Sonntag, 27. April 2014

Der falsche Ort zur falschen Zeit - Das Verhängnis in "Fruitvale Station"






AB 1. MAI IM KINO! ©DCM Film Distribution
Ein Bahnhof an Neujahr. Im Zug zwängen sich feiernde Menschen aneinander vorbei, lachen mit ihren Freunden im Waggon und stoßen auf das neue Jahr an. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich. Plötzlich betritt die Polizei den Bahnhof, zwingt Einige der Feiernden aus dem Zug auszusteigen. Die Stimmung kippt, Handys werden gezückt. Einer der beiden Polizisten stellt die vier Afroamerikaner an die Wand und ruft nach Verstärkung. Beleidigungen fliegen hin und her, der männliche Polizist wird handgreiflich. Im Zuge dutzender Handykameras, die auf ihn gerichtet sind, wirft er einen der Feierwütigen zu Boden, drückt ihm den Stiefel ins Genick. Die Schaulustigen beginnen sich zu regen, Unmut wächst und langsam entgleitet den Offiziellen die Situation. Die Verstärkung trifft ein, hektisches Gezerre füllt das Bild. Plötzlich ertönt ein Schuss. Das Bild wird schwarz. Nur Entsetzensrufe sind zu hören. 

So beginnt „Fruitvale Station“. Ein Film, der in den USA für große Wirbel gesorgt hat. Basierend auf wahren Begebenheiten zeichnet der Film die Geschehnisse des Silvesterabends 2009 nach, die zu den schwersten Rassenunruhen seit 1992 führten. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der junge Afroamerikaner Oscar Grant. Erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen, trifft er an diesem Tag die Entscheidung seines Lebens. Er will endlich mit seinem Leben aufräumen, seiner Tochter ein guter Vater und seiner Frau ein guter Ehemann sein. Schluss mit dem Dealen, dem Lügen und Betrügen. Doch der schicksalshafte Tag des 1.1.2009 wird das Leben seiner Familie für immer verändern. 

©DCM Film Distribution
Rein filmisch gesehen, hat „Fruitvale Station“ seine Probleme, den Zuschauer bei Laune zu halten. Die ersten 60 Minuten haftet die Kamera fast dokumentarisch an seinem Protagonisten. Das Publikum erfährt, wie er lebt, was er denkt und wie er mit sich selbst hadert. Im Grunde nichts Neues, denn Schicksale aus dem Drogensumpf der USA hat es schon zu Dutzenden gegeben. Regisseur Ryan Coogler führt in fast schon entschleunigten Bildern durch das anfangs verkorkste Leben Oscar Grants und weiß wenig Neues zu erzählen. Nähert der Film sich jedoch seinem Anfangsbild, ändert sich die Lage. Jetzt entpuppt sich Cooglers langsame Herangehensweise als kluge Taktik, da das Geschehen an Tempo kolossal zunimmt und durch schnelle Schnitte an Intensität gewinnt. Den Zuschauer presst es förmlich in seinen Sessel, wenn das Unheil seinen Lauf nimmt und die Situation eskaliert. Hier macht sich das ausführliche Kennenlernen des Hauptcharakters bezahlt, wodurch es leichtfällt, in ungläubiges Staunen zu verfallen. Positiv hervorzuheben ist, dass Regisseur Coogler nicht zu offensichtlich versucht, auf die Tränendrüse zu drücken. Viel eher entpuppt sich „Fruitvale Station“ als Drama über einen Mann, der gerade im Begriff sich zu ändern, daran gehindert wird. Und das ist schade. Verdammt schade. 

Nach nur 85 Minuten ist der Spuk vorbei. Die ausschweifenden Gerichtsverhandlungen streift der Film nur durch Texteinblendungen, wodurch ein wenig Eigenrecherche notwendig ist.
War das Verhalten der Polizei nun rassistisch motiviert? Verwechselte der Officer tatsächlich Dienstwaffe mit Taser? Fragen, die niemals eindeutig beantwortet werden können, es sei denn der Betroffene würde seine Aussagen wiederrufen. Fakt ist, dass diese Situation für Jedermann einen erhöhten Stresspegel bedeutet. Gerade dann, wenn man sowieso von einem gefährlichen Einsatz zum Nächsten gerufen wird (wie der Schütze). Dazu mit rund 200 Schaulustigen. Zugute halten muss man „Fruitvale Station“, dass er keine Seite ernsthaft begünstigt. Zwar war das Einschreiten der Polizei klar überzogen, die Beleidigungen in Richtung weiblicher Officer allerdings auch. Was bleibt, ist ein tragischer Vorfall, der zu noch Schlimmerem führte. 

Man darf allerdings auf weitere Projekte des Regisseurs gespannt sein. Mit einem etwas stringenteren Skript, dürfte ein Meisterwerk in jedem Falle möglich sein. 

©DCM Film Distribution
BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Fruitvale Station
FSK: ab 12 freigegeben
Laufzeit: 85 Minuten
Erscheinungsjahr: 2013
Regisseur: Ryan Coogler
Darsteller: Michael B. Jordan, Octavia Spencer, Kevin Durand, Chad Michael Murray, Melonie Diaz, Ahna O´Reilly




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