Samstag, 27. September 2014

Ein Spiel der Schatten im zerstörten Berlin - "Phoenix"!

©Piffl Medien GmbH

Sucht man nach aufsehenerregenden Namen für das jüngere deutsche Kino, so ist Christian Petzold wohl unter den ganz Großen zu finden. Kaum ein anderer ist unter Kritikern weltweit so beliebt und kann in regelmäßigen Abständen überzeugen. Mit seinem neuesten Werk „Phoenix“ wagt er sich allerdings an einen Stoff, den er bisher nicht angerührt hat. 

Angesiedelt im Nachkriegsberlin 1945 führt er den Zuschauer in das Leben der Jüdin Nelly (Nina Hoss), die durch Grausamkeiten im Konzentrationslager ihr Gesicht chirurgisch wieder herstellen lassen musste. Ihr ehemaliges Leben in Trümmern, versucht sie fortan durch die Hilfe ihrer Freundin Lene wieder auf die Beine zu kommen. Doch leichter gesagt als getan. Unverhofft trifft sie in einer Bar ihren Ehemann Jonny (Ronald Zehrfeld) wieder, der sie allerdings nicht wiedererkennt. Da er ihr eine gewisse Ähnlichkeit zu seiner vermeintlich toten Frau nicht absprechen kann, überredet er sie, bei einem Erbschaftsbetrug mitzumachen. Es beginnt ein Spiel um Verrat, Lug und Trug und der Suche nach der Wahrheit. 

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Nun, „Phoenix“ macht es dem Publikum mit Sicherheit nicht einfach. Genauer gesagt, entscheidet sich schon recht früh, ob der Film beim Zuschauer funktioniert oder nicht. Kann man sich auf die in höchstem Maße unglaubwürdige Prämisse – der Ehemann erkennt seine Frau nicht wieder – einlassen, vermag das Schicksal der Figuren zu bannen. Allerdings wird das immer wieder erschwert, schließlich fällt es selbst flüchtigen Bekannten leicht, in der operierten Nelly sie tatsächlich zu erkennen. Lässt man diesen Umstand mal beiseite, bietet das Drehbuch einigen Stoff an interessanten Gedankengängen. So manifestiert sich in der Figur der Lene das tiefe Zerwürfnis zwischen Deutschen und Juden, das im Film auf ewig zerrüttet scheint. Es gibt keine Vergebung, oder besser: Es sollte keine geben. Kein Vergessen, kein Nachgeben. Genauso ist das Nichterkennen seitens Jonny ein Ausdruck unterdrückter Schuld, die er sich bis zum Ende nicht eingestehen will. Zuschauer, die wild auf Logik pochen, werden dadurch aber nicht besänftigt. Petzold hält diese Linie die gesamte Zeit über strikt durch und führt seine Idee konsequent zu Ende. 

Die größte Stärke des Films liegt jedoch in der Figur der Nelly. Anfangs erscheint sie als zitterndes, unselbstständiges Frauchen. Wie sie unsicher durch das nächtliche Berlin streift, zeigt deutlich, wie sehr sie im Lager und durch den Krieg selbst gelitten hat. Ihr Wandel im Laufe der Zeit – gerade in ihrer Beziehung zu ihrem Mann – wird dadurch überdeutlich. „Phoenix“ ist metaphorisches Kino, das zwischen den Zeilen gelesen werden muss. Gleichwohl ist Petzolds Kino ein Kino der Details. Das mit rotem Licht durchflutete Berlin, die zerstörten Umrisse einst prachtvoller Häuser, das Hochrutschen eines Ärmels. Allem wird Bedeutung beigemessen. Zwischen Film Noir und gefühlvollem Drama angesiedelt kann das Schicksal der Figuren über weite Teile des Films jedoch nicht berühren. Erst zum Finale hin spielt Petzold sämtliche Karten kongenial aus und garniert „Phoenix“ mit einem Schlussbild, das sich gewaschen hat. Schuld und Sühne. Vergebung und Vergessen. Verachtung und Liebe. Die Grenze dazwischen verschwimmt, verblasst, genauso wie die Silhouette Nellys.

So entlässt er den Zuschauer doch noch versöhnlich aus einem schwierigen und sperrigen Film, der sich für eine Zweitsichtung geradezu anbietet. 


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BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Phoenix
Laufzeit: 98 Minuten
Genre: Drama
Erscheinungsjahr: 2014
FSK: ab 12 freigegeben
Regisseur/Autor: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Uwe Preuss, Michael Maertens, Imogen Kogge





1 Kommentar:

  1. Ich bin gespannt auf den Film. Steht auf jeden Fall auf der Watchlist. Ein Petzold kann im Kern ja nicht schlecht sein, dafür ist sein filmisches Erzählen einfach zu gut. Bisher hat er mich jedenfalls noch nicht enttäuscht.

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