Münchner Tatort habe ich etwas Ähnliches erwartet. Das Thema: Das Internet, dieses crazy Zeug, und die Gefahren, die dort lauern.
Nun, jetzt ist Jauch in der Winterpause und kann daher nicht über Neuland berichten. Und „Das verkaufte Lächeln“ eignet sich (glücklicherweise) auch nur bedingt für die Talkrunde unseres Lieblings-Quizmasters. Autor Holger Joos und Regisseur Andreas Senn vermeiden es, das Internet als Ort des Grauens zu stigmatisieren und beim sensiblen Thema Pädophilie grausame Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Wer ist Opfer, wer Täter? Die Grenzen verschwimmen in den 90 Minuten fließend.
Erfrischender Sidekick, der bei der Arbeit auch mal Pizzakartons verspeist und Autorennen zockt: Ferdinand Hofer als Kalli Hammermann © BR/Elke Werner


Der 14-jährige Tim (Justus Schlingensiepen) wird an der Isar erschossen aufgefunden. Er kam aus bürgerlichen Verhältnissen, seine Eltern betreiben ein Blumen-Geschäft, warum er nicht mehr am Leben ist? Gute Frage. Seine besten Freunde Florian (großartig: Nino Böhlau) und Hanna (ebenfalls großartig: Anna Lena Klenke) wissen mehr, als sie zugeben. Zeit für Kalli Hammermann (erfrischend und der heimliche neue Star in München: Ferdinand Hofer): Der junge Hüpfer und Helfer der beiden Haudegen Batic und Leitmayer (souverän und sympathisch wie immer: Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl) ist ein echter IT-Profi und stößt bei den Recherchen auf Tims dunkles Geheimnis. Gegen ein Abo von 10 € zog er sich im Internet aus, interessierte Erwachsene sahen ihm dabei zu. So auch Maxim Mehmet (sonst im Leipziger Tatort im Ermittler-Gespann tätig), der Guido Buchholz spielt. Buchholz ist, natürlich, Fußballtrainer in der C-Jugend und steht, natürlich, auch auf Minderjährige. Dabei ist er, natürlich, Familienvater und glücklich verheiratet. Irgendwo hier liegt das Motiv des Mörders...

Autor Joos trumpfte in diesem Jahr bereits mit vielen Fernsehfilmen auf, die eine ähnliche Thematik aufgreifen. „In gefährlicher Nähe“ mit Matthias Koeberlin, Michael Mendl und Jolia Koschitz lief im Januar. Dort bewahrte Koschitz als Anwältin Koeberlin vorm Knast. Ihm war eine Vergewaltigung vorgeworfen worden. Ein heikler Fall, bei dem Joos als Autor ebenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Genauso bei „Ein offener Käfig“ aus dem September, wo Martin Feifel als Sexualstraftäter aus dem Gefängnis entlassen wird und das Dorf ihn nicht gerade mit offenen Armen empfängt. Joos bewies bei diesen beiden Filmen sowie auch im vorliegenden Tatort, dass er schwierigen Thematiken gewachsen ist. Jeweils wägt er beide Seiten ab, zeigt dem Zuschauer das Für und Wider auf, aber gibt ihm auch die Chance, sich eine eigene Meinung zu bilden. So auch in „Das verkaufte Lächeln“.

Der Fußballtrainer ist immer der Pädohpile - jedenfalls im Tatort: Maxim Mehmet ©BR/Elke Werner
Mehmet fühlt sich im Film zu den Jungen hingezogen, die sich im Netz ausziehen. Hier könnte er den Holzhammer und Zeigefinger rausholen – aber er lässt es sein. Viel mehr stellt er die Frage in den Raum, in wie weit es denn auch verwerflich ist, was die Jungs da im Netz so treiben? Sind sie nicht auch krank, wenn sie, wie Florian es an einer Stelle tut, in den Erwachsenen Zusehern echte Freunde sehen? Eine gute Frage. Auch hätte Joos an dieser Stelle das Internet verteufeln können, aber er überlässt diese Aufgabe seinen Figuren. Batic versteht die Welt nicht mehr, hat kein Verständnis für Buchholz und sieht ihn nur den Pädophilen von nebenan; Leitmayer sieht das differenzierter und das Internet erklären und was es dort für Möglichkeiten gibt, das übernimmt Sidekick Kalli. Schön zeigt sich am Tatort, wie wenig die Eltern der Hauptprotagonisten wissen, was ihre Kinder da im Internet tun. „Tim hat immer Apps gebastelt“, sagt Tims Mutter. Hilflos sind sie vor dem Neuland. Müssen Eltern mehr hinschauen, was ihre Kindern so tun? Definitiv, aber auch hier übernimmt der Krimi nicht die Rolle des Oberlehrers.

Der Kriminalfall als solcher ist leider zu üblich. Der Pädophile ist der nette Fußballtrainer, die Kinder aus ärmlichen Verhältnissen sind die Bösen, die Kinder aus dem guten Haus mit Haushälterin sind die verwöhnten Gören. Batic und Leitmayer dürfen sich auf eine Seite stellen. Da überrascht leider wenig im Ablauf und in der Auflösung, trotzdem ist gerade der Showdown überraschend mutig. Senn beweist seine große Stärke in Sachen Schauspieler-Führung. Die Jung-Darsteller Klenke und Böhlau stechen heraus mit ihren Leistungen und auch Katharina Schubert als Florians Mama spielt wahnsinnig toll. Letztlich ist „Das verkaufte Lächeln“ eine gute Ausgabe, die nicht in mögliche Fallen tappt und vieles richtig macht, der es aber auch ein wenig der Intensität früherer Ausgaben fehlt.

©ARD
Ein Moment bleibt vom Abend besonders im Gedächtnis: Im Schlüpper tritt Hanna einmal Leitmayer entgegen. Er fragt sie, warum sie sich denn halbnackt auszieht und dabei fotografieren lässt. Sie entgegnet: „Ja, warum denn nicht, bin ich etwa so hässlich?“ Das sitzt.

BEWERTUNG: 08/10
Titel: Tatort: Das verkaufte Lächeln
Erstausstrahlung: 28.12.2014
Genre: Krimi
Regisseur: Andreas Senn
Darsteller: u.a. Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Ferdinand Hofer, Lisa Wagner, Nino Böhlau, Anna Lena Klenke, Maxim Mehmet

PS: Der Saarbrückener Tatort vom 2. Weihnachtstag war zwar besser als die ersten drei Fälle mit Devis Striesow als Kommissar Jens Stellbrink - aber auch noch weit davon entfernt, gut zu sein. Mehr dazu von den Kollegen von wiewardertatort.

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