Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die Erde, die Sterne, der Mensch - Wo gehören wir hin? // "Interstellar"!

AB 6. NOVEMBER IM KINO!  ©Warner Bros.
Ein Blick zu den Sternen und der Mensch fühlt sich klein. Um nicht zu sagen unbedeutend. Betrachtet man des Nachts den Himmel, stellt sich unwillkürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens und was unsere Existenz bedeutet. Ob wir alleine sind in dieser gigantischen Leere, gefüllt mit Gasriesen, schwarzen Löchern und Galaxien. Was uns im Anbetracht unserer winzigen Lebensspanne überhaupt besonders macht. Oder auch: Basiert unser Dasein tatsächlich auf einem Zufall und nichts weiter? 

Das sind Dinge, die dem Zuschauer während „Interstellar“ durch den Kopf gehen. Angesichts der unfassbar schrecklichen und zugleich wunderschönen Impressionen im All, die uns dorthin nehmen, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist. Christopher Nolan („Inception“, „Batman Begins“) ist bekannt für seine Liebe zu Technologie, die sich auch in seiner Art Geschichten zu erzählen niederschlägt. Selten geht es wirklich um die Charaktere, es ist eher die Konzeption der Geschichte, die dem Zuschauer den Atem nimmt. Der Knalleffekt im letzten Drittel, der dem Vorangegangenen einen Sinn verleiht. Oftmals werfen Kritiker Nolan deshalb ein Desinteresse an seinen Figuren vor, da er sie seinem Story-Konstrukt mit aller Macht unterordnet. 

©Warner Bros.
Mit „Interstellar“ ist Christopher Nolan jedoch ein Kunststück gelungen. Seine Reise in Wurmlöcher und darüber hinaus ist im Grunde sein thematisch trockenster Film. Technische Expertise, eine abermals von A bis Z durchgeplante Story mit allerlei Überraschungen – all das schreit förmlich nach Nolan. Doch dieses Mal sind es die Figuren, die dem Film zu wirklicher Größe verhelfen. Der innere Konflikt des Protagonisten Cooper (dargestellt von Matthew McConaghey) ist der eigentliche Anker der Geschichte. McConaughey verleiht dieser Figur eine gewisse Tiefe, lässt ihn in den Sternen nach der Rettung der Menschheit suchen. Stets zwischen Hoffnung und Trauer, Machtlosigkeit und sturem Willen pendelt er hin und her. Ihm zur Seite steht Dr. Brand (Anne Hathaway), die mit Cooper eine stimmige und von jeglichem romantischem Firlefanz befreite Chemie aufbaut. Der wahre Star des Films ist jedoch der Roboter Tars, der – anders als im Klassiker „2001 – Odyssee in den Weltraum“ – alles tut, um die Crew und damit die Menschheit zu retten. Galaxienübergreifende, alles in Besitz nehmende Liebe ist nämlich das Stichwort, auf das jedes Plotdetail in „Interstellar“ abgestimmt ist. Es ist schon ironisch, dass Nolan seinen Sinn für dieses starke Gefühl in technologische Erklärungen einwickelt. Insofern war er noch nie kompromissloser, da die Konzeption der Geschichte, im Grunde also Coopers Kampf um das Schicksal der Menschheit, eine Symbiose aus Technologie und Liebe darstellt. Christopher Nolans Weltsicht scheint sich stets im Bereich des Rationalen zu befinden, weshalb „Interstellar“ erstmalig einen erweiterten Einblick in das Gefühlsleben des Regisseurs zulässt. Bestimmte vorher Funktionalität seine Filme, lässt er sich immer weiter treiben und erreicht eine faszinierende Einheit aus Rationalität und Einfühlsamkeit seinen Figuren gegenüber. 

Deshalb gleicht „Interstellar“ einer Wundertüte. Er lädt das Publikum zum Staunen ein und dürfte gerade Weltraum-Interessierte die eine oder andere Träne ins Auge treiben. Ähnliches durfte vorher noch nie auf der großen Leinwand bestaunt werden und es ist unwahrscheinlich, dass sich ein derartiges Projekt oft wiederholt. Der Zuschauer wird zum Entdecker, fliegt durch ein Wurmloch und beobachtet, wie der Mensch über sich selbst hinauswächst. Insoweit ist es Nolans mutigster Film, da er seine typisch verspielte Story nimmt und sie zum ersten Mal mit Leben füllen kann. Mit Figuren, die es wert sind, mit ihnen mitzufiebern und einer Zukunftsaussicht, die wahrlich nicht rosig aussieht. Zusammen mit Hans Zimmer’s (endlich wieder) abwechslungsreichen Score entsteht ein zuweilen transzendentes Werk, das im Mainstream-Kino eigentlich nicht existieren dürfte. Denn einfach macht es Nolan dem Mainstream-Publikum nicht. Mutet „Interstellar“ zu Beginn noch geerdet und zielgerichtet an, entwickelt sich das Geschehen hin zum Unerklärbaren, Schrägen und Unendlichen. Ist der Niedergang der Zivilisation während der Exposition nur angedeutet, schöpft Nolan seine kreativen Ideen im Fortlauf visuell als auch emotional völlig aus. Zeit und Raum sind relative Konstrukte, die es aufzubrechen gilt, was Nolan auch kompromisslos durchzieht. Das ist zuweilen sperrig und unorthodox, aber auch aufsehenerregend, atemberaubend und in seinen 170 Minuten keine Sekunde(!) langweilig. Zwar rutscht Nolan hin und wieder überraschenderweise ins Melodramatische ab, kann sich aber stets davon befreien. Angesichts der Fülle an Ideen und Ambitionen, die dieses Werk beinahe bersten lassen, absolut verzeihlich. Kino zum Staunen, Kino in seiner reinsten Form – das ist „Interstellar“. 

©Warner Bros.
BEWERTUNG: 08/10
Titel: Interstellar
FSK: ab 12 freigegeben
Laufzeit: 170 Minuten
Genre: Science Fiction
Autor: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Regisseur: Christopher Nolan
Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Michael Caine, Jessica Chastain, Casey Affleck, Matt Damon, Wes Bentley, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Mackenzie Foy




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen