Dienstag, 4. März 2014

Wo ist der Skandal, wenn man ihn sucht? - "Nymphomaniac Teil 1"




©Concorde


Sicherlich ist das Gesamtwerk „Nymphomaniac“ von Lars von Trier einer der meist diskutierten Filme des Jahres. Im Vorfeld überschlugen sich die Meldungen von echtem Sex zwischen den Darstellern (dementiert) und von Triers Transformation zur Persona Non Grata nach einem missglückten Nazi-Witz in Cannes 2013. Allgemein würde „Nymphomaniac“ vor Skandalösem nur so strotzen, was durch das Marketing nur noch betont wurde.  All jene, die darauf hofften, werden rasch eines Besseren belehrt. Natürlich widmet sich Lars von Trier der Sexualität seiner Protagonistin(?) ausführlich. Doch ist die Darstellung des Geschlechtsaktes äußerst sachlich präsentiert und nicht selten von einem schwarzen Humor durchzogen. Anregend, aufregend oder gar Besorgnis erregend wird der Zuschauer hier gar nichts finden. 

Gesplittet in zwei Teile folgt Teil 1 den jungen Jahren der selbstdiagnostizierten Nymphomanin Joe. Eingebettet in die Rahmenhandlung eines Gespräches zwischen der älteren Joe und einem hilfsbereiten Mann, erzählt sie ihre Lebensgeschichte in ausschmückenden Details und lässt wenig aus. 

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Dabei macht sich Lars von Trier Gedanken über die Unvereinbarkeit von Lust und Liebe und baut in seinen Film mal mehr, mal weniger amüsante Exkurse über Fliegenfischen, Mathematik und Musik ein. Das ist in seinen besten Momenten Augen öffnendes Kino, da die Parallelen zwischen Sex und eben jenen Themen klug gewählt sind und veranschaulichen, was in Joe eigentlich vor sich geht.
Von Trier vertraut wieder einmal auf seine Muse Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle. Wie schon in „Antichrist“ und „Melancholia“ zahlt sie es ihm mit schonungsloser Offenheit zurück. Die Newcomerin Stacey Martin als junge Joey besitzt allerdings die meiste Screentime und trägt den Film größtenteils gekonnt. Hier besitzt der Film auch seine stärksten Szenen, wie etwa der Krankenhausaufenthalt mit ihrem Vater (Christian Slater), oder Uma Thurmans belebender Kurzauftritt als betrogene Ehefrau in einer denkwürdigen Menage a trois. Das sind Momente, in denen „Nymphomaniac 1“ hochgradig unterhaltsam zu Werke geht. Leider schafft er das nicht durchgehend, denn ab und zu verliert der Film einfach den Faden. Wirklich neu sind von Triers Aussagen in Bezug auf Sexsüchtigkeit nämlich nicht. Eine Frau versucht ihre innere Leere mit Sex zu füllen, ohne Rücksicht auf das Leben anderer. Wirklich funktionieren tut es nicht, wodurch sie immer tiefer in den Teufelskreis „gefühlskalter Sex“ gerät und es, wie der Zuschauer gleich zu Beginn erfährt, kein schönes Ende nehmen wird. 

Das ist nach zwei Stunden dann doch etwas wenig für einen Lars von Trier. Allerdings ist „Nymphomaniac 1“ auch gerade einmal die Hälfte des Films, wodurch eine abschließende Bewertung erst einmal nicht möglich ist. Teil 2 wird aller Ansicht nach um einiges dunkler, böser und existentialistischer werden. Ganz egal, wie der Zuschauer zu Teil 1 steht, er darf gespannt sein. Denn bei einem Film von Lars von Trier kann er nie sicher sein, was ihn erwartet.


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BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Nymphomaniac 1
Laufzeit: 110 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Autor/Regisseur: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Shia LaBeouf, Stacey Martin, Uma Thurman, Stellan Skarsgard, Christian Slater, Connie Nielsen, Martin Hentschel, 



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