Dienstag, 1. Juli 2014

Ein kleiner Junge und wie er die Wissenschaft revolutionierte - Die Karte meiner Träume!





AB 10. JULI IM KINO! ©DCM Film Distribution

Wenn jemand wie Jean-Pierre Jeunet einen neuen Film dreht, blickt die Filmgemeinde auf. Wenn der Franzose dann auch noch über den großen Teich nach Amerika fährt, ist die Aufmerksamkeit umso größer. Ganze 17 Jahre nach dem persönlichen Fiasko mit „Alien – Die Wiedergeburt“ traut er sich mit „Die Karte meiner Träume“ wieder dorthin. Statt Science Fiction lädt er das Publikum nun ein, in eine für ihn typische Welt. Eine Welt voller Skurrilem, origineller Typen, unverhoffter Wendungen und dem Blick fürs Detail. Es scheint, als habe der Künstler endlich seinen Mittelweg in Hollywood bzw. der USA gefunden. In seinem neuesten Film vereint er nämlich die besten Elemente. Seine Verträumtheit, die dank überschäumender Bilder besticht, in Verbindung mit dem wohl uramerikanischstem Genre überhaupt (neben Western, versteht sich). Das Roadmovie. 

Jeunet lässt den 10-Jährigen und hochbegabten Jungen T. S. Spivet das Perpetuum Mobile erfinden. Eine Maschine, die ohne Energieverlust ewig läuft. Ein Erdbeben in der Wissenschaft folgt ebenso wie die Einladung zu einer Preisverleihung im renommierten Smithsonian Institut. Dumm nur, dass niemand weiß, dass er noch ein Kind ist und seine Eltern in ihrer ganz eigenen Welt leben. Sodann begibt er sich selbst auf eine Reise gen Washington, auf der er vielen Menschen begegnet und Abenteuer bestreiten muss. 

Na, wenn das nicht wie eine Spielwiese für Jean-Pierre Jeunets Ideen klingt. Er tobt sich hier nach Herzenslust aus, reiht einen skurrilen Charakter an den Nächsten. Von Spivets verschrobenen Eltern, über die Miss-Wahlen-Verrückte Schwester. Hier tummeln sich illustre Figuren, die Spaß machen und den Film stellenweise zur Wundertüte machen. Jeunet visualisiert die Romanvorlage gekonnt. Die vielen Gedankengänge Spivets, die im Buch als Randnotizen und Bilder zu finden sind, lassen sich auch im Film in wunderschönen Animationen entdecken. Dementsprechend ist die Bildsprache ausgezeichnet und lädt zum Staunen ein. 

Es sind jedoch nicht die lauten, imposanten Szenen, die den Zuschauer am meisten beeindrucken. Viel eher sind es kleine, fast schon unscheinbare Sekunden, die sich in das Gedächtnis brennen. Regentropfen, die an einer Fensterscheibe herunterkullern, Hände, die sich flüchtig berühren. Hier strahlt „Die Karte meiner Träume“ das aus, was gemeinhin unter Kinomagie verstanden wird. Der Charakter Spivets ist in seiner vielschichtigen Art ein Geschenk, mit dem Jeunet behutsam umgeht. Der Film ist nie zu leise, nie zu sehr auf phänomenale Bilder bedacht. Er findet den optimalen Mittelweg und erinnert deshalb phasenweise an Martin Scorseses Meisterwerk „Hugo Cabret“.
Witzigerweise begnügt sich der Film nicht mit der bloßen Bezeichnung Roadmovie. Im letzten Viertel schwenkt „Die Karte meiner Träume“ noch einmal um und wird zu fast schon beißender Mediensatire. Hier zeigt sich Jeunets Gespür für Dramatik, denn dieser Bruch in der Erzählung wirkt keinesfalls negativ, sondern bereichert den Film nochmals. So wird er nicht nur figurentechnisch seinem Ruf als Wundertüte gerecht, sondern auch inhaltlich. Großes Kino eben. 

BEWERTUNG: 08/10
Titel: Die Karte meiner Träume
FSK: ab 0 freigegeben
Laufzeit: 105 Minuten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Roadmovie, Komödie, Drama
Regisseur: Jean-Pierre Jeunet
Darsteller: Helena Bonham Carter, Kyle Catlett, Judy Davis, Callum Keith Rennie, Robert Maillet, Julian Richings










Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen